Asienspezialist Justin Leverenz, Fondsmanager bei Invesco in New York, über die Folgen von Covid-19 für die Weltwirtschaft und neue Chancen an den Kapitalmärkten.

INTERVIEW//THOMAS GARMS

Was sind aus der Anlegerperspektive die wichtigsten Lehren aus dem Umgang mit Covid-19?

Die für Friedenszeiten beispiellosen wirtschaftlichen Verwerfungen durch die Maßnahmen zur Eindämmung dieses Virus werden für viele Branchen schmerzhaft sein und nicht alle Unternehmen werden überleben. Vielen kleineren Unternehmen droht die Insolvenz. Andere werden einschneidende Entscheidungen treffen und ihre Investitionen in Kapazitäten, Produktentwicklung, Marken und Talente kürzen müssen. 

Mit welchen Konsequenzen?

In jedem Fall werden die Starken noch stärker werden, Marktanteile hinzugewinnen und künftig vermutlich noch profitabler sein als ihre schwächeren Konkurrenten. Das alte Motto „Cash is King“ gilt aktuell mehr denn je. Unternehmen, die – dank exzessiver geldpolitischer Interventionen der Zentralbanken – billige Finanzierung genutzt haben, um ihre Bilanzen auszuweiten, könnten unter dem Liquiditätsdruck zusammenbrechen. Dagegen werden sich einigen Unternehmen mit starken Bilanzen attraktive Möglichkeiten für Zukäufe zu günstigen Preisen bieten.

Welche Länder sind für Sie aktuell die größten Sorgenkinder und welche werden zu den Gewinnern gehören?

Wir glauben, dass China der dominante Wachstumsmotor ist – nicht nur in den Schwellenmärkten, sondern weltweit. Außerdem sehen wir in Indien zunehmend interessante Anlagemöglichkeiten – das könnte die nächste große Anlagestory in den Schwellenmärkten sein. Zu den Ländern, die strukturell unter Druck stehen oder nur ein schwaches Wirtschaftswachstum verzeichnen dürften, zählen wir Südafrika, Brasilien und die Türkei. Der Dekarbonisierungstrend wird Auswirkungen auf Russland, die Golfstaaten, Nigeria, Kolumbien und Mexiko haben. 

Die Lockdowns bedeuten für einen Großteil der Welt mehr Schulden und werden viele Industrien dauerhaft schädigen. Zu welchen Verschiebungen in der Weltwirtschaft und an den Kapitalmärkten wird das führen?

Anfang 2020 sah alles so gut aus. Europa schien seine größten Herausforderungen überwunden zu haben, in den USA herrschte Vollbeschäftigung und Asien befand sich ungeachtet der Spannungen zwischen den USA und China auf Kurs. Aber dann kam Covid-19. Was folgte, war eine massive fiskalische Expansion mit entsprechenden Risiken für die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen. Interessanterweise sind es vor allem Schwellenländer, die das Virus erfolgreich eingedämmt und die wirtschaftlichen Folgen am besten bewältigt haben. 

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Durch seine Resilienz und Wachstumsstärke ist China für viele Aktienmanager, die nach „sicheren“ Anlagen suchen, interessant geworden – aber auch für diejenigen, die einfach nur Sorge haben, etwas zu verpassen. Wir beobachten ein stark wachsendes Anlegerinteresse an China, vor allem bei Investoren, die bislang wenig Erfahrung mit China-Anlagen haben. Dadurch ist es an den Märkten stellenweise zu Übertreibungen gekommen. Außerdem wird der klassische Mean-Reversion-Ansatz bei Value-Anlagen künftig wahrscheinlich nicht mehr funktionieren, da viele traditionelle Branchen vor erheblichen strukturellen Herausforderungen stehen, zum Beispiel der Bankensektor durch Fintech, der traditionelle Einzelhandel durch den Onlinehandel und der Energiesektor durch saubere Energien.

Der Asien-Experte Justin Leverenz von Invesco sieht China auf einem starken Wachstumskurs.

Manche hoffen, dass die Welt in der Folge von Covid-19 ökologisch nachhaltiger und sicherer werden kann. Wie lautet Ihre Prognose?  

Covid-19 war ein unvorhersehbares Ereignis mit enormen Auswirkungen – ein sogenannter „schwarzer Schwan“. Trends, die bereits im Gange waren, sind – insbesondere in geschwächten Branchen – verstärkt worden und haben die Dynamik in Bereichen wie E-Commerce, Fintech, Lebensmittellieferung, Fahrdiensten, Gaming, Cloud und anderen ähnlichen digitalen Geschäftsmodellen beschleunigt. Viele dieser Umbrüche könnten dazu führen, dass die Welt ökologisch nachhaltiger und sicherer wird. 

Einige Schwellenländer scheinen sich mit guten Fundamentaldaten rasch von der Krise zu erholen. Wie stark werden die asiatisch-pazifischen Staaten vom Wiederanziehen der Konjunktur profitieren? 

China befindet sich am Beginn eines enormen strukturellen Bullenmarkts, angetrieben durch die Stärke des Renminbi, eine solide Fiskal- und Geldpolitik sowie strukturelle Reformen der Wirtschaft und Kapitalmärkte. Chinas enorme inländische Ersparnisse dürften künftig zunehmend in den Aktienmarkt fließen. Dadurch sollte auch die bis dato ungewöhnliche Beziehung zwischen Chinas beträchtlichem wirtschaftlichem Fortschritt und dem volatilen, von den realwirtschaftlichen Vorgängen abgekoppelten chinesischen Aktienmarkt durchbrochen werden.

Experten reden von einem zweiten Aufstieg Asiens – Sie auch?

Wir rechnen 2021 neben einer breiten wirtschaftlichen Erholung in Asien mit einer Rückbesinnung auf stärker nuancierte Investmentansätze. Mit solchen lassen sich unserer Ansicht nach Unternehmen und Länder identifizieren, die gut aufgestellt sind, um sich rasch wieder vom pandemiebedingten Wachstumsschock zu erholen, und Branchen, in denen eine Konsolidierung zu besseren Preisstrukturen, Margen und Renditen führen kann. Sehr interessante Anlagemöglichkeiten sehen wir in Branchen, die von der Pandemie am stärksten getroffen wurden, da die wirtschaftliche Erholung hier mit einer Branchenkonsolidierung zusammenfällt. 

Ist China auf dem Weg, in Wirtschaft und Politik die neue Führungsmacht der Welt zu werden? 

Wir sind davon überzeugt, dass China schon jetzt zu den neuen wirtschaftlichen Führungsmächten der Welt gehört. China hat einen Anteil von 16 % an der weltweiten Marktkapitalisierung und dem globalen BIP. Chinas Gewicht im MSCI EM Index beträgt über 40 %. China wird in den nächsten zwei bis drei Jahren voraussichtlich für den Großteil des weltweiten Wachstums verantwortlich sein. Schon in ein paar Jahren könnte China die USA beim nominalen BIP eingeholt haben.

China möchte bis 2060 CO2-neutral werden. Wird sich das Reich der Mitte tatsächlich vom Klimasünder zum Umweltschützer entwickeln?

Die Länder, die heute zur entwickelten Welt zählen, wurden in der Phase ihrer Industrialisierung weder für die von ihnen versursachte Umweltverschmutzung noch für ihre Kohlenstoffemissionen zur Verantwortung gezogen. Ob China wirklich zum Umweltschützer wird und seine Ziele für 2060 erreicht, lässt sich nicht voraussagen. Wir sehen aber viel Potenzial für Investoren in zahlreichen geschwächten Industriesektoren.

Invesco-Fondsmanager Justin Leverenz hat mehrere Jahre in Asien gelebt und gearbeitet.

Sprechen wir von der neuen Seidenstraße. Die sogenannte Belt and Road Initiative der Chinesen gilt mit dem Ausbau von Straßen und Schienen zwischen dem Fernen Osten und Europa als das größte Infrastrukturprojekt der Welt. Inwieweit wird von dieser globalen Verästelung auch Afrika profitieren?  

Die Belt and Road Initiative zielt auf eine bessere Vernetzung und Zusammenarbeit auf transkontinentaler Ebene ab und umfasst heute drei Kontinente und 60 % der Weltbevölkerung.

Chinas Regierung hat die Wiederbelebung der Handelsrouten entlang der antiken Seidenstraße, die China mit Ostafrika verbinden, als Symbol für Chinas Bekenntnis zu Afrika bezeichnet. Afrika wird von One Belt One Road profitieren, weil die Entwicklung des Kontinents vor allem durch die defizitäre Infrastruktur vor Ort gehemmt wird. Befürworter der Initiative verweisen auch auf das Potenzial für positive Nebeneffekte der Infrastrukturprojekte wie höhere private chinesische Investitionen in den Tourismus, die Immobilienwirtschaft und den Agrarsektor. One Belt One Road wird auch zunehmend als Katalysator für Afrikas regionale wirtschaftliche Integration und Wettbewerbsfähigkeit betrachtet.

Welche afrikanischen Länder zählen zu Chinas wichtigsten Partnern?

Neben Äthiopien auch Kenia, mit dem Hafen von Mombasa als zentralem Baustein der Initiative auf dem afrikanischen Kontinent. Kenia und China haben in den vergangenen Jahren mehrere Vereinbarungen zu einer Vielzahl von Sektoren abgeschlossen, zum Beispiel 2014 zur Stärkung des chinesischen Tourismus in Kenia und 2018 zur Steigerung der kenianischen Agrarexporte nach China und zur Stärkung der Innovation.

Wie lauten aktuell Ihre heimlichen Helden auf der Weltkarte?

So etwas wie heimliche Helden haben wir nicht. Wir sind aber überzeugt, dass China die wichtigste Anlagestory in den Emerging Markets und der globale Wachstumstreiber sein wird. Wir sehen Russland weiterhin als ein Land, das trotz des plötzlichen Einbruchs der Rohöl- und Erdgaspreise Anfang 2020 für künftige Herausforderungen gerüstet ist und wahrscheinlich einen moderaten Leistungsbilanzüberschuss aufweisen wird. Das russische BIP wird in diesem Jahr zwar so stark schrumpfen wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr. Nach mehrjährigen Maßnahmen zur Stärkung seiner Wirtschaft sollte das Land dies aber überstehen können. Externe Faktoren wie geopolitische Spannungen und daraus resultierende Sanktionen haben die russische Wirtschaft in der Vergangenheit regelmäßig belastet. Diese wiederholten Schocks haben kontinuierliche Anpassungen am Wirtschaftssystem erzwungen und die Regierung zu einer Überkompensation veranlasst, indem sie zulässt, dass die Währung und der Markt in Echtzeit auf Krisen reagieren. Dies hat dazu beigetragen, dass das Land besser gegen weiterreichende wirtschaftliche Schocks gewappnet ist als viele andere Schwellenländer.

Dezentrales Arbeiten ist zur Norm geworden. Wie können Anleger davon profitieren?

Mit dem dezentralen Arbeiten verbundene Themen wie Konnektivität, Effektivität und Effizienz hängen von vielen Variablen ab. Wie sich dies in den verschiedenen Branchen langfristig auswirken wird, ist aber noch offen. Klar gibt es Unternehmen, die vom generellen Trend zur Umstellung auf integrierte Online-Plattformen und von weiteren Digitalisierungsinitiativen profitieren können. Ein solches Unternehmen ist Tencent. Tencent hat in China quasi in allen Bereichen seine Finger im Spiel, egal ob bei sozialen Netzwerken, Nachrichtendiensten, Online-Spielen oder Cloud- und Content-Plattformen. Mit Diensten wie WeChat, WeChat Work oder Tencent Meeting und Zahlungs-, Werbe- und Cloudlösungen ist das Unternehmen hervorragend aufgestellt, um von bestehenden Trends zu profitieren, die durch die Pandemie zusätzlich beschleunigt werden.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Entwicklungsperspektiven der Türkei?

Unter den großen Schwellenländern sehen wir in der Türkei besonders ausgeprägte strukturelle Risiken. Problematisch sind vor allem die enorme Auslandsverschuldung der Türkei, bedeutende Währungsinkongruenzen (Währungsunterschiede zwischen Erlösen und Verbindlichkeiten) im Unternehmens- und Bankensektor und die unrealistische Wachstumssucht der Politik, die allein mit inländischen Ersparnissen nicht zu finanzieren ist. Nachdem die türkische Wirtschaft 2020 so stark geschrumpft ist wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr, sorgen die schwache Währung, Inflationsdruck und eine fragile außenwirtschaftliche Position dafür, dass die Abwärtsrisiken weiterhin überwiegen.

Sprechen wir von Mittel- und Osteuropa, etwa Polen, Rumänien und der Tschechischen Republik: Wie schätzen Sie da die Perspektiven ein? 

Wir legen den Fokus weiterhin auf die Erschließung attraktiver langfristiger Anlagemöglichkeiten. Unter diesen Ländern ist Polen vergleichsweise weit entwickelt – deutlich weiter als Rumänien – und die Tschechische Republik ist die kleinste dieser Volkswirtschaften, gemessen an der Größe ihres Konsummarkts. Alle bieten aber im Vergleich zu anderen Schwellenmärkten nur relativ begrenzte Anlagechancen. Unsere Portfolios sind derzeit nur in geringem Maße in Polen investiert.

Iveco-Experte Leverenz sieht starke strukturelle Hemmnisse beim Schwellenland Brasilien.

Die Pandemie hat Brasilien schwer getroffen, aber die hohen Staatsausgaben und die Lockerung der Geldpolitik haben zu einer gewissen Stabilität der Wirtschaft beigetragen. Bei den lokalen Anlegern werden in der Folge brasilianische Aktien neu entdeckt: Wie nachhaltig ist diese Entwicklung?

Brasilien ist zwar die drittgrößte Volkswirtschaft unter den Schwellenländern, hat aber in den vergangenen zehn Jahren nur sehr schwache Wachstumsraten erzielt. Wir sehen kein Szenario, in dem Brasilien als wachstumsstarke Wirtschaft überzeugen würde. 

Warum?

Brasilien hat mit so vielen selbstverschuldeten Hemmnissen zu kämpfen, dass ein bedeutendes strukturelles Wachstum hier bis auf Weiteres nicht zu erwarten ist. Brasilien hat eine ausgeprägte Doppelwirtschaft, die durch eine extrem ungleiche Einkommensverteilung aufrechterhalten wird. Das ist im Pandemieumfeld sehr deutlich geworden. Diese und weitere Herausforderungen werden das Wachstum kurzfristig bremsen und könnten zu einem langsameren, langwierigeren Erholungsprozess führen. Nach einer pandemiebedingten Rezession im Jahr 2020 dürfte 2021 ein Aufschwung folgen, wenn sich die Nachfrage im In- und Ausland langsam wieder erholt. Für uns gehört Brasilien ganz klar zu den wachstumsschwächeren Volkswirtschaften. Trotzdem sehen wir auch hier einige potenziell spektakuläre Anlagemöglichkeiten. Letztlich investieren wir auch nicht in Länder, sondern in Unternehmen, die uns wirklich überzeugen. Für Optimisten wird Brasilien wahrscheinlich weiter eine Enttäuschung sein. Anleger, die mit der nötigen Vorsicht vorgehen, sollten von brasilianischen Aktien aber nicht enttäuscht werden. 

Wie sieht es im Nachbarland Argentinien aus?

Nach dem Einbruch der Wirtschaft im ersten Halbjahr 2020 befindet sich das Land immer noch in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Durch die anhaltend hohen Infektionszahlen wurden die Einschränkungen in einigen Regionen im vierten Quartal 2020 verlängert. Dies und das sehr schwache Konsumklima machen wenig Hoffnung auf eine kräftige Erholung im Jahr 2021. Nach dem starken Wachstumsrückgang im Jahr 2020 ist aber zumindest im zweiten Halbjahr 2021 mit einer zaghaften Erholung zu rechnen. Die anhaltenden makroökonomischen Ungleichgewichte, die sehr hohe Inflation, Kapitalverkehrskontrollen und eine potenziell marktfeindliche Politik werden das Wirtschaftswachstum aber weiterhin bremsen. 

Welche Länder in Lateinamerika halten für Investoren viel Potenzial vor?

Bei unseren langfristigen Anlageentscheidungen stehen nicht die Länder, sondern die Unternehmen im Fokus. Die größten lateinamerikanischen Volkswirtschaften – Brasilien und Mexiko – haben mit einer Vielzahl von Problemen zu kämpfen, die von einer hohen Auslandsverschuldung und bedrohlichen Staatsdefiziten bis zu einer schlechten Asset-Qualität reichen. Hinzu kommen negative externe Faktoren wie das schwächere Wachstum der Weltwirtschaft, die strukturelle Rohstoffpreisschwäche und die potenziell negativen langfristigen Folgen einer höheren Staatsverschuldung. Die Suche nach Sicherheit und die Angst, etwas zu verpassen (der FOMO-Effekt), haben zu einer Konzentration auf asiatische Aktien geführt und große Teile von Lateinamerika vom Radarschirm der Anleger verschwinden lassen. Wir glauben, dass sich dadurch Möglichkeiten für Stockpicker eröffnen, langfristig solide aufgestellte Unternehmen zu attraktiven Bewertungen zu finden. 

Welche Sektoren sind von besonderem Interesse?

Wir glauben, dass der Mehrwert und die Differenzierung, die wir unseren Investoren bieten können, in der Fokussierung auf Unternehmen – nicht auf Länder oder Branchen – bestehen. Unser Team sucht nach herausragenden Unternehmen, die sich durch strukturelle Wachstumstreiber, nachhaltige Wettbewerbsvorteile und eine gute Unternehmensführung auszeichnen und dank neuer Initiativen und Projekte den Charakter einer Realoption haben, also ähnlich einer Finanzoption ein riesiges Gewinnpotenzial haben, das längerfristig zum Tragen kommt. Das Team meidet ein zu starkes Engagement in zyklischen, standardisierten oder stark regulierten Sektoren. 

Die Bewertungen vieler Tech-Firmen sind hoch. Soll man trotzdem jetzt noch kaufen?

Covid-19 hat zu einem sehr unsicheren Umfeld geführt, in dem die Anleger viel zu stark dazu neigen, aktuelle Trends in die Zukunft fortzuschreiben, und mit ziemlicher Sicherheit aktuell deutlich mehr für diese Unternehmen zahlen, als sie wert sind. Andere disruptive Branchen, in denen die Anleger zu sehr auf eine garantiert rosige Zukunft setzen, sind E-Autos, Onlinehandel und Lebensmittellieferdienste. Durch die jüngsten Entwicklungen haben sich die Aussichten in diesen Branchen vermutlich nochmals verbessert. Dadurch ist aber nicht gesagt, dass alle Anbieter Erfolg haben werden. Die Bewertungen sind hier inzwischen ungerechtfertigt hoch, sodass Investoren hier Geld verlieren könnten. 

Strukturelle Veränderungen trennen Unternehmen in Gewinner und Verlierer. Mit welchen Veränderungen müssen wir für wichtige Industrien rechnen, beispielsweise in den Bereichen E-Commerce, Mobilität, Health Care?

Die Gewinner des Jahres 2020 waren die Unternehmen, die vom FOMO-Effekt profitiert haben – ähnlich wie am Immobilienmarkt, wo auch einige nur aus Angst, etwas zu verpassen, aktiv wurden. Langfristig betrachtet lassen sich nachhaltige Mehrerträge vor allem durch Anlagen in herausragende Unternehmen mit strukturellen Wachstumstreibern, nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen und längerfristigem Gewinnpotenzial generieren. Außerdem halten wir Ausschau nach relativ innovativen Unternehmen, die nicht nur im Technologiesektor, sondern auch in vielen anderen Branchen zu finden sind. Dabei legen wir den Fokus auf disruptive Marktbereiche, differenzierte Geschäftsmodelle oder alternative Produkt-/Serviceangebote sowie eine effiziente Nutzung der Bilanz. 

Wie beurteilen Sie das Thema Wasserstoffmotoren?

Es gibt viele Trends, die durch Covid-19 verstärkt worden sind. Durch die weltweit größere Aufmerksamkeit für die Klimaproblematik und die Überkapazitäten bei den Energieunternehmen können sich neue Chancen für Investoren eröffnen. 

Wie wichtig ist heute das sogenannte Intangible Capital (immaterielles Kapital) wie z. B. Technologie, Design oder Marken?

Im Rahmen unseres langfristigen, auf herausragende und innovative Unternehmen fokussierten Investmentansatzes ist immaterielles Kapital wie Technologie, Design oder Marken eines von vielen Merkmalen, an denen wir überzeugende Anlagemöglichkeiten festmachen.

Offenbar werden die Reichen immer reicher: Welche Zukunft prognostizieren Sie der Luxusgüterindustrie?

Die Luxusgüterindustrie wird einen enormen konjunkturellen Gegenwind zu spüren bekommen. Durch die Reisebeschränkungen und Vermögenseinbußen werden die Gewinne kurzfristig stark unter Druck stehen. Hinzu kommen bedeutende strukturelle Trends wie neue Konsum- und Kommunikationsformen, neue Kanäle und neue Technologien. Dadurch werden sich die Anbieter, die im Wettbewerb ohnehin schon die Nase vorn haben, noch weiter von den schwächeren, unterdimensionierten Marken absetzen. 

Mit welchen Folgen?

Unternehmen mit starken Bilanzen werden sich interessante Gelegenheiten für Zukäufe auf einem günstigen Niveau bieten. Ein gutes Beispiel dafür ist das Unternehmen Kering, dem es gelungen ist, ein dynamisches Portfolio so bekannter Marken wie Gucci, Saint Laurent, Balenciaga und Bottega Veneta nachhaltig wiederzubeleben. Gleichzeitig kann Kering sein Portfolio durch Zukäufe zu attraktiven Bewertungen ausbauen. 

Invesco setzt neuerdings stark auf künstliche Intelligenz, um für Aktienfonds riesige Datenmengen zu analysieren und so bahnbrechende Entwicklungen früher als andere aufzuspüren. Zugleich will man so Unternehmen finden, die diese Trends vorantreiben oder überdurchschnittlich daran verdienen. Können Sie schon eine erste Bilanz wagen?

Die Ursprünge unseres Prozesses reichen bis ins Jahr 1996 zurück und wir verwenden keine künstliche Intelligenz, um riesige Datenmengen zu analysieren. Unser Researchprozess gründet auf einer umfassenden Sondierung möglicher Anlagechancen und einer fortschreitenden Vertiefung unseres Verständnisses der Unternehmen während der Haltedauer. Dieser Prozess kann sich über mehrere Jahre fortsetzen und zu wiederholten Anpassungen unserer Positionen führen. Außerdem nutzen wir die Chance, bei der Bewertung bestehender Investments auch potenzielle neue Anlagemöglichkeiten in naheliegenden Bereichen oder ähnliche Investments in anderen Regionen zu sondieren.  

Trotz der allgemein positiven Stimmung an den Börsen: Welche Risiken sollten Anleger 2021 auf dem Radar haben?

Wir glauben, dass sich die riesige Lücke, die sich im Jahresverlauf 2020 zwischen Growth- und Value-Werten aufgetan hat, wieder abrupt – und wahrscheinlich schmerzhaft – schließen wird. Das bedeutet aber nicht, dass es zu einem plötzlichen Comeback traditioneller Value-Aktien kommen wird. Unserer Ansicht nach werden Value-Anlagen auf Basis des klassischen Mean-Reversion-Ansatzes keinen Erfolg haben, da viele traditionelle Industriesektoren mit erheblichen strukturellen Herausforderungen zu kämpfen haben. Daher wird auch eine Orientierung an historischen oder normierten Bewertungskennzahlen in Verbindung mit der Extrapolation bisheriger Trends möglicherweise nicht die gewünschten Ergebnisse liefern. Investoren könnten künftig von einem differenzierteren Value-Ansatz profitieren.

ZUR PERSON

Justin Leverenz ist Fondsmanager und leitet das OFI Emerging Markets Equity-Team bei Invesco in New York. Er ist für einen der größten Emerging-Markets-Aktienfonds der Welt verantwortlich mit mehr als 50 Milliarden US-Dollar Investitionsvolumen. Zuvor wirkte Leverenz als Senior Research Analyst bei OppenheimerFunds und war Direktor der panasiatischen Technologieforschung bei Goldman Sachs in Asien. Leverenz spricht fließend Mandarin und arbeitete über 10 Jahre im Großraum China.