In Meda, rund 30 Kilometer vom Zentrum Mailands entfernt, haben einige der bedeutendsten Möbelunternehmen Italiens ihren Sitz, in friedlicher, dennoch kompetitiver Nachbarschaft quasi Haus an Haus gelegen, alle tätig unter dem gleichen Motto: Das Beste ist gerade gut genug.  Wer hier als Fachkraft lebt und arbeitet und davon profitieren will, muss sich entscheiden. Loyalität, Firmenzugehörigkeit, die Verwurzelung in der Tradition und in der Marken-DNA des jeweiligen Arbeitgebers spielen eine große Rolle, selbst wenn man mit den Kollegen der Konkurrenz gern in nahegelegenen Cafés wie dem „El Prestiné“ während den Pausenzeiten auf einen Plausch zusammenkommt und sich mit einer frisch gebackenen Rosmarin-Focaccia stärkt.

Der Eingang zum Verwaltungstrakt von Flexform in Meda.

Nur ein paar hundert Meter entfernt vom „El Prestiné“ befindet sich die Fabrik von Flexform. Das Unternehmen gilt als eines der international erfolgreichen Platzhirsche in Meda, bekannt für zeitlos elegante Polstermöbel in höchster Qualität. Wir treffen Elisa Velluto und Illaria Vezzoli, die es sich nicht nehmen lassen, uns durch die perfekt organisierte Werkhalle zu führen.

Vorprodukt: Bespannte Rahmen für die Sitzmöbel.

Die Geschichte von Flexform ist eine Familiengeschichte und somit ziemlich typisch für die Region Brianza, das Zentrum der italienischen Möbelindustrie. Aus einer Reihe kleinerer Werkstätten und Manufakturen, die hier bereits seit den frühen 1900er Jahren Sessel und Sofas zimmerten, waren in den 1960er Jahren größere Betriebe entstanden, die zunehmend lernten, das Design als stil- und gestaltbildende Kraft zu nutzen. Auf intelligente und durchaus auch experimentierfreudige Weise gelang es, Traditionen und Moderne effektvoll zu kombinieren. Spätestens jetzt war das Phänomen des „Designs Made in Italy“ geboren.

Schnittmuster für die Bezugsstoffe.
Sessel-Rohlinge mit bereits montierten Schaumstoff-Auflagen.
Arbeiter bei der Montage.

Mit der Moderne, die nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland ihren Ursprung in puncto Möbel hatte, nahmen strenge, harte und wuchtige Formen der deutschen Möbel zu. Die Italiener waren dem entgegengetreten durch klare Formen, geradlinige Konturen und sanft wirkende Details. Bis heute ist das Prinzip der Leichtigkeit und eine ausgeprägte Raffinesse bei den Materialien einer der Gründe, warum sich italienische Möbel ihrer großen Beliebtheit erfreuen.
Zudem verzichten die Italiener überwiegend auf industriell hergestellte Möbel. In dem meisten Fällen handelt es sich um Handanfertigungen, was dem Kunden wiederum die Gewissheit gibt, kein Massenprodukt zu kaufen.

Aufgespulte Garne für die Nähte.
Zahllose Bezugsstoffe stehen zur Auswahl.

„Flexform di Galimberti“ hieß die 1959 gegründete Werkstatt der Galimberti-Brüder – Startpunkt einer fortwährenden Erfolgsgeschichte. Schon bald waren die Sofas und Sessel der Gebrüder á la mode in den Stadthäusern Mailands und in den Villen am Comer See. Sogar im Foyer des Teatro alla Scala tauchten sie auf. 1967 verwandelte man Flexform zu einer Aktiengesellschaft. Konsequent baute die Eigentümer-Familie die Zusammenarbeit mit den führenden Designern der Zeit aus: Joe Colombo, Asnago-Vender, Cini Boeri, Rodolfo Bonetto und viele andere.

Zuschnitt und Näherei.

Einer sticht besonders heraus, nämlich der Architekt Antonio Citterio. Er begleitet Flexform mit seinen Entwürfen ohne Unterbrechung seit über vierzig Jahren. Seit 2016 ergänzt Daniel Libeskind die illustre Runde, gebürtige Pole mit amerikanischer Staatsbürgerschaft, der für seinen multidiszilinären Ansatz bekannt ist. Von ihm stammt die neue Sofalinie Adagio. Für alle Designer gilt ein einfaches, aber um so wirkungsvolleres Rezept: die Verschmelzung von Komfort und Eleganz. Keine disruptiven Bestrebungen durch schockierende Entwürfe, das überlässt man getrost anderen. Wesentlicher ist die behutsame evolutionäre Weiterentwicklung.

Die Polsterkissen sind mit feinen Daunen gefüllt.

Elisa Velluto klopft auf einen Stapel mit Polsterkissen. „Alle sind mit echten Gänsedaunen gefüllt“, sagt sie. Das sei ein bedeutendes Detail, denn es sorge dafür, dass die Sitz- und Lehnenkissen immer wieder zurückfinden in ihre ursprüngliche Form. Außerdem sei der Sitzkomfort völlig anders als der von Schaumstoffen. Ein paar Stationen weiter sehen wir eine Reihe von Frauen an ihren Nähmaschinen. „Alle Bezüge werden hier von Hand genäht“, erklärt Elisa, „und die Ränder der einzelnen Stoffstücke werden vor dem Zusammennähen aufwändig eingefasst.“

Werkzeuge für den Möbelbau: Handarbeit wird bei Flexform groß geschrieben.

In einem benachbarten Gang lagern auf großen Ständern Lederhäute in unterschiedlichsten Farben. Man  verarbeite nur Leder aus Nordeuropa, sagt Illaria. Durch die Ernährung und die schonende Haltung der Tiere hätten deren Häute eine deutlich bessere Qualität als beispielsweise Leder aus Afrika oder Südamerika, wo Brandeisen zum Einsatz kämen und sich die Tiere an Stacheldrahtzäunen verletzten.

Eine grosse Auswahl handgegerbter Leder wartet auf die Weiterverarbeitung.

Vor der Verarbeitung werden die Häute auf einem gewaltigen Tisch ausgebreitet. Dann fährt eine Art Scanner darüber und markiert blitzschnell für das menschliche Auge kaum sichtbare Beschädigungen. Im nächsten Schritt ordnet ein Computer das Schnittmuster der benötigten Teile an, die anschließend per Laser ausgeschnitten werden. Das Gerät navigiert je nach Haut immer wieder anders um die kleinen Löcher und dünneren Stellen des Leders herum, sodass am Ende möglichst wenig Abfall übrig bleibt.

Bügeleisen zum Glätten der Bezugsstoffe.

„Die Familie stellt einen großen Wert da“, heißt es bei den Galimbertis. Anders gesagt: Wer etwas besitzt, will dieses auch beschützen und hat gelernt, mit der omnipräsenten, über oft mehrere Generationen geschaffene Lebensgrundlage besonders verantwortungsvoll umzugehen. Langfristig orientiertes Handeln gehört hier genauso dazu, wie ein unerschütterliches Zusammengehörigkeitsgefühl. Bei den Galimbertis steht ganz klar das „wir“ im Mittelpunkt, das Bewusstsein, dass ein Team – und somit die Marke – der wahre Spielmacher sei und nicht eine einzelne Person.  Es gebe keine Solisten, sondern eine Gruppe von Entscheidungsträgern, die von „uns“ und niemals von dem „ich“ sprechen.

Text /// Thomas Garms

http://www.flexform.it