In der Sommerzeit ticken keineswegs nur die Uhren anders. Auch das Wohnen lässt die geschlossenen vier Wände hinter sich und expandiert hinaus ins Freie. Genau dort herrschte früher eine strenge Hierarchie: Während Möbel für den Innenraum mit hochwertigen Materialien und ausgeklügelten Formen die Platzhirsch-Rolle einnahmen, musste es im Garten oder auf der Terrasse deutlich spartanischer sein. Das I-Tüpfelchen des möblierten Grauens ist zugleich das erfolgreichste Outdoor-Möbel schlechthin: Der für wenige Euro im Baumarkt erhältliche „Monobloc“-Stuhl aus weißem Kunststoff, der zwar steril und wetterfest ist, doch mit wohnlichen oder gar stilistischen Qualitäten kaum in Verbindung gebracht werden kann. Die gute alte Hollywood-Schaukel folgt gleich hinterher.

Sitzkissen von Hermés.

Doch glücklicherweise ist genau an dieser Stelle viel passiert. Spielten Gartenmöbel auf den Möbelmessen der vergangenen Jahre bereits eine zunehmend wichtige Rolle gespielt, hat ihr Siegeszug im Moment noch weiter an Fahrt gewonnen. Kaum ein Hersteller will die Gelegenheit ausschlagen, auf den Zug aufzuspringen und die frischluftaffine Klientel mit raffinierten Entwürfen ins Visier zu nehmen. Der Garten wird zum gleichberechtigten Wohnraum aufgewertet, der mit wetterfesten Sesseln, Sofas, Daybeds und Teppichen in Beschlag genommen wird.

Sessel „Mbrace“ von Sebastian Herkner für Dedon

Im Freien werden die Spielregeln des Wohnens neu gemischt. Größe lautet das entscheidende Kriterium, mit dem sich die neuen Gartenmöbel absetzen. Schließlich müssen sie sich im Gegensatz zu ihren stubenhockenden Verwandten nicht in starre Grundrisse einfügen oder stilistische Schulterschlüsse mit Omas Kommode eingehen. Die neuen Garten- und Terrassenmöbel sind in ihren gestalterischen Möglichkeiten entfesselt und nutzen diese Freiheit mit voluminösen, filigranen und verspielten Formen gerne aus.

Daybed“ von José A. Gandía Blasco für Gandía Blasco

Die Abkehr vom „Monobloc“ wird mit einem im Außenraum bislang eher ungewöhnlichen Möbelstück zelebriert: einem wirklichen Sofa. Die Hersteller haben viel Knowhow in die Entwicklung wetterfester Materialien gesteckt, die sich ganz bewusst nicht nach Kunststoff anfühlen oder billig wirken. Auf den ersten Blick – und selbst nach dem ersten Berühren – sind viele der Outdoor-Möbel überhaupt nicht als solche zu identifizieren. Ein treffendes Beispiel dafür ist die Polsterserie „Indiana“ von Minotti, mit der der Mailänder Gestalter Rodolfo Dordoni die Anmutung klassischer Outdoor-Möbel kurzerhand über Bord wirft.

Outdoor-Teppich von Tribu.

Der Grund dafür liegt im Einsatz von massivem, witterungsbeständigem Iroko-Holz, aus dem sämtliche Gestelle und Unterbauten konstruiert sind. Für zusätzlichen Komfort sorgen weiche Kissen, die mit einer atmungsaktiven und wetterbeständige Drainagepolsterung versehen sind und mit eigens für den Außenbereich entwickelten Stoffen bezogen werden. Die Textilien sind nicht nur gegen Nässe immun. Sie bringen zugleich eine angenehme Haptik ins Spiel, die die Anmutung und den Komfort gepolsterter Innenraumsofas hinaus ins Freie transportiert.

Sitzsäcke „Sail“ von Héctor Serrano für Ganda Blasco.

Auf taktile Qualitäten setzt ebenso Antonio Citterio mit dem Polstersystem „Ray“ für B&B Italia. Über einem leichtem Rahmen aus extrudiertem Aluminium wird ein Geflecht aus breiten Bändern aufgetragen, die zwar aus Polyproplyen-Fasern gefertigt sind, doch sich alles andere als nach Kunststoff anfühlen. Bei Berühren werden Assoziationen an dicke Segeltaue geweckt. Zudem erscheint die Oberfläche betont dreidimensional – fast so wie ein in die Größe skalierter Strickpullover. Ein mediterranes Motiv par excellence hat der spanische Hersteller Gandía Blasco in sein Sitzprogramm „DNA“ eingewoben. Die weichen Polster werden von Rahmen aus hitze- und salzwasseresistenten Aluminiumprofilen eingefasst, die an das Schattenspiel von Fensterläden erinnern und somit Funktionalität mit Sinnlichkeit in Einklang bringen.

Liege „Gio“ von Antonio Citterio für B&B Italia.

Ein Neuling im Außenbereich ist der voluminöse Sessel, der sowohl in der Breite als auch in der Höhe deutlich zulegt. Ein eindrucksvolles Exemplar hat das Londoner Designerduo Doshi Levien für Kettal entworfen. „Cala“ verfügt über eine hohe Lehne aus lockerem Flechtwerk, die an einen stattlichen Thron denken lässt. Dennoch wird an dieser Stelle keine Ehrerbietung abverlangt. Das Möbel definiert eine schützende Kapsel, in die man sich locker hinein schmiegen kann. Auf eine umarmende Geste setzt auch der Offenbacher Designer Sebastian Herkner mit seinem Outdoor-Sessel „Mbrace“ für Dedon. Die großzügige Sitzfläche wird von einer voluminösen Lehne umhüllt, die an der Innen- und Außenseite mit einem luftigen Geflecht bespannt ist – und damit gleich doppelten Halt verspricht.

„Landi“ Stuhl und „Davy“ Tisch von Vitra.

Schwebende Leichtigkeit bringen Sonnenliegen ins Spiel, bei denen grobschlächtige Kunststoffgestelle ebenfalls Garten- und Terrassenverbot erhalten. Bereits als neuer Klassiker gilt die Liege „Neutra Lounge“, die der belgische Architekt und Minimalismus-Verfechter Vincent van Duysen für Tribù entworfen hat. Die Liegefläche wird von zwei schlanken Aluminiumrahmen mit dreieckigen Profilen eingefasst, die die physischen Präsenz des statischen Unterbaus auf ein Minimum reduzieren. Eine Ehrung beim italienischen Designoscar Compasso d’Oro hat die Outdoor-Liege „Mirto“ erhalten, die Antonio Citterio für B&B Italia gestaltet hat. Das filigrane Möbelstück ist nun um eine runde Sonnenblende ergänzt wurde, die der geradlinigen Formensprache eine subtile Berechnung verleiht.

Liege „Chill“ von José A. Gandía Blasco für Gandía Blasco.

Informelles, bodennahes Sitzen steht bei Hermès an erster Stelle. Das französische Luxus-Haus expandiert in diesem Sommer erstmals in den Außenbereich. Die neue Kollektion von Outdoor-Textilien ist aus strapazierfertigem Canvas gefertigt und gleicht einer Ode an die Sinnlichkeit. Sechs geometrische Muster mit subtilem Sixties-Appeal werden mit atmosphärischen Farben kombiniert, die die Blicke auf sich ziehen. Die Stoffe können als Bezüge von Matten, Poufs und Sitzkissen verwendet werden, die vor allem in der Kombination von unterschiedlichen Mustern ihre Wirkung ausspielen. Interessant ist hierbei vor allem die Ausrichtung zum Boden: Die neuen Outdoor-Möbel vermeiden aufrecht-steife Sitzpositionen und propagieren stattdessen eine lässiges, geerdetes Lebensgefühl.

Outdoor-Sofa „Indiana“ von Minotti.

Im Wohnzimmer haben Teppiche in den letzten Jahren ein enormes Revival gefeiert. Keine Frage, dass diese Entwicklung auch den Weg hinaus ins Freie findet. „Barefoot-Luxury“ heißt der Trend, mit dem die Abkehr von kalten, nackten Steinböden gelingen soll. Ganz gleich ob „Dickson“ von Gandia Blasco oder „Outdoor Carpet“ von Tribù: Die neue Draußen-Teppiche sind aus weichen Vinyl-Fasern gefertigt, die sich angenehm unter den Zehen anfühlen und dennoch souverän gegenüber der Witterung gewappnet sind. Eine kühlende Wirkung entfaltet der Schweizer Hersteller Ruckstuhl mit dem Teppich „Waikiki“ aus ungefärbtem Kokosgarn, der sich selbst im prallen Sonnenlicht nur leicht erwärmt und zudem die Füße leicht massiert.

Outdoor-Möbelkollektion „DNA“ von José A. Gandía Blasco für Ganda Blasco.

Fassen wir also noch einmal zusammen: Die Domestizierung von Garten und Terrasse ist im vollem Gange. Vorbei die Zeit, als klapprige Plastik-Gartensessel völlig genügten. Der Außenraum wird heute als eine natürliche Verlängerung des Salons verstanden, was mit hochwertigen, wohnlichen Materialien und angenehmen Haptiken gelingt. Das Schöne dabei: Weil im Freien alles etwas größer sein darf, geraten die klassischen Typologien durcheinander: Stühle fühlen sich wie Sessel an. Sessel werden zu Sitzkojen und Nestern. Und Sofas weiten sich zu voluminösen Sitzlandschaften, aus denen man gar nicht mehr aufstehen mag. Bei so viel gestalterischer Vielfalt, kann der Sommer endlich kommen.

Text: Norman Kietzmann