Was muss über uns kommen, um uns zu fesseln? Das Poliform Lab in Inverigo ist ein solcher Ort. Ein Statement schon von außen mit seiner langestreckten eleganten Silhouette. Erhaben, aber nicht protzig, warme Holzpaneele an der Fassade, grauer und weißer Putz, Glas, heller Stein. Abgrenzung vom Gewöhnlichen, ein unmissverständliches Signal, dass sich das Unternehmen mit luxuriösem Stil und gutem Geschmack beschäftigt. Entworfen von Carlo Colombo, beherbergt das Gebäude mit seinen über 13.000 Quadratmetern den Showroom von Poliform und der Küchenmarke Varenna. Gewissermaßen als Thinktank der beiden Marken gedacht: Innenarchitekten, Designer, Marketingmanager, Fotografen oder Webdesigner arbeiten hier zusammen, um die Produkte zu inszenieren. Aber es kommen auch Händler und Einrichtungsberater aus aller Welt, die hier geschult werden, um die Marken-DNA möglichst kompetent weiterzutragen.

Marta Anzani ist Tochter von Giovanni Anzani, der das Unternehmen 1970 mit seinen Cousins Alberto und Aldo Spinelli gründete.
Durchdachte Aufteilung und edle Werkstoffe: Ankleide von Poliform.

Marta Anzani und ihre Mitarbeiterin Manuela Catelli begrüßen uns vor einem gewaltigen Faltschrank. Er besteht aus amerikanischem Nussbaum mit einer endlosen Vielfalt an Schubladenelementen, Staufächern und Kleiderstangen, Schuhgestellen, Hosenauszügen oder Hemdenkästen. Dieses Artefakt steht in der Lobby des Gebäudes und ist ein Verweis auf eine der Kernkompetenzen von Poliform: auf Maß gefertigte begehbare Kleiderschränke und Anbaumöbel. Natürlich hat man heute längst für alle Wohnbereiche die passenden Angebote: vom Sofa über das Bett, vom Couchtisch über die Kommode. Der Schrank ist nur noch Teil eines gesamten Einrichtungskonzepts.

Der Kleiderschrank als transparenter Raumteiler: „Ego“ von Giuseppe Bavuso für Poliform.

Die Ausstellung selbst ist nach Lebensbereichen geordnet, sozusagen eine gigantische Wohnung, so hingebungsvoll inszeniert, dass man am liebsten in den nächsten Sessel sinken und dort für immer bleiben möchte. Geschickt werden die Kollektionsthemen ins rechte Licht gerückt, stilistische Zusammenhänge beziehungsweise Kontrastpunkte entwickelt und immer neue Blickfänge geschaffen. Gedämpfte Farbtöne geben die Stimmung vor. Markenwerte wie Klarheit, Flexibilität, Nachhaltigkeit und Zeitlosigkeit spiegeln sich in sämtlichen Möbelarrangements wider. Die Wurzeln des Unternehmens reichen bis ins Jahr 1942 zurück. Heute präsentiert sich Poliform als weltweit repräsentierte Marke mit rund 600 Beschäftigten.

Durchdachte Details und eine perfekte handwerkliche Verarbeitung: Küchenschrank von Varenna.

Inzwischen geht die Verantwortung Schritt für Schritt an die dritte Generation über. Neben ihrer älteren Schwester Laura, die als CEO von Poliform USA tätig ist, gehört auch Marta Anzani zur neuen Führungsriege als „Corporate Manager“. Nach ihrem Marketingstudium war sie zwar zunächst eher von der internationalen Welt der Mode als von der Möbelindustrie fasziniert, doch irgendwann fügte sie sich der dynastischen Pflicht. „Eine unternehmerisch tätige Familie verlangt jedem einzelnen viel Disziplin und Anpassungsfähigkeit ab“, sagt sie. „Man muss sich für einen Weg entscheiden und diesem auch treu bleiben“. Anfangs, in ihrer Zeit des „Sturm und Drang“, habe sie eigentlich nicht in Italien bleiben wollen, gesteht Marta Anzani. „Doch schließlich habe ich in Italien studiert, in Italien geheiratet, in Italien eine Familie gegründet.“ Sie lacht.

Charismatische Persönlichkeit: Marta Anzani im Konferenzraum des Poliform-Labs.

Heute ist die 33-Jährige eine unternehmerisch denkende Persönlichkeit. Sie gilt als diszipliniert und in Meetings geht sie stets exzellent vorbereitet. „Insbesondere wenn es um große Investitionen geht, werden wichtige Entscheidungen gemeinschaftlich getroffen, egal ob es sich um ein großes EDV-Projekt handelt oder um die Anschaffung neuer Maschinen“, erklärt sie. „Jeder von uns weiß sehr genau, was der andere gerade macht, wo mit welchen Projekten er sich in der Firma beschäftigt“.

Ton in Ton und stets elegant: Auswahl an Bezugsstoffen.

Der wechselseitige Respekt sei ein zentraler Punkt, genauso wie der enge Kontakt zu den Designern wie Jean-Marie Massaud, Rodolfo Dordoni, Carlo Colombo oder Daniel Libeskind, um die verschiedenen Standpunkte kennenzulernen. In der Regel brauche es ein Jahr Vorlauf, bevor ein neues Produkt das Licht der Welt erblickt. „Manche Produkte sind technisch ziemlich schwierig in der Umsetzung“, erklärt sie. Die Idee und das Design seien das eine, die Frage des produktionstechnisch Machbaren eine andere Sache. Bei der Gestaltung einer neuen Kollektion kümmere man sich nicht um den Geschmack in bestimmten Ländern: „Wir verstehen uns als ein Botschafter des italienischen Möbeldesigns“. Deshalb brauche man als Marke eine starke eigene Identität. „Das Design von Poliform muss immer als solches erkennbar sein.“

Gravitätische Eleganz und perfekte Symmetrie bestimmen diese Ankleide.

Wie bei anderen großen Familienunternehmen gehe auch bei Poliform langfristige Stabilität vor kurzfristiger Rendite. Die Einheit von Risiko und Haftung zwinge den Unternehmer stets besonders umsichtig zu handeln: „Die Firma ist alles“. Umso wichtiger sei es, Privates und Berufliches voneinander trennen können. Dass ihr Partner nicht in der Firma arbeitet, findet sie gut: „Sonst kommt man gar nicht mehr auf andere Gedanken.“

www.poliform.it