Retro im aktuellen Kamera-Design liegt im Trend. Es sind die Stilelemente der Kamera-Klassiker, die heute Hinguckeffekte bei Neuware produzieren. War die Preisentwicklung bei analoger Ware in den letzten Jahren abwärtsgerichtet, so dreht sich bei den echten analogen Klassikern der Markt. Neben jungen Analog-Begeisterten wollen auch die Gesetzteren die Schätzchen erstehen, die ihre persönliche Fotogeschichte begleitet haben. Früher noch in der Schublade der unerfüllten Wünsche, heute realisierbar. Kamera Klassiker bedienen Emotionen pur, ob nun nostalgisch geprägt oder in der kreativen Praxis.

Retro kommt gut: Gerade die Digital Natives sind begeistert von der analoge Kameratechnik.

Jeder Kamera-Klassiker hat seine eigene Faszination: Ob Mechanik-Maschine, Design-Meilenstein, Schlichtheit und Aufgeräumtheit oder ästhetische Verzückung, gemeinsam ist allen die fühlbare Wertigkeit des Materials und der Mechanik.

Kultkamera: Leica M3 1  /  © Winfried Warnke.

Unglaublich: Seit über 60 Jahren baut Leica mit den M-Modellen eine Kameraserie, die sich äußerlich nur leicht verändert hat. Von der Leica M3 (1954) bis zur heutigen Leica M10 gibt es dieses markante, unverwechselbare Äußere, das Leica zum fotografischen Handwerkszeug und Kultobjekt macht. Mythos Leica, M steht für das Prinzip Messsucher, also für eine individuelle Art der Fotografie, die man als Fotograf ablehnt oder liebt. Eine Reportage-Kamera par excellence, für den entscheidenden Augenblick, aber auch eine Kamera für Flaneure, für eine Zeit im Leben, in der man sich treiben lässt. Keine überflüssigen Funktionen, keine komplizierten Menues, nur das Wesentliche, das Werkzeug herausragender Fotografen der Bildagenturen („Magnum“) und der legendären Zeitschriften („Life“/“Stern“).

Legendäres und überaus robustes Arbeitsinstrument der Kriegsberichterstatter: Nikon F2 / © Winfried Warnke.

Ein anderes Sucher-Prinzip verfolgt die Nikon F2(AS). Sie gilt vielen als die beste mechanische Spiegelreflex-Kamera. Diese war in den siebziger Jahren das Nonplusultra des Kamerabaus. Diese Bild-Maschine bietet zuverlässige Mechanik, da surrt der mechanische Selbstauslöser und der Verschluss läuft satt ab. Purismus in Reinkultur, heavy Metall, eine Kamera wie aus einem Guss. Nikons Kamera Boliden der F-Serie zementierten jahrzehntelang Nikons Vorherschaft im Kleinbild-Profisektor. Die Nikon F2 ist Systemkamera mit Leidenschaft: Verschiedene Prismensucher, unterschiedliche Einstellscheiben, verschiedene Motorantriebe und Polaroid-Rückwand, ein Zubehör Programm, das für jeden Profieinsatz geeignet war. Unzerstörbar, war diese Kamera das Instrument für Kriegsfotografen.

Königin der zweiäugigen 6×6-Kamera: Rolleiflex 3,5- F1 / © Winfried Warnke.

Neben Leica ist auch Rollei ein weiteres Synonym für Kamerabau in Deutschland. Wer von Rollei spricht, meint die zweiäugige 6×6 Kamera Rolleiflex(F). Sie ist die unumstrittene Königin dieser Kameraklasse. Nimmt man sie in die Hand, verspürt man den Hauch deutscher Kamerageschichte: Wertig, filigran und unendlich solide. Die Kamera-Masse ist keine Last, sondern Beruhigung, die Sicherheit ausstrahlt. Mode- und Studiofotografen benutzten dieses Gebrauchs- und Kultobjekt, einen ganz besonderen Stil prägend: Komposition und Sachlichkeit stehen im Vordergrund.

Genialer Kamera-Quader für Profis: Hasselblad CM 500 + 80 / © Winfried Warnke.

Eine weitere Vertreterin des 6×6 Mittelformates ist die Hasselblad 500 (CM). Nicht schlichtweg Kamera, sondern Produkt-Mythos mit außerirdischer Geschichte: Mehr als ein Dutzend Hasselblad Kameras wurden von der NASA als edler Weltraum-Schrott auf dem Mond zurückgelassen. Eine Zeit, in der noch einzelnen Personen ganze Kamerasysteme und Meilensteine kreierten, schuf 1948 in New York Victor Hasselblad, gewitzter Geschäftsmann und begnadigter Techniker, die Ur-Hasselblad: Ein genialer Kamera-Quader als Ausgangspunkt, vorne mit Wechselobjektiven und hinten mit Wechsel Filmkassetten bestückt. Dieser Zauberwürfel aus Schwedenstahl, bestückt mit Objektiven von Zeiss, mit grazil abgerundeten Ecken und verchromten Gehäuserändern ergibt ein graziles, elegantes Finish.

Elegante Erscheinung: Rollei 35 in Silber / © Winfried Warnke.

Die 35 mm Kamera Rollei 35(S) hat Kompaktheit neu definiert, die Vorstellung dieser Rollei war eine Kamera Revolution. Für die klassische Filmpatrone konzipiert, ist sie etwa so groß wie eine Zigarettenschachtel. Zeitloses Rädchen-Design, puristische Ausstattung, fühlbare Beständigkeit, klarer Aufbau, diese Kamera setzte überall neue Maßstäbe. Trotz hohen Verkaufspreises, diese kultige Kompakte verkaufte sich millionenfach. Die Geschichte der Rollei 35 ist auch exemplarisch für den Aufstieg und Fall der Firma Rollei. Mit der Einführung dieses Modells erweiterte Rollei erfolgreich seine Produktpalette. Schoss aber dann über das Ziel hinaus und scheiterte mit der gigantischen Erweiterung der Produktionsstätten in Singapur. Der Globalisierungstraum endete im Konkurs.

Design-Ikone: Olympus OM1 / © Winfried Warnke.

Sie ist die Schönste: Die Olympus OM1(n) ist die unangefochtene Design-Königin in der Spiegelreflex-Kamera-Geschichte. Poportionen und Haptik bilden ein stimmiges Konzept. Hochglanzpolierte Chrom-Einfassungen wirken nicht protzig, sondern geben dieser Kamera ihr edles Gewand. Kein Wunder, dass Olympus heute auch in der Typenbezeichnung , das digitale Olympus OM-D Konzept, bewusst an die Formgebung der großen Zeiten der Olympus OM-1 anknüpft. Fast ein Drittel kleiner und leichter als ihre damaligen Konkurrenten, ist dieses filigrane Präzisionsinstrument einfach unwiderstehlich. Mit minimalen Modifikationen versehen war dieses Modell, für heutige unvorstellbar, über 14 Jahre im Produktionsprogramm.

Kam als Agentenkamera zum Einsatz: Minox C1  / © Winfried Warnke.

Wer von Minox(C) spricht, meint unverwechselbar die kleinen, schmalen, silbernen Kamera Winzlinge für das Filmformat 8×11 mm, die der Legende nach sämtliche Spione der Welt benutzten. Diese kleinen, unscheinbaren Handschmeichler stehen noch heute für geniale technische Kreativität und Wertarbeit. Von einem genialen Tüftler, Walter Zapp, 1938 in Eigenregie entwickelt, wurden in über 60jähriger Produktionsgeschichte mehr als 1 Millionen Silberlinge hergestellt, mit eingeschlossen eine goldene Minox für die englische Königin.

Bestseller__ Zeiss Contarex mit 50 Millimeter Festbrennweite / © Winfried Warnke.

Zu den großen Aushängeschildern der deutschen Kameraindustrie in den 1950-ger und 1960er Jahren gehörte der Kamera Gigant Zeiss Ikon. Das Spitzenerzeugnis aus diesem Hause, die Zeiss Ikon Contarex (super), ist massenmäßig ein echtes Schwergewicht. Über 1,2 Kilogramm bringt dieser Qualitätsbrocken mit Normalobjektiv auf die Waage. Aber auch der Verkaufspreis war für die damaligen Verhältnisse gigantisch: 2500 DM, das Fünffache eines durchschnittlichen monatlichen Nettolohnes. Technisch vom allerfeinsten, aber umsatzmäßig ein Flopp. Die Contarex ist auch Symbol für den Niedergang der deutschen Kameraindustrie. Wenn man die besten Techniker nach Herzenslust konstruieren lässt und die kaufmännischen Abteilungen nicht das Sagen haben, kommen Erzeugnisse wie die Contarex heraus. Ein aufwendiges Erzeugnis, das massenweise Geld verbrannte.

Spiegelreflex-Zwerg: Pentax 110 Super 3 / © Winfried Warnke.

Dagegen ist die Pentax 110, die Süße,ein Spiegelreflex-Zwerg. Sie wirkt wie eine geschrumpfte Kleinbild-Spiegelreflex-Kamera. Diese Miniatur-System –Kamera (für Pocket-Filme 13×17 mm) ist absolut hosentaschentauglich., ein Meilenstein im Miniaturisierungswettlauf. Die Wechselobjektive toppen diese Niedlichkeit noch einmal: Das Normalobjektiv wiegt 13 Gramm und liegt damit noch im Briefporto-Gewicht.

Sofortbildkamera Polaroid SX70 / © Winfried Warnke.

Eine ganz andere Art des Fotografierens liefert die Unikat-Maschine Polaroid SX70. Abdrücken, Bild auswerfen, warten – fertig ist das sichtbare Bild. Mit einer Polaroid zu fotografieren ist auch Kunstform, die Bilder sind die Daguerreotypien des 20./21. Jahrhunderts. Andy Warhol, Man Ray, Helmut Newton, Künstler, die sich der Magie des Sofortbildes verschrieben haben und legendäre Kunstwerke schufen.

Klassische Kameras, Symbole für spürbare mechanische Wertigkeit, Schönheit und Eleganz, sind nicht nur begehrte Sammlungsobjekte, sie sind gerade heute auch analoges Werkzeug für eine ganz besondere Art des Fotografierens.

TEXT // WINFRIED WARNKE

 

TOP TEN DER KAMERA-KLASSIKER

Leica M3 + 2,0/50 mm / Gebrauchtpreis ca. 1180 Euro

Nikon F2(AS) + 1,8/50 mm / Gebrauchtpreis ca. 420 Euro

Rolleiflex F (2,8) / Gebrauchtpreis ca. 1350 Euro

Hasselblad 500 CM (501 CM) + 2,8/80 mm / Gebrauchtpreis ca. 770 Euro 

Rollei 35 S (chrom) / Gebrauchtpreis ca. 150 Euro

Olympus OM 1(n) + 1,4/50 mm / Gebrauchtpreis ca. 140 Euro

Minox C Gebrauchtpreis ca. 50 Euro

Zeiss Ikon Contarex Super + 2,0/50 mm / Gebrauchtpreis ca. 680 Euro

Pentax 110 + 2,8/24 mm / Gebrauchtpreis ca. 30 Euro

Polaroid SX70 / Gebrauchtpreis ca. 100 Euro

Nikon FM3A + 1,8/50 mm / Gebrauchtpreis ca. 550 Euro

 

SAMMLER-TIPP

Ein ganz frischer Klassiker: Von 2001 bis 2006 gebaut (Neupreis 1600 DM) ist die Nikon FM3A ein Juwel der letzten analogen Kamera-Produktionen. Stilistischeine typisch semiprofessionelle Nikon mit Tradition, die durch das universelle Nikon F-Bajonett ältere und jüngere Objektiv-Nikkore frisst. Ihr Hybrid-Verschluss schlägt die Brücke zwischen Klassik und Moderne: Rein mechanisch für traditonelles, entschleunigendes Arbeiten oder elektronisch für den Bequemen. Wohl die gefragteste analoge Nikon im typischen Stil, für einen Klassiker noch sehr jung und deshalb wenig Service-anfällig.

DER AUTOR

Kaum jemand kennt den Kamera-Gebrauchtmarkt in Deutschland besser als Winfried Warnke: Seit 30 Jahren beschäftigt sich der Autor mit Schätzen aus zweiter Hand.  Einmal im Jahr erstellt er für das fotoMAGAZIN den Secondhand-Guide, auch als FOMAG-Liste bekannt.