Der britische Bestseller-Autor Tim Marshall über Krisenherde, Corona, China und die Macht der Geografie.

Wie lauten die fünf bedrohlichsten Krisenherde im Jahr 2020?

Eine der größten Bedrohungen könnte das „unbekannte Unbekannte“ sein – Krisen, die sich ebenso plötzlich wie überraschend zusammenbrauen, wie aktuell im Fall des Coronavirus. Die Spannungen zwischen China und den USA im Südchinesischen Meer sowie die zwischen Pakistan und China erfordern besondere Aufmerksamkeit. Es besteht die Möglichkeit, dass Venezuela erneut implodiert und der Irak auseinanderfällt. Irgendwann wird die iranische Islamische Revolution von einer Revolution anderer Couleur abgelöst, aber es lässt sich schwer vorhersagen, ob das 2020 passieren wird. Algerien bleibt ein problematisches Land mit einer unruhigen Jugend, die nicht mehr bereit ist, die alte korrupte Ordnung zu akzeptieren. Es ist unwahrscheinlich, dass die Präsidentschafts- und Nationalversammlungswahlen in Tansania ohne Probleme verlaufen. Sorgen bereitet auch der viel zu wenig beachtete Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo. Sie gehört zu den Ländern, in denen weltweit die meisten Menschen wegen Gewalt fliehen müssen.

Symbol von Herrschaft und Kontrolle: die Chinesische Mauer.

Im Kampf um die Weltherrschaft setzt Präsident Trump Europa unter Druck, China ebenfalls zu boykottieren. Wie können die Europäer diese Zerreißprobe überstehen?  

Indem sie zusammenhalten – sonst müssen sie individuell schwierige Entscheidungen treffen und Partei ergreifen. Die EU als Handelsblock hat die Macht, gegenüber den Amerikanern darauf zu bestehen, dass sie mit China Handel treibt, und zwar zu Bedingungen, die sie mit China direkt vereinbaren wird. Ein so großer Wirtschaftsraum wie die EU kann den größten Konsumgüterproduzenten der Welt nicht boykottieren. Die Handelsbeziehungen zwischen der EU und China haben einen Wert von rund einer Milliarde US-Dollar pro Tag. 

Desinfektion als zentrale Schutzmaßnahme: Bedrohung Corona.

Was ist mit den Briten?

Die Briten werden den Druck des Weißen Hauses deutlich spüren, sobald es darauf besteht, auch einige nicht sicherheitsrelevante Produkte aus China zu boykottieren. Es ist klar, dass Peking selbstverständlich darauf bestehen wird, dass Großbritannien weiter in China einkauft. Ob den Briten an dieser Stelle die sprichwörtliche Quadratur des Kreises gelingt, wird ein wichtiger Test für eine unabhängige Außenhandelspolitik sein. 

Die neue Seidenstraße: Chance oder Bedrohung für Europa?

Zuallererst ist sie eine Realität, die sich nicht mehr stoppen lässt. Es empfiehlt sich der Weg des geringsten Widerstands, um unsere Ziele zu erreichen. Wir sollten akzeptieren, dass die neue Seidenstraße zuallererst vielerlei Möglichkeiten eines verstärkten wechselseitigen Handels bietet, was nicht ausschließt, wachsam zu sein für mögliche Bedrohungen.

Was erklärt den rasanten Aufstieg Chinas? 

Einer der Gründe ist die Waghalsigkeit des chinesischen Führers Deng Xiaoping. Mao Tse Tung war sich darüber im Klaren, dass China implodieren könnte, wenn es nicht geeint ist, und was es uneinig machen könnte, ist wirtschaftliche Disparität, die es Warlords ermöglicht, zu wachsen. Wenn es für den Handel geöffnet ist, wird die Küstenregion reicher als das Innere und das Innere wird unruhig. Also zentralisierte Mao die Macht. Er blockierte äußere Einflüsse und setzte darauf, dass die Kommunistische Partei nach den sogenannten „100 Jahren der Demütigung“ – der Fremdherrschaft – durch ihre Diktatur ein geeintes China erschafft. Anfang der 1980er-Jahre prägte Deng Xiaoping den Begriff „Sozialismus chinesischer Prägung“, was offenbar mit „absolute Kontrolle der kommunistischen Partei in einer kapitalistischen Wirtschaft“ zu übersetzen ist. Er öffnete China wieder für die Welt, um den wirtschaftlichen Wohlstand schnell wachsen und sich genauso schnell verbreiten zu lassen. Die natürlichen kapitalistischen Talente der Chinesen wurden freigesetzt. Die Effizienz der Arbeiter, die im klassischen kommunistischen System fehlte, wuchs und die riesige Bevölkerungszahl ermöglichte massive Skaleneffekte, um die Dinge an die Außenwelt verkaufen zu können. Bis zu einem gewissen Grad hat dies funktioniert. 400 Millionen Menschen wurden aus der Armut befreit. Dennoch bleiben immer noch viele arme Menschen im Landesinneren übrig und Präsident Xi Jinping, der diktatorischste Führer seit Mao, weiß, dass er den Wohlstand der Menschen auf eine breitere Basis stellen muss.

Mit welchen Auswirkungen?

Die Auswirkungen sind für alle fortgeschrittenen Industrieländer gleich. Deren Produktionsbasis wurde unterboten, was zusammen mit den Bevölkerungsbewegungen zu Verschiebungen bei der Art von Arbeit geführt hat, die Europäer zumeist leisten. Deutschland war anfangs weniger betroffen, da es bereits hochwertige Waren herstellte, die China nicht herstellen konnte, und über einen nahgelegenen wohlhabenden Markt verfügte, auf dem es seine Waren verkaufen konnte. Es profitierte auch vom Interesse der Chinesen an deutschen Autos und anderen Qualitätsprodukten. Dieser Vorsprung geht jedoch nach und nach verloren. Innovation in China bedeutet, dass das Land einerseits Konkurrent bei der Herstellung von Qualitätsprodukten ist, andererseits aber auch Konsument. Sicher, die deutsche Exportwirtschaft ist noch immer gesund, aber die chinesische Nachfrage nach „Made in Germany“ schwächt ab.

Das Kapitol in Washington, Symbol demokratischer Macht. Hier tagt der amerikanische Kongress.

Was heißt das?

In den nächsten fünf Jahren wird Pekings Masterplan „Made in China 2025“ einen aggressiven Exportplan für Qualitätsgüter enthalten, auch in High-End-Industriebereichen, in denen Deutschland sehr gut aufgestellt ist. Kein Wunder, dass ein chinesisches Unternehmen den deutschen Robotikhersteller Kuka gekauft hat. 

Wie kann man dem entgegenwirken? 

Partnerschaften können beiden Seiten zugutekommen, sofern die Europäer Peking weiterhin dazu drängen, sich für ausländische Unternehmen zu öffnen. Gleichzeitig sollten die Europäer nach alternativen Märkten suchen, an denen eine wachsende Konsumkultur herrscht – etwa Vietnam. 

Besitzt das Internet die Kraft, jahrtausendealte geografische Grenzen aufzulösen? 

Was den Handel betrifft, sicher. Politisch sieht das anders aus. Etwa 65 Staaten schotten sich inzwischen von ihren Nachbarn ab – das ist etwa ein Drittel der Länder. Autoritäre Staaten haben schnell gelernt, wie sie den neuen Informationsfluss kontrollieren können. Chinas Great Firewall ist wirksam, der Iran hat während der Unruhen das Internet einfach abgeschaltet und Russland lässt nur Server innerhalb der Landesgrenzen zu.

Der Klimawandel bewirkt neue geografische Regeln und möglicherweise Völkerwanderungen. Mit welchen Folgen für die Weltwirtschaft?

Die Konsequenzen dürften in erster Linie sozial sein. Zum Beispiel werden die Überschwemmungen in Bangladesch Abwanderungen erzwingen und die Bevölkerungsexplosion in Afrika wird dies ebenfalls tun. Angesichts der Auswirkungen in Europa dürfte sich der Trend zum politischen Extremismus fortsetzen. Wir müssen lernen, eine ehrliche und konstruktive Debatte darüber zu führen, wie viele und welche Menschen Europa aufnehmen kann und wie die dafür notwendige Infrastruktur finanziert werden soll. Zudem müsste die politische Meinungsbildung über die wirtschaftliche Notwendigkeit von Zuwanderung deutlich smarter vonstattengehen.

Durch die Coronakrise sind Abgrenzungen und engmaschige Grenzkontrollen wieder Alltag.

In Zentraleuropa verschwindet immer mehr Gletscherfläche. Werden wir uns irgendwann um Wasser streiten?

Möglicherweise, aber das scheint noch in weiter Ferne und ich hoffe, dass die Künstliche Intelligenz bis dahin eine kostengünstige und einfache Entsalzung ermöglicht …

Sie sind davon überzeugt, dass Geografie den Verlauf der Geschichte maßgeblich beeinflusst. Aber was ist mit der Macht internationaler Konzerne? Wenige Finanzunternehmen diktieren der Weltwirtschaft, ob und wo es auf- oder abwärts geht.

Wirklich? Steckten Konzerne hinter der Ölkrise 1973? Oder war das nicht eher politisch getrieben von Nahoststaaten, die aufgrund ihrer geografischen Lage sehr mächtig geworden waren? Wenn sich das chinesische Innere gegen den zentralisierten kommunistischen Staat Chinas auflehnt und das Land in einen Bürgerkrieg stürzt, der seine Produktionsbasis einbricht, wird dies von einigen Banken diktiert? Wenn ein Vulkan explodiert und dies für einen Monat den Flugverkehr lahmlegt, haben die Banken das getan? Natürlich haben Banken und andere Global Player erheblichen Einfluss auf die Ereignisse, aber die Kontrolle? Das glaube ich nicht. Es waren gewiss nicht Barclays Bank oder Banco de Santander, die in den Irak einmarschierten, und wenn heute Abend jemand bei Ihnen einbricht, werden Sie nicht die Firma Bosch um Hilfe rufen – sondern die Polizei.

Interview//Thomas Garms

GEOGRAFIE MACHT GESCHICHTE

Tim Marshall ist Experte für Außenpolitik. Er hat für die BBC aus mehr als 30 Ländern berichtet, unter anderem aus verschiedenen Krisengebieten. In seinem Buch „Die Macht der Geographie“ erklärt er Weltpolitik anhand von zehn Karten. Marshall zeigt auf, wie die USA zu der Weltmacht werden konnte, die sie sind, warum Putin so besessen ist von der Krim oder wie die globale Einflussnahme Chinas zu verstehen ist – mit zahlreichen wirtschaftlichen Folgen.