Die Anwältin, Finanzexpertin und Unternehmerin Sandra Navidi über mächtige Seilschaften, die Weltsicht der Superreichen und das Phänomen Greta.

Die Anwältin Sandra Navidi ist CEO der in New York ansässigen Unternehmensberatungsfirma BeyondGlobal.

Frau Navidi, Ihr Leben scheint perfekt: Sie sind CEO der Strategieberatung BeyondGlobal, international gefragte Finanzexpertin, Bestsellerautorin und renommierte Anwältin. Wie lautet Ihr Erfolgsrezept?

Kein Leben ist perfekt, aber ich bin sehr happy mit meinem Schicksal. Mein persönliches Erfolgsrezept lautet: Eine Tätigkeit ausüben, die Spaß macht und mit der man das eigene Potenzial verwirklichen kann, sich mit positiven Menschen umgeben, die einem wohlgesonnen sind und einen fordern. Außerdem würde ich sagen, dass ich arbeitsam und diszipliniert bin. Ohne Fleiß kein Preis. Manche Leute haben Glück, aber in der Regel gibt es keine Abkürzungen. Erfolg ist harte Arbeit, aber wenn die Tätigkeit Freude macht, fühlt sie sich nicht wie Arbeit an. Man ist motivierter und leistungsfähiger.

Wann waren Sie das letzte Mal urlaubsreif?

Ich würde sagen, in den ersten Jahren nach meiner Firmengründung, weil ich zu viele Projekte akzeptiert habe. Mittlerweile habe ich gelernt, Mandate abzulehnen. Alles hat sich eingeschliffen und ich bin effizienter. Da ich mir meine Zeit selbst einteilen und von überall arbeiten kann, plane ich regelmäßige Auszeiten ein. 

Ihr Buch „Super-hubs“ führt uns hinter die Kulissen der elitären, fast ausschließlich männlichen Finanzelite. Die Mitglieder haben gigantische Netzwerke. Sind Netzwerke ein Alpha-Männerding?

Ja. Seilschaften, Bruderschaften, Netzwerke sind historisch gesehen eine Männerdomäne. Mittlerweile sind Frauen besser in Netzwerke integriert. Aber in der Regel sind Männer immer noch wesentlich stärker in Macht- und Informationskanäle eingebunden als Frauen. 

Woran liegt das?

Das liegt insbesondere daran, dass es wesentlich mehr Männer in höherstehenden Positionen gibt, die als Förderer infrage kommen. Und Männer bevorzugen es nachweislich, mit anderen Männern zu netzwerken. Die Älteren erkennen sich häufig in den Jüngeren wieder, sie verstehen sie und können sich mit ihnen identifizieren. Männer können auch „unverdächtiger“ Zeit miteinander verbringen. So kann der Senior Manager mit dem Junior Manager nach der Arbeit noch etwas trinken gehen. Bei einer Frau sind Männer da in der Regel vorsichtiger, weil ein falscher Eindruck entstehen könnte. 

Wie erklären Sie sich die generelle weibliche Zurückhaltung beim Netzwerken? 

Frauen ist es unangenehmer, persönliche Beziehungen opportunistisch für das berufliche Fortkommen zu nutzen. Ferner sind Frauen häufig selbstkritischer, unsicherer und viel zurückhaltender als Männer, wenn es darum geht, für sich selbst Werbung zu machen. 

Ist die Fähigkeit zu Netzwerken wichtiger als Talent?

Nein, aber genauso wichtig. Emotionale Intelligenz – eine wichtige Voraussetzung für das Netzwerken – kann fachliche Fähigkeiten nie ersetzen. Auf der anderen Seite ist es schwer, allein aufgrund fachlicher Fähigkeiten weiterzukommen.

Was an Ihrer Arbeit mit Superreichen hat Sie am meisten geprägt?

Sie haben ein hervorragendes disziplinübergreifendes Verständnis davon, wie die Welt funktioniert. Außerdem verlassen Sie sich nicht auf ihr Glück und arbeiten unaufhörlich an sich und ihren Projekten.

Wieso spielen Frauen in Machtkreisen oft die zweite Geige? 

Es besteht immer noch eine Annahme, dass Frauen physisch und psychisch weniger stark belastbar sind als Männer und letztere sich daher naturgemäß besser für Führungsrollen eignen. Ein Experiment hat dies anschaulich bestätigt. Testgruppen bestehend aus Männern und Frauen wurden aufgefordert zu zeichnen, wie sie sich eine Führungskraft vorstellen. Sowohl Männer als auch Frauen zeichneten fast ausschließlich Männer. In der Praxis äußern sich diese Vorurteile zum Beispiel darin, dass Frauen bei Beförderungen an ihren konkreten Leistungen gemessen werden, während Männer häufig allein aufgrund ihres Potenzials befördert werden. 

Sandra Navidi im Gespräch mit dem US-amerikanischen Hedgefonds-Manager Anthony Scaramucci.

Wie können Frauen schneller an ihr Ziel gelangen?

Proaktiv sein und sich kontinuierlich fortbilden. Auch sollten sie sich darauf gefasst machen, dass sie mehr Mühen in das Netzwerken investieren müssen. Absagen sollten Sie nicht persönlich nehmen und Niederlagen schnell abhaken. Und sie sollten auf ihren Instinkt hören, der sich mit zunehmender Erfahrung schärft. 

Wie stehen Sie den sozialen Medien gegenüber? 

Da führt heute für niemanden mehr ein Weg dran vorbei, oder sollte es zumindest nicht. Ich nutze alle meine Social-Media-Kanäle für Marketing. 

Genauer bitte …

Ich bin auf Twitter, Facebook, Instagram, Pinterest und habe einen eigenen YouTube-Kanal. Darüber hinaus bin ich offizieller LinkedIn-Influencer, zu denen auch Bill Gates, Barack Obama and Richard Branson gehören. Twitter finde ich gut, weil man sich da schnell und umfänglich informieren und mitteilen kann. LinkedIn ist nützlich, weil man dort direkt mit seiner Zielgruppe und inhaltsorientiert kommuniziert. Der Vorteil an Instagram und Pinterest ist, dass ich dort meine zum Teil doch sehr abstrakte Welt auch visuell vermitteln kann. YouTube ist praktisch, weil ich dort meine Interviews posten kann. 

Was ist schwieriger anzunehmen: Lob oder Kritik?

Kritik (lacht). Zwar sind mir Komplimente manchmal immer noch unangenehm, aber tendenziell habe ich in Amerika gelernt, sie „graciously“ anzunehmen. Die Amerikaner gehen davon aus, dass jeder gern Komplimente bekommt. Sie empfinden künstliches Wehren eher als unaufrichtig und affektiert.

Welche Eigenschaften machen ein Vorbild aus? 

Zum Beispiel die Disziplin einer Christine Lagarde, die intellektuelle Neugier eines George Soros oder die Widerstandsfähigkeit eines Jamie Dimon. Frauen können sich an Männern aber nur begrenzt orientieren: Eigenschaften wie Aggression oder Redseligkeit werden bei Männern als Zeichen von Kompetenz eingestuft, bei Frauen dagegen als negativ wahrgenommen – übrigens sowohl von Frauen als auch von Männern.

Was erwartet Christine Lagarde in den Fußstapfen Draghis?

Sie tritt ein schweres Vermächtnis an. Im Rahmen der Eurokrise sind die Grenzen zwischen der Zentralbank und der Politik verschwommen. De facto hat die Zentralbank versucht, die Untätigkeit der Politik zu kompensieren und ist damit an die Grenze der verbotenen Staatsfinanzierung gelangt. 

Bietet der EZB-Führungswechsel Spielraum für notwendige Reformen?

Mittlerweile üben auch die Märkte indirekten Druck auf die EZB aus. Notwendige Reformen wie die Bankenunion und integrierte Kapitalmärkte bleiben hinter den gesteckten Zielen zurück. Wegen der unterschiedlichen Wirtschaftsstärken der Länder und der mangelnden politischen Integration sind einige Maßnahmen schwer durchzuführen. 

Frau Lagarde ist keine Zentrallenkerin und keine Ökonomin …

Allerdings hat sie beim Internationalen Währungsfonds einen hervorragenden Job gemacht. Sie besitzt außergewöhnlich gute Kommunikationsfähigkeiten, auch im Hinblick auf die Verständigung mit der Bevölkerung, und das Geschick zur Konsensbildung, was im Hinblick auf die Spaltung der EZB hilfreich ist. 

Befürchten Sie einen drastischen Kurswechsel?

Nein, Lagardes Möglichkeiten sind begrenzt und sie wird sehr vorsichtig agieren, um ein fragiles Europa nicht weiter zu destabilisieren.

Sandra Navidi legt ihr privates Vermögen in Cash und Index-Fonds an.

Was denken Sie über die ultralockere Geldpolitik und die beständig niedrigen Zinsen unter Draghi?

Draghi hatte seinen Job in der größten Krise seit Bestehen der Eurozone zu verantworten. Dass sie dies überlebt und sogar noch einen Konjunkturaufschwung verzeichnen konnte, ist vor allem auch ihm zu verdanken. Insofern hat er einen guten Job gemacht. 

Was sind die Schattenseiten der Ära Draghi?

Er hat die lockere Geldpolitik auf ein noch nie dagewesenes Ausmaß ausgedehnt, Negativzinsen eingeführt, das Inflationsziel verfehlt und eine intern gespaltene EZB hinterlassen.

Hatte Mario Draghi überhaupt eine andere Wahl, als die Zinsen im extremen Ausmaß zu senken?

Nicht wirklich. Bei der Rekordverschuldung und den faulen Krediten im System bestanden zwei Alternativen: Entweder die Schulden abzuschreiben, was Massenpleiten zur Folge gehabt hätte, oder sie zurückzuzahlen, was eine Rezession zur Folge gehabt hätte. Unter diesen Umständen waren die Zinssenkungen die am wenigsten schlechte aller schlechten Lösungen, wobei sie natürlich wiederum eine höhere Verschuldung zur Folge hatten.

Wäre Nichtstun am Ende nicht die bessere Option gewesen?

Wenn Draghi nicht gehandelt hätte, wäre das ganze System gescheitert. Er war Teil eines Systems, das viel größer war als er selbst, und das seit Jahrzehnten dynamischen Kräften wie der Globalisierung und Technisierung unterliegt. Über die dadurch geschaffene Komplexität haben wir praktisch die Kontrolle verloren. Das ist auch der Grund für die gegenwärtige wirtschaftliche, politische und soziale Polarisierung. Draghi, als klassischer Super-hub, hat dieses System nicht geschaffen, hat darüber aber natürlich Einfluss ausgeübt, wobei aber auch er keine Kontrolle darüber hatte. Das ist eine der Schlüsselfragen in meinem Buch: Sind die Krisen der letzten Jahrzehnte auf das Versagen einzelner oder auf ein Versagen des Systems als solches zurückzuführen? Haben die Super-hubs das System gefangen gehalten oder hält das System die sie gefangen? 

Was glauben Sie?

Die Antwort liegt irgendwo in der Mitte, aber das Ergebnis bedeutet, dass wir uns alle als Teil des Systems kollektiv mehr in dieses einbringen müssen, um es zu verbessern. 

Sind in politischen Ämtern strengere Vorschriften zur Eindämmung von Korruption erforderlich?

Natürlich können strengere Gesetze, Vorschriften und Aufsicht als wertvolle Stabilisatoren dienen. Allerdings sind Gesetze in ihrer Effektivität begrenzt, da sie nicht alle Nuancen menschlicher Beziehungen regeln können und es ist praktisch unmöglich, jede Interaktion von Menschen, die sich nahestehen, zu kontrollieren. Von daher sind vor allem auch der persönliche moralische Kompass und die Einhaltung ungeschriebener ethischer Normen von enormer Wichtigkeit.

Angela Merkel scheidet demnächst aus ihrem Amt aus. Wie wäre es mit Ihnen als Nachfolger?

Mir wäre der Job im Zweifel zu hart (lacht). Als Beraterin hinter den Kulissen würde ich mich wohler fühlen. 

Sollten Unternehmer(innen) keine Politiker werden?

Das kann man so pauschal schlecht sagen. Donald Trump ist natürlich, wie vorhergesagt, eine Totalkatastrophe. Auf der anderen Seite würde Michael Bloomberg vermutlich einen guten Job machen. Grundsätzlich würde ich aber sagen, dass Politiker sich zumindest teilweise ihre Sporen in der Politik verdient haben sollten, denn auch hierfür ist eine gewisse Expertise erforderlich. 

Wie würden Sie die aktuelle Stimmung in den USA beschreiben? 

Politisch und gesellschaftlich extrem polarisiert und aufgeladen, was sich vor allem auch in den Auseinandersetzungen um Donald Trump manifestiert. Wirtschaftsbosse sind allein wegen der von Trump geschaffenen Unsicherheit eher pessimistisch. 

Wie lauten die Sorgentreiber?

Eskalation im Handelskrieg mit China: ja oder nein? Eskalation im Handelskrieg mit Europa: ja oder nein? Die neue Nafta-Vereinbarung: Ratifizierung oder Kassierung? Ehrlich gesagt, hier herrscht das Chaos. Der Präsident regiert per Tweet und ändert täglich seine Meinung. Die Unternehmenschefs haben keine Planungssicherheit, weshalb sie sich mit Investitionen und Expansionen zurückhalten. Sollte Trump dem Handel mit China und Europa den Stecker ziehen, hat das eine Neuordnung der Pole der Schwerkraft zur Folge. Deshalb verharren CEOs erst einmal in Abwartehaltung. Das Wachstum wird folglich in den nächsten Monaten deutlich nachlassen. Eine komplett von Trump selbst fabrizierte und völlig unnötige Krise.

Das Gespenst der Krise ist allgegenwärtig. Viele Menschen ahnen: Etwas stimmt nicht in unserem Finanzsystem …

Die Zeichen stehen erst einmal weiter auf Sturm. Der Schuldenstand hat weltweit einen Rekordstand erreicht. Mit dieser Verschuldung steigt entsprechend die Zinslast. Die Zentralbanken haben ihre Munition in Form der lockeren Geldpolitik weitgehend verschossen. 

Kommen wir da wieder raus?

Durch die Versuche, Risiken nach der Finanzkrise von 2008 zu begrenzen, haben wir neue geschaffen, etwa in Form vom Schattenbankensystem. Hinzu kommt jetzt auch noch die weltweite politische Polarisierung, der Protektionismus, die unsichtbar voranschreitende digitale Disruption und Cyber-Kriminalität. Systemweite holistische, antizyklische Maßnahmen, die eigentlich notwendig wären, werden nicht getroffen. 

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich überall immer weiter. Finden Sie das nicht beängstigend?

Es gibt wenig, was mir größere Sorgen bereitet. Das Phänomen klingt abstrakt, aber die Menschen empfinden es als sehr real. Die Einkommens-, Vermögens- und insbesondere die Chancen-Ungleichheit bergen enormen sozialen Sprengstoff. Und die Ungleichheit wird erst einmal weiter zunehmen, verstärkt durch die lockere Geldpolitik, den Monopolismus der Konzerne. 

Welche Investments und Sicherheitsmaßnahmen finden Sie sinnvoll als Krisenprävention und Absicherung gegen Verluste?

Zunehmende Ungewissheit, größere Risiken und erhöhte Volatilität: Da gilt es, Risiken im Portfolio graduell zurückzufahren und auf historisch solide Klassiker wie Berkshire Hathaway, Johnson & Johnson und DowDuPont zu setzen, weil sie sich in vergangenen Krisen bewährt und ihren Wert erhalten haben. Wichtig ist eine Diversifikation durch breite globale Streuung über verschiedene Branchen mit Fokus auf Wachstumsmärkte in Asien, Südamerika und Afrika, am besten über Fonds, insbesondere Index-Fonds. Einen Teil in Cash zu halten, ist ratsam, da sich bei einer Korrektur günstige Kaufgelegenheiten bieten können. Darüber hinaus empfiehlt sich eine Investition von bis zu zehn Prozent in Gold, sozusagen als Versicherungspolice. 

Welche Investmentchancen sehen Sie im neuen Jahr und welche Risiken fürchten Sie am meisten?

Ungewissheit überwiegt Risiken und Risiken überwiegen die Chancen. Risiken kann man berechnen, aber Ungewissheit nicht. Am meisten fürchte ich mich vor einem neuen Black-Swan-Ereignis, das wir noch gar nicht auf dem Radar haben. Das größte konkrete Risiko ist eine Eskalation der Handelskriege. 

Wie lautet Ihre Empfehlung?

Sich auf Unternehmen konzentrieren, die von Strafzöllen eher weniger tangiert werden, wie eher auf den Binnenmarkt fokussierte Dienstleistungsunternehmen mit geringen Lohnkosten. Darüber hinaus empfehlen sich Branchen, die durch Strafzölle geschützt werden. 

In den USA zählen hierzu insbesondere die Stahlindustrie, Energieunternehmen und Tech-Firmen …

Allerdings können sich auch bei diesen aufgrund der durch die Handelskriege verursachten Disruption internationaler Lieferketten die Herstellungskosten erhöhen. Ebenfalls unter dem Handelskrieg werden Firmen leiden, die nach China exportieren, wie General Motors, Chrysler und Ford, und Unternehmen, die Waren aus China importieren, wie Walmart. Weitere Firmen wie Apple, Nike, Caterpillar und Starbucks, die sich bisher in China erfolgreich auf Expansionskurs befunden haben, müssen mit Vergeltungsmaßnahmen rechnen. Auch deutsche Autobauer wie BMW und Daimler bleiben nicht verschont.

Es ist heute viel von Megatrends wie Smart Farming, künstliche Intelligenz und virtuelle Realität die Rede. Welche Innovationen beeindrucken Sie am meisten?

Am meisten beeindruckt bin ich von künstlicher Intelligenz, also selbst lernenden Maschinen, die die kognitiven Fähigkeiten von Menschen replizieren und letztendlich übertreffen. Darin liegt viel Potenzial, aber es lauern auch viele Gefahren. Die zugrunde liegende Kultur im Silicon Valley ist ein Thema für sich …

Die Fridays-for-Future-Bewegung sorgt mit ihrer Symbolfigur Greta für ziemlich viel Wirbel.

Jede Bewegung braucht einen Super-hub, einen menschlichen Mittelpunkt, der ein Ziel definiert, dem Netzwerk eine Richtung vorgibt, ihm Energie einhaucht und es verbindet. Occupy Wall Street ist beispielsweise gescheitert, weil es keinen wirklichen Anführer gab. 

Wie viel revolutionäres Potenzial steckt tatsächlich in dieser Sache?

Fridays for Future birgt enormes Potenzial. Wenn allerdings die Konjunktur abkühlt und die Menschen sich sorgen, dass sie der Umweltschutz Arbeitsplätze kosten könnte, könnte die Bewegung wieder an Schwung verlieren.

Wenn Greta Thunberg ihre Tochter wäre, was würden Sie ihr raten?

Ich würde wahrscheinlich nicht viel sagen, aber sie aufmerksam beobachten, um notfalls „Leitplanken“ zu setzen. Greta hat das Glück, ihre Berufung gefunden zu haben, lehrreiche Erfahrungen zu sammeln, wertvolle Kontakte aufzubauen und eine Plattform zu errichten. Auf all diesen Dingen kann sie, selbst wenn sie einmal einen ganz anderen Weg einschlagen sollte, aufbauen. Das ist ein großes Privileg.

Wie erklären Sie das Versagen der großen Koalition beim Klimaschutz?

Politik unterliegt der Kurzfristigkeit der Wahlzyklen, genau wie die Konzerne den Quartalszyklen. Kurzfristige Maßnahmen sind immer leichter zu verkaufen als langfristige, insbesondere wenn diese bei ungewissem Ausgang Opfer erfordern. Der Konjunkturabschwung und das Aufleben des Populismus erschwert die Konsensfindung. Vermutlich muss es erst ganz schlimm kommen, bis etwas passiert.

Viele Anleger wollen nachhaltiger anlegen. Wie geht das?

Das Angebot im Nachhaltigkeitssektor ist enorm breit gefächert und fast alle Finanzinstitute bieten Produktpaletten an. Zunächst sollte man sich überlegen, welche Zielsetzung einem wichtig ist: beispielsweise Klimaschutz, Menschenrechte oder verantwortungsvolle Unternehmensführung. Abhängig von Expertise, Risikoprofil, Zeithorizont und des Investitionsvolumens können Investoren direkt in Firmen, Aktien, Anleihen, Investmentfonds, ETFs (Exchange Traded Funds) oder Zertifikate investieren. Da viele Institute Nachhaltigkeitsinvestments mittlerweile als Marketinginstrument nutzen, sollte man genau prüfen, dass auch drin ist, was draufsteht, und die Kosten unter die Lupe nehmen. 

Kann nachhaltige Geldanlage die Welt retten? 

Kapitalströme hatten schon immer einen gewissen Einfluss auf Trends. Zumindest ist dies eine Möglichkeit, wie private Investoren ihren Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft geltend machen können. Man sieht ja auch, dass wenn beispielsweise institutionelle Investoren ihren Einfluss in Aufsichtsräten bezüglich Nachhaltigkeit ausüben, dies durchaus spürbare konkrete Auswirkungen hat.

INTERVIEW//KATJA ECKARDT

ZUR PERSON

Sandra Navidi ist CEO der in New York ansässigen Unternehmensberatungsfirma BeyondGlobal. Die aus internationalen Medien bekannte Wirtschaftsexpertin ist in Deutschland und den USA als Rechtsanwältin zugelassen. Darüber hinaus ist Navidi Autorin des Bestsellers „Super-hubs: Wie die Finanzelite und ihre Netzwerke die Welt regieren“ und Moderatorin ihres eigenen wöchentlichen Wirtschafts-Podcasts „Wie tickt Amerika“.