Garage trifft Esszimmer: Eine Abfolge von offenen und geschlossenen Flächen prägt diese Betonvilla in Bangkok.

Ein Auto gehört nicht nur auf die Straße. Es kann auch eine prominente Rolle in der Innenrichtung spielen – vorausgesetzt, es vermeidet jene PS-getriebene Langeweile, die heute für gewöhnlich das Stadtbild dominiert. Mit einer automobilen Preziose wartet die Villa Baan Akard Yen in Bangkok auf. Ein silberner Mercedes Benz W113 280SL Pagode, Baujahr 1971, wird auf einer drehbaren Plattform in Szene gesetzt – eingerahmt vom Swimmingpool und langem Esstisch, mit direktem Blick in den Garten.

Ein silberner Mercedes SL bewacht den Pool.

Die Sehnsucht nach Geschwindigkeit verstärken zwei Motorräder, eine BMW R69S aus dem Jahr 1958 sowie eine 1953er BMW R25/2, die etwas tiefer im Gebäude den freistehenden Küchenblock flankieren. Die Leidenschaft für Technik trifft hier auf kulinarische Genüsse und wohnlichen Komfort: Eine zugegeben recht wilde Mixtur, die jedoch alles andere als zwanghaft anmutet, sondern mit Lässigkeit gelingt. 

Direkt neben der drehbaren Plattform für den Oldtimer befindet sich der Essplatz.

Die gestalterischen Fäden lagen hierbei in den Händen des Architekten Danai Surasa und der Interieur-Designerin Soyploy Phanich. 2010 haben sie mit Studio Krubka ihr eigenes, gemeinsames Büro in Bangkok gegründet. Der Name setzt sich aus den Worten „Krub“ und „Ka“ zusammensetzt, die in der thailändischen Sprache eine wichtige Rolle einnehmen. Als Ausdruck von Höflichkeit und Respekt werden sie an das Ende eines jedes Satzes platziert – „Ka“ von Frauen und „Krub“ von Männern. „Unsere Arbeit basiert sowohl auf einer fernöstlichen als auch auf einer westlichen Sensibilität“, erklären Danai Surasa und Soyploy Phanich. Sie wollen das Beste aus beiden Kulturkreisen miteinander verbinden. 

Das Haus ist für gesellige Runden mit vielen Gästen ausgelegt.Auch ein Kugelgrill steht bereit.

Bei der Planung der Villa Baan Akard Yen („Yen“ steht für kühl und „Akard“ für Luft) bedurfte es allerdings zweier Anläufe. Der Grund dafür lag in einer Verschiebung der Maßstäbe. Beim ersten Entwurf maß das Grundstück lediglich 400 Quadratmeter.

Das großzügige Badezimmer mit bodentiefer Dusche und Marmorwaschtischen.

Um den fehlenden Platz auszugleichen, wurden die Räume nicht als intime Kammern aufgefasst, sondern mit Blickachsen in gegenseitigem Kontakt gestellt. „Voyeurismus als visuelle Interaktion“ nennen Studio Krubka ihren Ansatz, mit zahlreichen Öffnungen und Durchbrüchen die Navigation im Gebäudeinneren zu steuern.

Schlichte Eleganz: Schlafraum mit Sichtbeton und Holzboden. Ein mit Steinsetzungen verzierter Hof spendet Licht.

Die Pläne waren fertig gezeichnet und die Bauarbeiten standen kurz vor dem Beginn. Doch dann kam alles anders. Dem Hausherrn gelang es, in letzter Minute das Nachbargrundstück zu erwerben. Und so wuchs das Gelände auf 1.600 Quadratmeter an – womit der bestehende Entwurf obsolet wurde. 

Der Livingroom mit Bibliothek und einer Galerie.

Studio Krubka konnten jetzt nicht nur großzügiger planen. Sie haben auch die Natur mit einbezogen. Das Ergebnis ist eine komplexe Abfolge von Räumen, die zwischen drinnen und draußen oszillieren. Architektur und Garten sind untrennbar miteinander verwoben. Innen ist draußen und draußen ist drinnen. Das Erdgeschoss öffnet sich mit bodentiefen Fenstern zu fünf Höfen, die die einzelnen Bereiche des Hauses wie Scharniere miteinander verbinden. Die Höfe sind entweder als begehbare Gärten oder als Wasserflächen angelegt. In letzteren spiegeln sich die Sonnenstrahlen und entfachen flirrende Licht- und Schattenspiele an den Wänden und Decken.

Das Fernsehzimmer mit gemütlicher Sitzmulde.

Sieben massive Betonwände ragen bis zu vierzehn Meter in die Höhe. Sie bilden die tragende Struktur der zweigeschossigen Villa, bei der auf ein Untergeschoss aus Kostengründen verzichtet wurde. Das Obergeschoss schiebt sich als schwerer, geschlossener Baukörper aus Sichtbeton über das rundum verglaste Erdgeschoss hinweg.

Einschnitte mit Pflanzen geben dem Baukörper reizvolle Plastizität.

Tiefe Einschnitte in die Betonstruktur verleihen dem Volumen zusätzliche Plastizität. Die Abfolge von offenen und geschlossenen Flächen zieht sich als roter Faden durch die gesamte Gestaltung. Helle, lichtdurchflutete Bereiche wechseln sich mit dunklen, geradezu intimen Räumen ab. Die Natur dringt in das Gebäude ein. Der Pool durchschneidet die Wohnräume fast in ihrer gesamten Tiefe.

Bodentiefe Fenster lassen viel Licht in das Haus und holen die Natur nahe heran.

Den Mittelpunkt des Hauses bildet der große Wohnbereich im Obergeschoss, dem die Architekten den Spitznamen „Terminal“ gegeben haben. Der Raum wird von vier Wänden aus Sichtbeton eingefasst. Besondere Beachtung fand die Gestaltung der Decke. Wie eine riesige Welle stemmt sie sich der orthogonalen Logik von Grundriss und Aufriss entgegen.

Die Bäume im Garten sind in asiatischer Tradition streng geformt.

Der tiefste Punkt der Welle liegt in der Mitte des rechtwinklig geschnittenen „Terminals“. In Richtung der beiden Raumenden steigt die Welle schwungvoll nach oben, wo sie jeweils in schmale Oberlichter mündet, die die gesamte Breite des Raums durchmessen. Die Fenster holen die Sonnenstrahlen ins Innere des Hauses. Sie lassen sie an den Wänden und Decken entlangwandern und ihre Struktur akzentuieren.

Weiterer Lichthof mit einem filigranen Baum als Blickfang.

„Die imperfekte Natur des Betons erlaubt dem Licht, die Oberflächen zu berühren und ein Spiel aus winzigen Schatten zu erzeugen, die sich mit den unterschiedlichen Tageszeiten verändern“, so Studio Krubka. Die Architektur wird aus ihrer statischen Ruhe befreit. Die Raumgrenzen scheinen dehnbar. Das Gebäude definiert das genaue Gegenteil zu einem starren Körper.

Das „Terminal“ als zentraler Raum. Oben führt ein Gang zur Dachterrasse.

Das „Terminal“ ist der zentrale Raum, in den Gäste nach Durchqueren des Betontreppenhauses geführt werden: Ein Hybrid aus Empfangshalle, Wohnzimmer und Bibliothek. Eine schmale Metalltreppe führt vor dem Bücherregal hinauf zu einer schmalen Empore. Durch eine in die Rückwand eingelassene Tür geht es hinaus auf die Dachterrasse.

Statt einer Wanne findet sich im Bad ein im Boden versenktes Becken. Die archaischen roten Drehköpfe der Armaturen dienen als reizvoller Kontrast.

Der Schulterschluss zwischen Ost und West bildet das wiederkehrende Narrativ in der Villa Baan Akard Yen. Das Master-Schlafzimmer im Obergeschoss öffnet sich mit einer raumhohen Glaswand zu einem Zen-Garten, bei dem große weiße Steinblöcke auf einem Bett von grauen Kieselsteinen ruhen. Das von Paola Navone gestaltete Bett Paris von Baxter berührt mit seinem Kopfende die Betonwand. Vor das Fußende haben Studio Krubka die von Cassina produzierte Chaiselongue LC4 von Le Corbusier und Charlotte Perriand platziert – eines der ikonischsten Möbel der Zwanzigerjahre-Moderne. 

Alles offen: Auch die mit einem Motorrad dekorierte Küche.

Die Küche im Obergeschoss geht direkt in einen großzügigen Sitzbereich über, der zu einem wandmontierten Fernseher ausgerichtet ist. Das maßgefertigte Sofa ruht auf einer Ebene, die in den Boden abgesenkt wurde. Die Armlehnen sowie die Einfassung der Rückenkissen sind in ihrer Höhe so dimensioniert, dass sie bündig mit dem Küchenboden abschließen. Studio Krubka verschmelzen auf diese Weise das bodennahe Sitzgefühl einer Tatami-Matte mit einer üppig-weichen Polsterung nach westlichem Vorbild. Der graue Sofabezug greift die Farbigkeit der Vorhänge sowie der mit Naturstein verkleideten Kücheninsel auf, die von Arkitektura Bangkok gefertigt wurde. Einen farblichen Kontrast setzen die hellen, leicht rotstichigen Dielen, die auch für die Verkleidung der Decke zum Einsatz kommen.

Der Masterbedroom mit der klassischen Corbusier-Liege als Blickfang.

Eine weitere maßgefertigte Küche zieht im Erdgeschoss die Blicke auf sich, wo der Hausherr seine bereits erwähnte Sammlung von Vintage-Fahrzeugen präsentiert. Der lange Esstisch wurde aus alten Holzleisten eigens für diesen Raum gebaut. Die Bewohner und Gäste des Hauses nehmen auf einem Klassiker des skandinavischen Designs Platz: dem von Hans Wegner gestalteten Stuhl 501 von PP Møbler, der auch unter dem Namen „der runde Stuhl“ Bekanntheit erlangte. Die industriell anmutenden Metallleuchten haben einst auf einem ausgemusterten, deutschen Marine-Schiff ihren Dienst absolviert. 

Ein den Pool grenzt ein mit alten Holzbalken umfasster Steingarten.

Die Bäder sind monochrom mit Stein verkleidet. Anstelle einer freistehenden Wanne wurde ein ebenfalls mit Stein ausgekleidetes Becken in den Boden gesenkt. Ein großes Oberlicht sowie ein schmales Fensterband oberhalb des Wasserbeckens lassen das Sonnenlicht gedämpft ins Innere scheinen. Auf der gegenüberliegenden Raumseite geben zwei Glastüren den Blick auf einen Steingarten frei, der von einem alten Olivenbaum bevölkert wird. Die Rückwand ist in Sichtbeton gehalten und wird vom oben einfallenden Sonnenlicht erhellt. Studio Krubka gelingt somit ein seltener Kniff: Sie verwenden Tageslicht wie ein Material, das sowohl die Architektur als auch das Interieur mit Sinnlichkeit und Grandezza auflädt. Das PS-starke Schmuckobjekt an der Poolkante gerät damit zum puren Extra.

TEXT//NORMAN KIETZMANN FOTOS//BEER SINGNOI

FAKTEN

Typologie Privathaus

Projektname Baan Akard Yen

Ort Bangkok, Thailand

Architektur Studio Krubka

Bebaute Fläche 1.600 Quadratmeter

Materialität: Sichtbeton, Glas, Holz 

Fertigstellung 2020