INTERVIEW//SÖREN MÄRZ

Die fürstlich Castell’sche Bank ist die älteste Bank Bayerns und das bringt ja eine gewisse Art der Verantwortung mit sich. Was ist ihr Rezept, dass man Währungsreformen, Finanzkrisen und schlechte Jahre bisher erfolgreich überstanden hat?

Ferdinand Fürst zu Castel-Castell Es gibt den Satz, den habe nicht ich erfunden: „Es gibt uns nicht nur noch wegen der Geschäfte, die wir gemacht haben, sondern auch wegen der Geschäfte, die wir nicht gemacht haben.“ Wir beschränken uns auf das, was wir gut können, was wir vielleicht sogar besser können als andere. Wir machen nicht alles, aber das, was wir machen, machen wir richtig gut. Das ist eine Entwicklung innerhalb der Unternehmensgeschichte. Als die Bank gegründet wurde gab es aufgrund einer Hungersnot in der Region, einen großen Bedarf an verlässlichen Kreditmöglichkeiten Die Bank wurde aus fürsorglichen Überlegungen heraus für die Einwohner der Grafschaft Castell, insbesondere die Notleidenden, gegründet. Für dieselbe Idee hat 200 Jahre später Muhammad Yunus den Friedensnobelpreis bekommen und zwar für die Vergabe von Mikrokrediten in Bangladesch. Seine Idee war, man muss Menschen, die in Not geraten sind, durch ganz kleine Kredite die Möglichkeit geben, wirtschaftlich selbstständig zu werden und sich damit selbst zu sanieren. Dieselbe Idee hatte einer unserer frühen Mitarbeiter, Herr von Zwanziger, 1774. Davon ist nur in der Weltöffentlichkeit nicht so viel Notiz genommen worden. Aber wir haben das Bankhaus dafür bis heute erfolgreich geführt. Heute gibt es jedoch keinen Mangel mehr an Kreditversorgung. Erstens haben wir keine politische Verantwortung mehr als Familie und zweitens gibt es daran keinen regionalen Mangel. Wonach es jedoch eine große Nachfrage gibt, sind vertrauenswürdige Partner in der Vermögensanlage. Auch in dem Geschäft sind wir seit Gründung der Bank tätig. Aber ich glaube die große Nachfrage hat sich ein bisschen verlagert. Kredite bekommen Sie heute von vielen Anbietern, Zahlungsverkehr bekommen sie auch von sehr vielen Anbietern, teilweise sogar kostengünstiger als von uns. Deshalb fokussieren wir uns für die Zukunft auf die Vermögensverwaltung und da auf die risikoadjustierte Vermögensverwaltung.

Die Bank wurde aus fürsorglichen Überlegungen heraus für die Einwohner der Grafschaft Castell, insbesondere die Notleidenden, gegründet.

Das Schloss der Familie Castell in Unterfranken.

 

2018 war für viele Banken, insbesondere im Privatbankensektor, ein schwieriges Jahr. So auch für die Fürstlich Castell’sche Bank. Können Sie nochmals kurz umreißen inwiefern das Jahr schwierig war und wo die Probleme lagen?

Es lag 2018 an mehreren Faktoren. Unter anderem liegt es  im Moment an der Niedrigzinsphase. Wir betreiben über sehr lange Zeit das Geschäftsmodell Einlagen anzulegen und Kredite auszuleihen, Die Marge hierfür ist dünner geworden durch die aktuelle Niedrigzinsphase. Die Zinsen gingen deutlich weiter nach unten als viele Menschen das erwartet hätten und diese Phase hält auch weiter an. Da wir vorsichtige Kaufleute sind, stellen wir uns auch darauf ein, dass das noch lange Zeit so anhalten könnte. Das heißt, wir machen keine Geschäfte, die von steigenden Zinsen ausgehen, denn das kann man nicht beeinflussen. Entsprechende Angebote wären nicht seriös. Deshalb ist unser Zinsgeschäft kleiner geworden und wir planen auch dort kein weiteres, großes Wachstum.

Wäre es denn keine Option für Sie bei einer niedrigen Zinsmarge einfach das Volumen ihrer Geschäfte zu erhöhen?

Nein, das machen wir nicht. Das halten wir auch nicht für klug. Wenn man von schlechten Geschäften einfach mehr macht, kauft man sich gleichzeitig erhebliche andere Risiken ein. Sobald die Zinsen wieder steigen, tun sich entweder die Kunden schwer ihre Kredite zu bedienen oder wir tun uns schwer mit der Refinanzierung. Wir möchten gern Geschäfte machen, von denen beide Seiten profitieren.

Das ist eine lobenswerte Philosophie. Die Geschäftsführung hat sich Anfang 2019 dafür entschieden, mehrere Ihrer Filiale zu schließen. Ich nehme an, es handelte sich dabei um einen wirtschaftlichen Schritt?

Es handelte sich hierbei um eine Kostenfrage. Wir haben, um dieses Geschäftsmodell mit Einlagen und Krediten zu betreiben, ein entsprechend großes Filialnetz unterhalten. Früher hat man das für wichtig erachtet, um Einlagen zu bekommen. Wenn die Zinsmarge jetzt jedoch so niedrig ist, schaut man sich die Filialen genauer an. Hierbei stellt man fest, dass sich das Kundenverhalten in den letzten Jahren stark verändert und sich der Bedarf nach einem weiten Filialnetz erheblich reduziert hat.
Ich persönlich gehe auch nur in eine Bankfiliale, wenn ich meine Mitarbeiter besuchen will. Meinen Zahlungsverkehr wickle ich online ab und wenn ich Beratungsbedarf habe, dann vereinbare ich einen Termin mit meinem Berater. Wir stellen also fest, dass sich das Verhalten vieler unserer ländlichen Kunden gewandelt hat. Nicht aller, das ist bestimmt auch eine Generationsfrage, aber das ist eine Entwicklung, die uns momentan stark beschäftigt.

Ein Finanzinstitut zum Anfassen: Die Fürstlich Castell’sche Bank in Würzburg.

Ich gehe davon aus, dass sie als Privatbank der Generationswechsel noch in anderen Bereichen stark beschäftigt. Wir befinden uns momentan in einem starken Umbruch der Vermögensstrukturen. Noch nie wurden so viele Vermögen an die nächste Generation weitergegeben und gleichzeitig bilden sich durch die die Digitalisierung ganz neue Privat- und Unternehmensvermögen. Gerade junge Menschen fühlen sich doch vermeintlich vom althergebrachten Konzept einer Privatbank nicht mehr angesprochen. Können Sie diesen Trend so unterschreiben?

Nein, das würde ich nicht unterschreiben. Das Bedürfnis einen vertrauenswürdigen Partner zu finden, dem man gerne sein Geld anvertraut, weil man bei dem Unternehmen von Charakter sprechen kann und ihm hohe Kompetenz zutraut, steigt eher an. Auch weil große Marktteilnehmer teilweise nicht mehr so attraktiv wahrgenommen werden wie früher. Mein Eindruck ist, je globaler und je digitaler das ganze Leben wird, desto größer wird eigentlich die Sehnsucht nach einem Unternehmen, das man verstehen kann, bei dem man weiß wer dahintersteht, welche Geschichte es hat. Geldanlage ist nämlich kein rein rationaler Vorgang, sondern hat viel mit den Emotionen des Anlegers zu tun.

Das Bedürfnis einen vertrauenswürdigen Partner zu finden, dem man gerne sein Geld anvertraut, steigt eher an.

Es ist für Ihren Kundenkreis demnach wieder wichtiger, hinter die Fassade des Bankhauses sehen zu können?

Es ist zwar ein blöder Begriff, aber der Kunde hat mit uns eine Bank zum Anfassen. Auch für Kunden, die auf digitalen Kanälen mit uns kommunizieren ist es wichtig zu wissen, dass es ein Familienunternehmen ist, es sich um eine unabhängige Bank handelt und die Menschen, die dort die Entscheidungen treffen, kennt man vielleicht nicht persönlich, aber ich weiß immerhin wer es ist. Im Französischen bezeichnet man eine Aktiengesellschaft als ‚Société Anonyme‘. Wir sind das genaue Gegenteil! Wir sind zwar eine Aktiengesellschaft, dabei aber überhaupt nicht anonym. Es gibt nur zwei Eigentümer das sind Fürst Otto zu Castell-Rüdenhausen und ich, dabei gibt es noch drei Vorstände und einen Aufsichtsrat.
Die Kunden haben also die Wahl zu sagen, sie möchten zu einem Familienunternehmen oder sie fühlen sich wohler bei einem international verflochtenen Unternehmen, bei dem man sich womöglich lange in ausländischen Handelsregistern aufhalten muss, um die Besitzverhältnisse zu verstehen. Was wichtig ist, ist unterschiedliche Kommunikationswege anzubieten. Wir bieten unseren Kunden unterschiedliches an, sie können beispielsweise hier in die Filiale in Castell gehen und sich von zwei sehr kompetenten Mitarbeiterinnen beraten lassen. Sie können uns auch anrufen oder sie können mit uns über Mail oder Skype oder wie auch immer kommunizieren. Ganz ohne mit einem Mitarbeiter zu sprechen geht natürlich auch, da greifen sie einfach zu ihrem Handy, rufen ‚Castell Insight‘ auf und wickeln alles digital ab.

Das klingt jetzt erstmal nicht ganz so persönlich, wie sie es am Anfang betont haben?

Was uns ganz wichtig ist, unsere Vermögensanlage wird von Menschen gemacht. Es ist kein ‚Robo-Advice‘ der unsere Vermögensverwaltung macht und zwar egal, ob sie ein Depot bei uns haben,  sie unsere Vermögensverwaltenden Fonds über andere Banken oder andere Vertriebsmittler erwerben oder ob sie diese über unsere digitale Vermögensverwaltung  bei uns kaufen. Die Entscheidungen werden immer von Menschen getroffen. Und zwar von denselben Menschen, die die großen Familienfonds verwalten. Die gleichzeitig auch die große Vermögensverwaltung in den Depots machen. Es ist immer das gleiche Team und immer die gleichen Grundüberzeugungen. Das andere sind für uns nur Kommunikationswege Telefon, persönliches Gespräch, Brief oder digital. Da sind wir flexibel und kommen dem Kunden gerne entgegen. Der Kunde muss nur sagen ich will mit euch Geschäfte machen, oder nicht.

Die Entscheidungen werden immer von Menschen getroffen. Und zwar von denselben Menschen, die die großen Familienfonds verwalten.

 Sie haben im Januar 2019 die erste Frau in den Vorstand ihres Bankhauses berufen. In ihrer Pressemitteilung war zu lesen, dass Pia Weinkamm sich um das weitere Wachstum des Bankhauses kümmern soll. Wo soll denn dieses Wachstum perspektivisch hinsteuern?

Die Wachstumsphase soll in der Vermögensverwaltung stattfinden. Die Vermögensverwaltung soll an unseren wichtigen Standorten, dazu muss man wissen, dass wir zwischen zwei Sorten von Standorten unterscheiden, Filialen und Repräsentanzen, stattfinden. Die Repräsentanzen in Nürnberg, München, Ulm oder Mannheim. An diesen Beratungsstandorten wollen wir wachsen. Was wir beschlossen haben zu konzentrieren, sind Filialen, die nur noch sehr eingeschränkte Öffnungszeiten hatten und gleichzeitig im ländlichen Raum liegen. Diese Filialen wurden, aufgrund der erwähnten veränderten Kundenbedürfnisse, nicht mehr frequentiert. Deswegen sortieren wir unsere Standorte, haben dadurch aber kein Personal reduziert.

Würden Sie nochmals kompakt zusammenfassen, in welchen Bereichen die Fürstlich Castell’sche Bank wachsen möchte?

Wir wollen in der Vermögensverwaltung wachsen. Wir wollen das mittelständische Firmenkundengeschäft beibehalten und gleichzeitig vorsichtig wachsen. Und wir bieten neue Kommunikationskanäle für unsere Kunden an.

Sie sprachen bereits 2010 von Nachhaltigkeit im Wirtschaften. Damals handelte es sich noch nicht um das Wort, den Marketinghebel, wie wir ihn heute überall erleben und genau deshalb interessiert es mich, inwiefern sie den Gedanken in ihre Geschäftsphilosophie integrieren?  

Das Wort Nachhaltigkeit verwenden wir nicht so oft, aber das ist eigentlich genau das, was wir tun. Mein Auftrag als Unternehmer ist es, ich habe das hier ja nicht gegründet, sondern von meinem Vater anvertraut bekommen, es gesund weiterzugeben. Daher ist es mein Ziel als Unternehmer, das Unternehmen größer, schöner, stabiler und ertragreicher weiterzugeben, als ich es bekommen habe. Das gilt für die Bank, für die Landwirtschaft, für den Forstbetrieb und für das Weingut. Da muss man wieder dazusagen, dass wenn ich bei Landwirtschaft, Wald und Bank von mir rede, ich natürlich auch von Fürst Otto zu Castell-Rüdenhausen spreche. Das Weingut hingegen ist alleinig mein Betrieb. Was es erheblich leichter macht, ist, das Fürst Otto und ich uns in dieser Grundsatzfrage völlig einig sind. Die Geschäfte weiterzuentwickeln, um sie weiterzugeben, das ist eigentlich der Kern von Nachhaltigkeit.  Daraus lassen sich ein paar Dinge ableiten: Das Unternehmen wird nicht geteilt und das Unternehmen muss ertragreich sein, um ungeteilt weitergegeben werden zu können.

Die Geschäfte weiterzuentwickeln, um sie weiterzugeben, das ist eigentlich der Kern von Nachhaltigkeit

Man kann also sagen, dass der Gedanke der Nachhaltigkeit tief in ihrer Grundüberzeugung verwurzelt ist?

Sehen sie, der Begriff der Nachhaltigkeit kommt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und bedeutet nichts anderes, als dass man nicht mehr erntet, als man pflanzt. Heute findet natürlich eine entsprechende Ausdehnung auf die unterschiedlichsten sozialen Bereiche statt. Mein Vater hat seinerzeit auch sehr viel darüber geredet und ich denke sehr viel über diese Fragen nach. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass der Begriff inzwischen so breitgetreten ist, dass ich ihn nicht so viel verwenden möchte. Aber der Gedanke dahinter ist in unserer DNA.

Ferdinand Fürst zu Castell-Castell (54) ist das Oberhaupt des fürstlichen Hauses Castell-Castell.

Interessant, dass sie von DNA sprechen, weil den Besitz gesund und ungetrennt in die nächste Generation weiterzugeben, ist ein nicht immer ganz leichtes Unterfangen. Man würde dieser Vorgehensweise fast etwas typisch aristokratisches unterstellen. Um mal konkret zu bleiben, wie macht das die Fürstlich Castell’sche Familie, der Teilung des Besitzes im Generationswechsel aus dem Weg zu gehen?

Das ist nur möglich, wir unterliegen ja seit 100 Jahren dem BGB, weil sich alle einig sind. Früher war das anders, da waren wir in Familien- und Rechtsfragen autonom. Das stand bis 1965 sogar im BGB als Kuriosität am Rande. Es wurde sogar noch bis in die 60er Jahre abgedruckt, mit dem Zusatz gegenstandslos. Seit hundert Jahren sind wir jeder anderen Familie gleichgestellt. In unserer Familie wurde die Primogenitur, damit das Prinzip wir vererben nur an einen pro Generationen, erst vor 200 Jahren eingeführt. Das ist heute rechtlich nicht mehr selbstverständlich, sondern wir haben genauso das Pflichtteilsrecht wie alle anderen auch. Und in den letzten drei Generationen nach dem Tod meines Urgroßvaters, nach dem Tod meines Großvaters und vor dem Tod meines Vaters ist es jeweils nur durch das Mitwirken aller Geschwister möglich gewesen, den Besitz immer in eine Hand weiterzugeben. Das war nur möglich über Pflichtteilsverzichte.

Wir haben momentan eine ganz große Renaissance des Themas Aristokratie innerhalb unserer Gesellschaft. Gleichzeitig wird an eine adelige Herkunft insbesondere an eine Familie mit langer, regionaler Tradition ein gewisses Bild geknüpft. Glauben Sie, dass Ihre historische Verbundenheit zur Region sie dazu bringt sich mehr gesellschaftlich zu engagieren.

Das können Sie mich prinzipiell fragen, aber da würde ich mich jetzt ungern selber bewerten. In Land- und Forstwirtschaft ist das eine verbreitete Grundhaltung sich um die Region zu kümmern und verantwortungsvoll und vorrausschauend zu wirtschaften. Ich denke auch nicht, dass das eine Eigenheit von Adeligen ist, sondern eher von Familienunternehmern. Wenn sie mich jedoch fragen wollen, was typisch adelig ist, auch in Bezug auf unsere Unternehmungen, würde ich sagen, das Prinzip des familienfremden Managements. Das finden sie in sehr vielen adeligen Familien, egal welcher Größe. Schon historisch wurden die entsprechenden Besitzungen nicht selbst verwaltet und haben damit schon Eigentum und Managementkompetenz voneinander getrennt. Das machen wir auch bis heute so. Ich bin weder Vorstand meiner Bank noch mein Forstleiter oder mein Weingutsleiter. Auf jeder dieser Positionen sitzt jemand, der das besser kann als ich. Damit holen wir uns gezielt zusätzliche Kompetenzen.

Schon historisch wurden die entsprechenden Besitzungen nicht selbst verwaltet und haben damit schon Eigentum und Managementkompetenz voneinander getrennt.

Ist das ein Hauptgrund für den jahrhundertelangen Erfolg ihrer Unternehmungen?

Ja, es gibt ja die bekannte Faustregel von den drei Generationen, nach denen alles weg ist. Da ist ein ganz wichtiger Punkt, familienfremdes Management. Dahinter steht, dass ich von meinem Nachfolger nicht erwarte, dass er der brillanteste Unternehmer ist. Denn Unternehmertum vererbt sich auch in adeligen Familien nicht zuverlässig in jeder Generation und trifft auch dann vor allem nicht immer den ältesten Sohn. Aber man kann deutlich leichter Menschen dazu erziehen, jemanden zu finden, der etwas besser kann. Für viele wachsende Familienunternehmen stellt allerdings genau dieser Gedanke eine große Hürde dar, irgendwann festzustellen, dass man jemand an der Unternehmensführung beteiligen muss, mit dem man nicht verwandt ist.

Gerade Unternehmertum ist dieser Tage wieder ein heiß diskutiertes Thema innerhalb unserer Gesellschaft. Wir haben in Deutschland oft die Mentalität, dass Unternehmer ihre Altersvorsorgen beziehungsweise ihre Vermögensanlage durch das Unternehmen abdecken möchten. Das bedeutet man legt nicht an, man grenzt nicht klar sein Privatvermögen ab, sondern reinvestiert in die eigene Unternehmung. Finden sie, dass es hier eines Umdenkens bedarf?

Ja, ich glaube, dass es ganz wichtig ist hierüber nachzudenken. Ein Unternehmer, der an seiner Firma stark beteiligt ist, ist etwas tolles und auch eine ganz große Stärke Deutschlands. Andererseits glaube ich, dass es wichtig ist Privatvermögen zu haben. Ich glaube, dass es nicht nur gut ist für die Familie, sondern auch sehr gut für das jeweilige Unternehmen. Dadurch wird der entsprechende Unternehmer auch freier in der Ergebnisteuerung. Ein Unternehmer, der auch in einer Krisenzeit des Unternehmens auf Erträge aus dem Unternehmen angewiesen ist, ist viel instabiler als jemand der sagen kann: Ich mache in diesem Jahr keine Ausschüttung an mich oder meine Familie und ich lebe in diesem schwierigen Jahr von meinem Privatvermögen. Daher glaube ich, es ist ein Gebot der Stabilität für einen Unternehmer Privatvermögen zu haben.

Es ist ein Gebot der Stabilität für einen Unternehmer Privatvermögen zu haben.

Ich würde so weit gehen zu sagen, dass vieles auch mit einem Bildungsdefizit in Deutschland zu tun hat. Wir lernen in unseren Schulen viel zu wenig über Finanzen, Vermögensbildung und anverwandte Themen. Glauben Sie auch, dass wir ein ganzes großes Defizit in diesem Bildungsbereich der kommenden Generationen haben?

Ich sehe das auch so, sage aber dann, das ist natürlich zuvorderst die Pflicht der Eltern, das ihren Kindern beizubringen. Aber da haben wir ein großes Defizit. Schon so einfache Dinge wie, nicht mehr auszugeben, als man einnimmt, sind wichtige Erziehungsinhalte. Insbesondere, dass man keine nicht notwendigen Dinge auf Kredit kauft oder andere Finanzierungsmodalitäten dafür nutzt. Man muss sich zuvorderst überlegen wie macht man das mit dem Geld, was man seinen Kindern gibt. Koppelt man das an Leistung oder nicht? Ich finde es muss beides geben. Man könnte zum Beispiel sagen, mäh den Rasen dann bekommst du Summe X. Ich finde aber auch, gerade bei meinen Kindern, es gibt auch Y mit dem sie machen können, was sie wollen. Sie sollen damit auch Fehler machen, das gehört dazu, um den verantwortlichen Umgang mit Geld zu erlernen. Es geht um das Befolgen einfacher Grundregeln: Gib nicht mehr aus, als du hast und mach keine Schulden für Konsum. Das führt nämlich automatisch zu Unfreiheit im Leben.

Schon so einfache Dinge wie, nicht mehr auszugeben, als man einnimmt, sind wichtige Erziehungsinhalte

Da lässt sich eine klare Kritik an unserer momentanen Situation erkennen. Es wird so viel Leasing betrieben, wie noch nie. Lange sind das schon nicht mehr schnelle Autos, sondern Fernsehgeräte oder teure Uhren. Auf der anderen Seite haben wir es hier mit einem Wirtschaftszweig zu tun, der viel Geld einnimmt. Wie sehen sie das?

Wir verdienen in Prinzip auch Geld damit. Aber wir machen zum Beispiel keine Konsumfinanzierung und das passt auch nicht zu uns, weil es ein Massengeschäft ist. Aber ich möchte das in erster Linie auch persönlich nicht machen. Ich mache gerne Geschäfte, die für beide Seiten gut sind und jemandem Geld zu leihen, um Konsum zu finanzieren, da hätte ich ein schlechtes Gewissen.

Wir haben jetzt viel über ihre Bank und Geld geredet, jetzt möchte ich noch zu einem genussvolleren Thema kommen, ihrem Weingut. Sofia Juliana Gräfin von Castell-Rüdenhausen hat das erste Mal in Castell die Silvaner-Traube angebaut, ihre Hauptrebsorte. Was sagen sie dazu, wenn öfter behauptet wird, es fehlt Silvaner an Jahrgangstiefe und Reifepotential?

Also, der Silvaner ist erstens unsere Hauptrebsorte und zweitens auch meine persönliche Lieblingsrebsorte. Gleichzeitig soll er auch die Rebsorte sein, mit der wir in die Zukunft gehen wollen, das heißt, er hat nicht nur eine lange Geschichte hier von 360 Jahren, sondern auch ein Profil, das mich sehr hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt. Das liegt daran, dass gute Weine immer balanciert sind, zwischen Süße und Säure. Das geht bei einem Riesling auf einem sehr hohen Niveau. Beim Silvaner hingegen auch auf einem niedrigeren Niveau. Natürlich spricht für den Silvaner auch, dass jeder gern ein zweites Glas nimmt, da man keine Angst haben muss säurebedingte Beschwerden in Kauf zu nehmen. Das freut mich natürlich, weil ich auf diese Art und Weise gute Wein verkaufen kann und die Leute auch gern noch eine zweite Flasche aufmachen.

Und was sagen Sie zum Reifepotenzial des Silvaners?

Was das Reifepotenzial angeht, erleben die Menschen hier immer wieder Überraschungen. Wir hatten vor ein paar Monaten hier am Tisch eine Verkostung mit Weinen, die wir teilweise im privaten Keller meines Vaters gefunden haben. Da war ein knochentrockener 1958er Silvaner dabei, null Gramm Restsüße und Alkohol neun oder zehn. Also die klassischen Haltbarmacher Zucker, Alkohol, Säure waren da alle nicht mehr drin. Das war ein ganz trockener, leichter und eleganter Wein und da haben wir erstmal alle großen Augen gemacht. Also auch beim Silvaner kommt die Langlebigkeit aus der Reife der Rebstöcke, der Reife der Trauben und aus der Sorgfalt im Keller. Sie müssen wissen, unsere Weine hier wachsen auf Keuperböden, wodurch sie einen ziemlich starken Kalzium-Gehalt auch im Wasser mitkriegen. Sie haben damit eine längere Pubertät als andere Weine und erreichen eine angenehme Reife später und können diese dadurch viel länger durchhalten. Also unsere Lagenweine verkaufen wir jetzt erst ab dem September nach der Ernte und unsere großen Gewächse erst ab dem zweiten September nach der Ernte. Wir bemerken auch, dass man sich die großen Gewächse noch 20 Jahre hinlegen kann und damit passieren dann viele erfreuliche und interessante Dinge.

Auch beim Silvaner kommt die Langlebigkeit aus der Reife der Rebstöcke, der Reife der Trauben und aus der Sorgfalt im Keller.

Wer seine Agrarerzeugnisse so liebt, hat bestimmt auch eine Meinung zur momentanen Agrarpolitik und der Trendwende hin zum biologischen Weinbau. Glauben sie, dass dieser Weg zukunftsfähig ist oder glauben sie, dass wir uns gerade auf europäischer Ebene verrennen?

Dazu gehen mir viele unterschiedliche Gedanken durch den Kopf, sie müssen wissen, ich war mal Deutschlands größter Bio-Winzer. Diese Art des Anbaus habe ich aufgegeben, da ich beschließen musste, dass das nur erlaubte Bekämpfen von Pilzerkrankungen an den Reben mit Kupfer, zu einer Degradierung des Bodens führen würde. Also die Zukunft des Betriebes klaren Unsicherheiten aussetzt. Zum einen ist es gut, dass viele Menschen nachdenken wie geht es mit unserem Klima weiter, was ist unsere Zukunft. Darüber freue ich mich und mir ist erstmal egal, aus welchem politischen Lager oder welcher Ideologie diese Trendwende kommt. Es ist natürlich auch die Ausprägung einer Wohlstandsgesellschaft, in der die meisten Leute nicht überlegen müssen wie sie satt werden, sondern wie sie vermeiden heute wieder zu viel zu essen. Was wichtig ist, ist das Vertrauen in die, die nah am Thema dran sind, die Winzer, die Landwirte oder allgemein die Erzeuger innerhalb der Agrarsparte. Man muss zunächst mal den Bewirtschaftern zutrauen, dass sie das richtig machen, weil sie nah dran sind, weil sie kompetent sind und weil sie die räumlichen Gegebenheiten kennen. Gleichzeitig sollte man ihnen  unterstellen, dass sie fachkundig und von guten Interessen geleitet sind sowie, dass man nicht versuchen sollte, von zu weit weg und zu global Dinge zu regeln. Weil, was richtig oder falsch ist, kann sich auch ändern. Wir bewirtschaften unsere Weinberge und unseren Wald seit Jahrhunderten und was da gut oder schlecht für die Zukunft ist, weiß ich noch nicht genau. Wir arbeiten mit Studien zum Thema Analogiegebiete, um herauszufinden, was es heute schon gibt und wie es bei uns in 150 Jahren aussehen könnte.
Dabei ist wichtig, dass wir uns einen Plan zurechtlegen, wie wir damit zurechtkommen, beziehungsweise, wie wir es verhindern können, dass es soweit kommt!

ZUR PERSON

Ferdinand Fürst zu Castell-Castell (54) ist Oberhaupt des fürstlichen Hauses Castell-Castell. Er führt zusammen mit Otto Fürst zu Castell-Rüdenhausen die fürstlich Castell’sche Privatbank, Forstverwaltung und Landwirtschaft. Die fürstlich Castell’sche Bank ist spezialisiert auf Kredit- sowie Anlagegeschäfte und vor allem in der Verwaltung von deutschen Mittelstandsvermögen und -Unternehmen tätig.  Er ist außerdem in 26. Generation Alleinbesitzer des Castell’schen Weinguts, welches als erstes in Deutschland die Silvaner-Rebe anbaute, die noch 360 Jahre nach der ersten Pflanzung die Hauptanbausorte des Castell’schen Betriebs darstellt. Fürst Ferdinand hat mit seiner Ehefrau Marie-Gabrielle insgesamt 5 Kinder. 2013 erhielt er die bayrische Staatsmedaille für Verdienste um die Umwelt.