Zeitgenössisches Bauen in Potsdam klingt wie ein Widerspruch in sich. Daß es dennoch geht, bewies der Architekt Carlos Zwick mit dieser Villa am Ufer des Jungfernsees.

Ein Haus am Wasser. Genau das hatte sich der Berliner Architekt Carlos Zwick immer gewünscht. Doch in der Hauptstadt selbst schien das Vorhaben kaum umsetzbar. „Dann hatte ich ein Projekt in Potsdam. Der Bauträger hat uns zum Geburtstag eingeladen und wir standen auf seiner Terrasse am Jungfernsee.

Schwebendes Volumen: Der Blick wandert unter dem Haus hindurch zum Jungfernsee.

Gegenüber haben wir das Grundstück mit diesen zwei eingefallenen Denkmälern gesehen“, sagt Carlos Zwick. Die beiden Fachwerkhäuser wurden im 19. Jahrhundert gebaut und beherbergten das frühere Parkrestaurant Nedlitz sowie einen Tanzsaal. Es gab einen Anleger für die Ausflugsdampfer der Weissen Flotte, mit denen nicht nur die Berliner zum Kaffeetrinken kamen. Auch der Kaiser reiste in den Zwanzigerjahren mit dem Boot an, weswegen der Garten mit seinen tausend 1000 Sitzplätzen und mehreren Höhenebenen den Namen Kaiserterrassen erhielt. 

Für die Nebenträger, Deckenbalken und Außenwände wurde Holz verwendet.

„Das Grundstück war total verwildert und zugewachsen. Und die Terrassen waren größtenteils eingestürzt“, erinnert sich Carlos Zwick. Ein weiterer Punkt machte ihn skeptisch: Das Denkmalamt hatte eine Baugrenze verhängt, wonach erst ab einer Distanz von 50 Metern zur Uferkante neu konstruiert werden konnte. Die erwünschte Nähe zum Wasser war damit hinfällig. Und so ruhte das Projekt ein weiteres Jahr, bis Carlos Zwick erneut beim Geburtstag des Bauherren auf der anderen Seeseite stand. Noch immer hat sich nichts getan. Keiner wollte das Grundstück, auf dem zu DDR-Zeiten die Sowjets mehrere Panzer deponiert hatten. „Dann habe ich gedacht: Na gut, man könnte das Grundstück für einen relativ niedrigen Preis kaufen und versuchen, bei der Stadt Baurecht zu beantragen für ein Gebäude, das näher am Wasser steht“, erklärt Carlos Zwick, der sein Architekturbüro 1989 in Berlin gegründet hat. 

Kord-Sofa Carlton von Bo Concept. Beistelltisch CTM von Charles & Ray Eames.

Also erwarb er das Land. Er reichte einen ersten Bauantrag ein, dann einen zweiten, einen dritten, einen vierten. Alle wurden abgelehnt, bis der damalige Amtsleiter beim fünften Versuch Erbarmen zeigte. Immerhin lag die Wende nun 25 Jahre zurück. Und noch immer ist auf dem Grundstück nichts passiert. Also wies er die Untere Denkmalschutzbehörde und das Stadtplanungsamt an, positiv zu entscheiden. Der Grund für diesen Sinneswandel lag nicht nur im Faktor Zeit. Auch die veränderte Planung stimmte die Beamten milde: „Wir wollten die denkmalgeschützten Kaiserterrassen mit einem Haus auf Stelzen überbauen“, so Carlos Zwick.

Ikea-Küche mit Granitplatte. Sideboard und Vitrine sind Entwürfe von Carlos Zwick.

Das eingeschossige Gebäude setzt sich aus zwei getrennten Baukörpern zusammen: Einem zum See ausgerichteten Volumen von 23,6 mal 18,5 Metern, das die Wohnräume, Bäder und Schlafzimmer von Carlos Zwick und seiner Lebensgefährtin Claudia Kensy aufnimmt. In einer kleineren Einheit von 18,6 mal 10,1 Metern sind die Kinderzimmer, Bäder sowie der Hauswirtschaftsraum untergebraucht. Beide Volumina docken an einen Kern aus Stahlbeton an, der eine aussteifende Wirkung entfacht. Im Inneren des Betonkerns sind der Treppenaufgang, die Haustechnik, die Garderobe sowie ein Aufzug integriert, um das Obergeschoss mit einem Rollstuhl erreichen zu können. Nicht aus konkretem Anlass. Aber man weiß ja nie. 

Esstisch Sonderanfertigung von Carlos Zwick. Stühle AAC von Hee Welling für Hay.

Die beiden Baukörper werden von 40 diagonalen Stahlträgern drei Meter über das Grundstück angehoben. Jeweils vier Träger laufen in einem schmalen Betonsockel zusammen, der mit minimalem Fußabdruck in den Boden eingelassen wurde. „Der große Vorteil dieses aufgeständerten Hauses ist: Wenn man von der Straße das Grundstück betritt, hat man weiterhin einen freien Blick zum See“, so Carlos Zwick. Auch die gesamte Tragstruktur des Hauses ist aus Stahl gefertigt. Für die Nebenträger, Deckenbalken und Außenwände wird Holz verwendet – eine Entscheidung, die nicht nur ästhetisch und klimatechnisch begründet wird, sondern ebenso statisch. Denn nur durch den Einsatz von leichtem Holz war die Konstruktion auf filigranen Stahlträgern überhaupt umsetzbar.

Betten für die die Hundedame Tilda und ihren dunkelhaarigen Begleiter Schröder.

Eine wichtige Rolle spielt die Relation zur Natur. „Wir haben die Baukörper so zwischen die Bäume platziert, dass keiner von ihnen gefällt werden musste. Durch den Patio im Elternhaus wächst ein Ahorn. Der Baumgutachter vermutet, dass die große Eiche am Wasser knapp 300 Jahre alt ist“, erzählt Carlos Zwick. Auch darin unterscheidet sich das schwebende Haus deutlich von seiner Nachbarbebauung. Schließlich gilt Potsdam mit seinen barocken Schlössern, klassizistischen Villen und allerhand historisierendem Kitsch aus den 1990er Jahren nicht unbedingt als Eldorado zeitgenössischer Architektur. „Das ganze Konzept ist auch vom Gestaltungsrat der Stadt Potsdam abgewiesen worden. Wir haben es trotzdem so gemacht, weil dieser Rat nur eine beratende und keine bau- und planungsrechtliche Funktion hat“, so Carlos Zwick. Sein Argument: Die Materialität des Holzes würde die Präsenz des Gebäude abmildern. Und in der Tat: Beim Blick von der Seeseite löst sich das Volumen inmitten der Baumwipfel regelrecht auf. 

Die beiden Baukörper werden von 40 diagonalen Stahlträgern drei Meter über das Grundstück angehoben.

„Claudias Angst war, in sieben Metern Höhe über dem Wasserspiegel praktisch den Kontakt zum See verlieren. Denn auch die alten Kaiserterrassen haben einen Höhenunterschied von drei Metern zu der Ebene, auf der das Haus steht“, so Carlos Zwick. Um dem entgegenzuwirken, spannt sich eine 2,6 Meter tiefe und 22 Meter lange Loggia über die gesamte Breite des größeren Baukörpers und öffnet diesen zum Wasser. „Im Sommer findet dort das ganze Leben statt: ein schöner Außenraum, wo man sitzen kann, selbst wenn es regnet und man immer ganz nah am Wasser ist“, so der Architekt. Eine in den Boden eingelassene Brüstung aus transparentem Glas lässt die Blicke ungestört zum Jungfernsee passieren. 

Durch den Patio im Elternhaus wächst ein Ahorn.

Auch die Grundrisse unterstützen den Kontakt zur Natur. Im Elternhaus gehen die Räume fließend ineinander über. Nur bei Bedarf können sie mit großen, raumhohen Schiebetüren voneinander abgetrennt werden. Ganz anders der Gebäudeteil für die Kinder. Die Zimmer lassen sich mit Türen verschließen, die links und rechts von einem mittig platzierten Flur abzweigen. Um das Raumgefüge im Elternhaus so großzügig wie möglich zu halten, wurde der Großteil der Ablageflächen in Form von Einbauschränken in die Architektur integriert.

Das Schlafzimmer als zurückhaltend möblierte Ruhezone im Elterntrakt.

Den Olivenholztisch hat der Hausherr, der vor seinem Architekturstudium in München eine Schreinerlehre absolviert hatte, skizziert und schließlich bei der Tischlerei Mariusz Zak bauen lassen – ebenso wie das Sideboard oder den Glasschrank. Die Sitzmöbel hat seine Lebensgefährtin allesamt gekauft. Klassiker wie der Lounge Chair von Charles und Ray Eames (produziert von Vitra), der Sessel Ei von Arne Jacobsen (hergestellt von Fritz Hansen) oder der Sessel Bird von Harry Bertoia (fabriziert von Knoll International) treffen auf heutige Entwürfe wie den gepolsterten Esstisch-Stuhl AAC von Hee Welling für Hay. Auch einige Vintage-Möbel aus DDR-Zeiten haben den Weg in das schwebende Baumhaus gefunden.

Das Farbkonzept der Innenwände hat die Hausherrin Claudia Kensy bestimmt.

In der Küche wurden ganz pragmatisch eine freistehende Insel und Einbauschränke von Ikea eingesetzt, die in Kombination mit einer schwarzen Granitarbeitsplatte sowie im Zusammenspiel mit den geölten Eichendielen eine sehr viel hochwertigere Erscheinung erhalten. Für zwei weitere Hausbewohner wurden spezielle „Unterkünfte“ eingerichtet: Die blonde Hundedame Tilda, die zur seltenen, weil vom Aussterben bedrohten, dänische Hunderasse Broholmer gehört. Ihr männlicher Kompagnon heißt Schröder, trägt ein schwarzes Fell und vertritt die Rasse Großer Schweizer. Beide Hundebetten verfügen über hölzerne Rahmen mit einem ledernen Sitzkissen in Matelassé-Steppung. 

Eine in den Boden eingelassene Brüstung aus transparentem Glas lässt die Blicke ungestört zum Jungfernsee passieren.

Kunst ist sehr präsent im Hause. Auch gibt es ein eigenes Atelier, das sich mit bodentiefen Fenstern zu den umliegenden Bäumen öffnet. „Claudia hat Malerei und Bildhauerei studiert. Sie arbeitet aber eigentlich als Journalistin. Einige Bilder sind von ihr, die meisten haben wir auf Auktionen zusammengekauft“, sagt Carlos Zwick. Auch die Raumfarben, darunter eine senfgelbe Wand in der Kaminecke, wurden von der Hausherrin bestimmt. Carlos Zwick sieht hier eine klare Aufgabenverteilung: „Claudia hat natürlich eine große Affinität zu Farbe, weil sie in ihrem Atelier selbst viel mit Farbe arbeitet. Meine Häuser sind hingegen immer komplett in weiß (lacht).“

TEXT//NORMAN KIETZMANN

FAKTEN

Typologie: Privathaus

Ort: Potsdam, Deutschland 

Architektur: Carlos Zwick

Grundstück: 3.998 Quadratmeter 

Bebaute Fläche: 712 Quadratmeter

Wohnfläche: 580 Quadratmeter

Bauzeit: 2014 bis 2020