Immer wieder gehen diese Bilder um die Welt: Chinesische Städte in düsteres Grau gehüllt, kein Sonnenlicht, Menschen mit Atemschutzmasken vor dem Mund hasten durch die Straßen. „In der Tat ist das in Chinas Großstädten keine Seltenheit“ weiß Stefan Albrecht, der 15 Jahre für die Beratungsfirma McKinsey in China war und heute Managing Direktor der Anlagegesellschaft Qilin Capital ist.

„Heute wird nirgendwo auf der Welt so viel erneuerbare Energie installiert wie im Reich der Mitte.

Die massive Luftverschmutzung gehört zu den drängendsten Problemen des Landes. Laut dem ‚State of the Air‘ Report 2017 des Instituts für Health Metrics and Evaluation starben allein 2015 über 1,1 Millionen Menschen an den Folgen der Feinstaubbelastung. Im Schnitt, so eine Studie der Universität Chicago, kostet es Menschen 3,5 Jahre ihres Lebens, in einer chinesischen Stadt zu leben, in den nordöstlichen Metropolen sind es knapp sieben Jahre. Dazu kommt das Trinkwasserproblem. Ein Drittel des Industrie- und 90 Prozent des Haushaltsabwassers gelangen Schätzungen zufolge ungefiltert in die Flüsse und Seen des Landes.

Smog in Shanghai / Foto Ralf Leineweber für Unsplash

Die Umweltverschmutzung ist so eklatant, dass sie sich längst auf die Zufriedenheit der Menschen auswirkt. „Vor rund 15 Jahren“, sagt Raphael Lüscher, Portfoliomanager bei Swisscanto, „war es noch die Armut, die die Chinesen am meisten beschäftigte, heute sind es die Sorge um die eigene Gesundheit und die Einschränkung der Lebensqualität in Folge der Umweltverschmutzung.“ Und das birgt sozialen Sprengstoff.

Dazu kommen die Kosten, die sich laut der US-Denkfabrik Rand Corp. auf rund 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts jährlich belaufen. Es ist die Kehrseite des wirtschaftlichen Aufholprozesses in den vergangenen Jahrzehnten, in denen sich China „ohne Rücksicht auf Umwelt und Ressourcen“, wie die Experten AB Investors schreiben, zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt entwickelt hat.

„Will die Regierung eine neue Technologie, dann passt sie den rechtlichen Rahmen an und fördert diese mittels Subventionen.

Deshalb haben die Verantwortlichen vor rund zehn Jahren dem Schutz der Umwelt mehr Beachtung geschenkt. „Damals wurde beschlossen, alternative Energien wie Solar und Wind zu fördern“, sagt Albrecht. Heute wird nirgendwo auf der Welt so viel erneuerbare Energie installiert wie im Reich der Mitte. So wurden laut der Internationalen Energieagentur 2017 weltweit Solaranlagen mit einer Leistung von 74 Gigawatt in Betrieb genommen – mehr als die Hälfte davon in China. „Gleichzeitig wurden rund 100 Kohleprojekte eingestellt“, informiert Lüschers Kollege Robert Hauser.

Chinesisches Wohnhaus / Foto Alex Mao für Unsplash

Diese Entwicklung soll sich fortsetzen. So hat China nicht nur das Pariser Abkommen, das vorsieht, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, unterzeichnet, sondern räumt dem Umweltschutz auch immer mehr Raum ein. „Tatsächlich wurde dieser als Grundrecht in der Verfassung verankert“, sagt Albrecht. Und laut dem aktuellen Fünf-Jahresplan ist es das erklärte Ziel, die Luftverschmutzung bis 2035 um 34 Prozent zu reduzieren.

Doch vor allem ist die Regierung bereit, dafür viel Geld in die Hand zu nehmen. Bis 2020 sollen 361 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien fließen. „Insgesamt sind für grüne Branchen in den kommenden fünf Jahren sogar 1,3 Billionen Dollar vorgesehen, rund 60 Prozent mehr als im vorherigen Fünf-Jahresplan“, sagt Hauser. „Damit sollen auch Wälder, mit dem Ziel, 10.000 Tonnen an CO2zu absorbieren, aufgeforstet oder der Verkauf von Elektrofahrzeugen durch Subventionen aggressiv unterstützt werden“, fügt Manfred Rath von der KSW Vermögensverwaltung hinzu.

„Es ist das erklärte Ziel, die Luftverschmutzung bis 2035 um 34 Prozent zu reduzieren.

So soll die Zufriedenheit der Menschen erhöht und die Gefahr sozialer Unruhen verringert werden. „Aber natürlich will die Regierung auch etwas für ihr grünes Image tun, das Wachstum soll qualitativ hochwertiger werden und sie will die marktwirtschaftlichen Opportunitäten nutzen, die sich daraus ergeben“, macht Lüscher klar. Letzteres bedeutet: Die globale Marktführerschaft in der grünen Industrie.

Die Vorgehensweise ist dabei immer ähnlich. Will die Regierung eine neue Technologie, wie vor Jahren die Solarenergie, wo das Land heute führend ist, oder aktuell die Elektromobilität etablieren, dann passt sie den rechtlichen Rahmen an und fördert diese mittels Subventionen. Viele neue Firmen entstehen und müssen sich an einem umkämpften Markt behaupten. „Wer das schafft, ist für den internationalen Wettbewerb gut gewappnet“, erklärt Albrecht.

Ein Schlüssel dafür ist die Marktgröße. „Sie ermöglicht es den Firmen Knowhow aufzubauen, hohe Kapazitäten zu fahren und zu wettbewerbsfähigen Kosten zu produzieren. Solche Voraussetzungen finden Sie nur in wenigen Märkten“, so der Experte weiter. Aber die Subventionen werden auch rasch zurückgenommen, wie in diesem Jahr bei Elektroautos. Dann müssen die Firmen sich selbst zurechtfinden.

Skyline von Shanghai / Foto Aalejo Meza für Unsplash

Albrecht kennt diese Vorgehensweise aus seiner Zeit in China. Und ist deshalb überzeugt, dass bis 2030 rund 200 der 500 größten Unternehmen der Welt aus dem Reich der Mitte kommen werden. Das wären doppelt so viele wie heute. Und die eine oder andere Firma davon könnte aus der Umweltbranche stammen. „Tatsächlich halte ich Chinas grüne Industrie für ein uneingeschränkt spannendes Anlagethema“, urteilt Rath.

Der Haken: die Investmentmöglichkeiten sind eingeschränkt, da es keinen Fonds oder ETF gibt, der sich auf nur darauf konzentriert. Wer dort über Investmentvehikel investieren will, kann nur entweder einen China-Fonds wählen, der diesen Bereich mitberücksichtigt. Ein Beispiel dafür ist der Tamac Qilin China Champions Fonds, der versucht, künftige Marktführer zu identifizieren. Oder einen Nachhaltigkeitsfonds, der sich auf Schwellenländer konzentriert und einen maßgeblichen China-Anteil hat.

Eine Alternative sind Einzelwerte. Hier hält Albrecht grundsätzlich die Elektromobilität für besonders attraktiv. „Das ist die Branche, die aktuell die dynamischste Wachstumsphase noch vor sich hat.“ Allerdings müssen Anleger bei Einzelwerten genau hinschauen. „Anlegern sollten zum Beispiel darauf achten, dass die Zahlen von einem der großen Wirtschaftsprüfer auditiert sind“, rät der Experte. „Außerdem sollten Anleger bei der Titelauswahl darauf achten, dass der staatliche Einfluss möglichst gering ist oder es gar keinen gibt  und dass die Firma Gewinn macht“, fügt Experte Rath hinzu. Doch so aussichtsreich dieser Bereich auch ist, ein hohes Maß an Risikobereitschaft müssen Anleger bei Einzeltitelinvestments auf jeden Fall mitbringen.  

TEXT / GERD HÜBNER