Für den Finanzexperten Holger Schmitz ist das vollständige Bargeldverbot nur noch eine Frage der Zeit – und hoch gefährlich.

INTERVIEW//SÖREN MÄRZ

Was steckt aus Ihrer Sicht hinter den Bestrebungen, den Bargeldverkehr einzuschränken? 

Angeblich geht es vor allem um Geldwäscheprävention und um den Kampf gegen Steuerhinterziehung. Doch in Wahrheit möchten Politiker verhindern, dass Sparer ihr Geld von ihren Konten abheben und zu Hause aufbewahren. Denn so könnten die Transaktionen bei Bedarf nicht überwacht werden. Bargeld bedeutet Unabhängigkeit vom Bankensystem und von staatlicher Überwachung. Ziel aber ist, dass alle Kontobewegungen und Transaktionen sowie die individuellen Vermögenssituationen weitgehend nachvollziehbar sind. Hierdurch ließe sich bei staatlichen Haushaltslücken jeglicher Art eine Sparersteuer direkt von den Konten der Bürger einziehen.

Das Thema besorgt Sie primär aus dem Freiheitsgedanken heraus? 

Eindeutig. Eine Bargeld-Verabschiedung als Selbstzweck fände ich höchst traurig. Mich beunruhigt die Abschaffung oder vielmehr die Zurückdrängung des Barverkehrs besonders deswegen sehr, weil hinter der Sache ein übergeordnetes Ziel steht: dieses heißt Enteignung. 

Enteignung ist ein ziemlich starker Begriff…

Lassen Sie mich etwas weiter ausholen. Bargeld ist ein Sorgenkind von mir, auch noch aus einem weiteren Grund. Mein Ansatz ist, dass die einzelnen Staaten zu stark verschuldet sind. Wir haben seit der letzten Finanzkrise unsere Schulden nicht abgebaut. Stattdessen haben wir sie weiter aufgestockt. Und jetzt stehen die Staaten, die einen mehr, die anderen weniger, vor einem Problem: Wie kommt man von der Schuldenlast wieder herunter? Die Schulden der Staaten sind die Vermögen ihrer Bürger. Wenn der Staat pleitegehen sollte, heißt das, dass seine Bürger zahlungsunfähig sind. Aus der bilanziellen Brille betrachtet kürzt man durch das Streichen der Staatsschulden letztendlich auch die Vermögen der Bürger. Wir machen also eine Bilanzkürzung.  

Die Enteignung der Bürger geschieht vorderhand nicht auf der Bargeld-Seite, sondern auf der Buchgeld-Seite. Wenn man auf der Buchgeld-Seite enteignen will, dann muss man im Vorfeld die Schlupflöcher schließen. Eines dieser Schlupflöcher ist – zumindest noch zurzeit – die Flucht ins Bargeld. 

Bar auf die Hand: Bei Geschäften unter Unbekannten eine oft beliebte Zahlungsart.

Bedeutet die Abschaffung des Bargelds die Beschneidung der individuellen Freiheit?

Natürlich gibt es Stimmen die sagen, man muss es nicht ganz abschaffen. Wenn man die großen Scheine abschafft und nachher nur noch Zehner und Zwanziger übriglässt, dann ist dieser Fluchtweg aber bereits weitgehend verstellt. Nehmen wir die neuen Tausendernoten der Schweizer Nationalbank. Die sind etwas kleiner als die alten derzeit noch zusätzlich im Umlauf befindlichen Tausender. Wenn man mit den neuen Scheinen eine Million vom Konto abhebt, kommt man auf ein Paket, das gerade mal zehn Zentimeter hoch ist und ein Kilo wiegt. 

Damit lässt sich die Million recht bequem bewegen.

Ja klar. Doch wenn man das in Zehner-Noten macht, dann sieht das Ganze schon anders aus. Dann muss man nicht ein Kilo fortbewegen, sondern ungefähr hundert Kilo und nicht zehn Zentimeter Papier, sondern einen Zehn-Meter-Stapel. Damit ist die Freiheit zur Geldbewegung massiv eingeschränkt.

Bargeldlos zahlen scheint insbesondere bei jungen Menschen ein Trend, nicht zuletzt wegen mobiler Endgeräte und neuer Funktionen der Geldkarten. 

Ich sehe diesen Trend auch und bemerke gleichzeitig eine bei jungen Erwachsenen weit verbreitete Ahnungslosigkeit. In erster Linie sehen diese Generationen erst mal nur die Bequemlichkeit, und das ist alles. Dass sie damit einen Datenstrom von sich preisgeben, ist ihnen entweder nicht bewusst, oder schlichtweg egal. 

Kleines Papierformat, hoher Wert: Die 1000 Schweizer Franken Note.

Kann die Abschaffung des Bargelds ein weiterer Schritt sein hin zu erhöhter Durchsichtigkeit des Individuums?

Betrachten wir die großen Interessensgruppen, die das Bargeld gern komplett verschwunden sähen. Das sind nicht nur Politiker, die damit bestimmte Interessen verbinden. Zu den Playern zählen auch die ganzen Unternehmen, die davon profitieren. Dabei denke ich jetzt in erster Linie nicht an Banken oder Kreditkartenanbieter, die an jeder Transaktion ein bisschen was verdienen. Sondern es geht mir darum, dass für sich genommen erst einmal auf den ersten Blick gar nicht so verdächtige Unternehmensgruppen Interesse daran haben. Egal, ob das jetzt Versicherungen sind oder Werbetreibende, die Konsumgewohnheiten über Big Data dann noch besser adressieren können. Seien wir doch mal ehrlich, das können wir doch nicht wollen. 

Es gibt es durchaus Modelle, in denen es ohne Bargeld funktioniert. Beispielsweise bei unseren skandinavischen Nachbarn aus Schweden. 

Der Zwang der Obrigkeit. Die Menschen in Skandinavien hatten nie die Wahl, ob sie mit Bargeld oder mit Karte zahlen. Egal wo man etwas kaufen möchte, wird man konsequent darauf aufmerksam gemacht, dass kein Bargeld genommen wird. Meiner Meinung nach ist die Sache, speziell in Schweden, eine ausschließlich erzwungene Situation. Das Ganze war durchaus sehr raffiniert eingefädelt. Die Geschäfte hatten damals die Wahl, entweder nur noch Kartenzahlung zu akzeptieren, oder die Lizenz zu verlieren.

Ist diese Entwicklung noch aufzuhalten?

Ich fürchte nein, weil die Interessensgruppen einfach zu stark sind. Es ist im Programm des Internationalen Währungsfonds verankert, dass es ein Bargeldverbot geben soll. Diesem Endziel geht klar die Reduzierung des Bargelds voraus. Das ist längst beschlossene Sache. 

Könnten Kryptowährungen als Alternative zum Bargeld nicht ein Freiheitsbringer sein?

Es wäre gar nicht so schlecht, wenn es so wäre, allerdings bin ich da skeptisch. Es gibt verschiedene Stimmen zum Thema, manche gehen sogar so weit, hinter dem Pseudonym des Programmierers eine Organisation zu vermuten. Unbestreitbar mussten wir in den letzten Jahrzehnten einen starken Vertrauensverlust in die Papierwährung hinnehmen. Bei einer neuen, großen Währungskrise werden wir einen weiteren sehr massiven Verlust des Vertrauens in Papierwährungen erleben. Spätestens dann müssen die verantwortlichen Regierungen einen Ersatz dafür finden. Denkbar, also zumindest in meinem Wertekanon, wäre demnach eine Kryptowährung.

Bitcoin läßt Peer-to-Peer-Transaktionen zu, wurde deflationär programmiert und stellt sich dezentral dar. Eigentlich doch eine wunderbare Möglichkeit, sich gegen die staatliche Komplettkontrolle von Geldgeschäften zu wehren.

Wenn starke Interessensgruppen eine Zielvorstellung gebildet haben, wird alles, was davon abweicht, rigoros bekämpft. Wir hatten in der Vergangenheit bereits das Verbot von Gold im Tauschgeschäft. Daraus entwuchs eine systematisch aufgebaute Gefahr für Individuen, die sich dieser Zahlungsalternative bedienen. Ich würde mir wünschen, dass es anders kommt, aber mit Blick auf die Vergangenheit ging mir diese Hoffnung verloren. 

Könnte eine rigorose staatliche Kontrolle von Zahlungsmitteln nicht sogar zu revolutionären Umtrieben führen?

Durchaus möglich, aber das braucht seine Zeit. Wenn man so schaut, wie lange beispielsweise das DDR-Regime überleben konnte, fragt man sich, wann die Menschen wegen Bargeld auf die Straßen gehen. Ich sage es Ihnen ehrlich, das beunruhigt mich. Ich habe kein Interesse daran, über 30 Jahre in staatlicher Unfreiheit zu leben, bevor etwas passiert. Was uns bleibt, ist auf die allgemeine Vernunft der Mitmenschen zu hoffen.

Was ist von der Empfehlung des Internationalen Währungsfonds zu halten, einen Wechselkurs zwischen Bar- und Buchgeld einzuführen?

Letztendlich geht es auch hier darum, Bargeld abzuwerten und unattraktiv zu machen. Wenn in Zukunft nicht nur Buchgeld, sondern auch Bargeld mit Negativzinsen schleichend enteignet wird, gibt es nicht mehr viele Ausweichmöglichkeiten für Sparer. Da auch verzinsliche Wertpapiere wie Staatsanleihen seit längerem negativ rentieren, dürfte viel Kapital in die Aktienmärkte fließen – mit entsprechend steigenden Aktienkursen. 

Welche Anlageform bietet aus Ihrer Sicht derzeit am meisten Schutz? 

Sparer, die ihre Vermögen schützen möchten, kommen an Aktien nicht vorbei. Entscheidend ist jedoch dabei, in welche Unternehmen und Märkte man investiert. Aufgrund der vielschichtigen und sich weiterhin verschärfenden Probleme innerhalb der Eurozone empfehlen wir Anlegern, ihr Kapital bevorzugt in Regionen anzulegen, die stabile Rahmenbedingungen und starke Währungen bieten. Gute Beispiele hierfür sind die Schweiz und Norwegen. Solide und liquide Werte von Unternehmen mit hoher Substanz sollten die Basis einer langfristigen Vermögensstrategie bilden. 

Finanzexperte Dr. Holger Schmitz.

ZUR PERSON

Dr. Holger Schmitz begann nach einer Banklehre bei der Deutschen Bank und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Essen 1988 als Portfolio- und Fondsmanager bei der FIDUKA Depotverwaltung in München (André Kostolany) und ist seit 1993 als Vermögensverwalter und Depotmanager im Tessin und in München tätig.