TEXT//HARALD CZYCHOLL

Mit 16 Jahren zur ersten Million: Der US-Amerikaner Benjamin Kapelushnik hat es vorgemacht. Zu seinem Reichtum hat dem jungen Mann dabei seine Leidenschaft für Schuhe verholfen – genauer gesagt Sneaker, die weltweit zum lukrativen Investmenttrend avanciert sind.

Bei diesen Schuhen sind die weisse Socken von Adidas wohl ein Must.

In dieser Hinsicht werden die beliebten Zweckschuhe ihrem Namen gerecht: Das englische „sneak“ bedeutet so viel wie schleichen – und ebenso haben sich Sneaker in der jüngeren Vergangenheit quasi auf leisen Sohlen zu einem Sammler- und Statusobjekt gemausert. Sie werden mitunter wie Wertpapiere in Online-Börsen gehandelt und sorgen für irrwitzige Warteschlangen vor Schuhgeschäften und Server-Abstürze in Online-Shops. Besonders ambitionierte Käufer greifen sogar schon zu spezieller Software – den sogenannten Sneaker-Bots – um während des Ansturms auf den Webshop noch ein Paar zu ergattern. Und das durchaus zu Recht, wie nicht nur das Beispiel von Benjamin Kapelushnik zeigt. Denn für einzelne Exemplare legen die als „Sneakerheads“ bezeichneten Schuhinvestoren auch schon mal fünfstellige Beträge auf den Tisch.

Sehen wie alt aus, sind aber neu: Trendy Sneaker von Gucci.

Der Hype wird natürlich kräftig von den Herstellern befeuert. Das gilt vor allem für die drei großen Labels beziehungsweise Linien Adidas, Nike und Jordan (Nike). Denn schließlich gelten die Gesetze der Marktwirtschaft auch auf dem Sneaker-Markt: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis – und wo das Angebot künstlich knappgehalten wird und die Nachfrage hoch ist, steigen die Preise in schwindelerregende Höhen. Und das färbt natürlich auf die Marke insgesamt ab und sorgt auch auf dem Massenmarkt für gute Verkaufszahlen.

Hat immer wieder Raritäten im Regal: Kultladen für Sneaker-Fans in Amsterdam.

Ein Beispiel ist der Schuh „München Made in Germany“ von Adidas, ein Sneaker im Oktoberfest-Look, den der fränkische Sportartikelhersteller im vergangenen Jahr auf den Markt gebracht hatte. Für satte 200 Euro wurden die Treter in limitierter Stückzahl über die hauseigene Webseite verkauft – und waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Denn „limitiert“ ist eine Art Reizwort für einen echten Sneakerhead – dann greift er zu, in der Hoffnung auf eine Vervielfachung des Preises. Wer den Schuh dann eine Weile aufhebt – natürlich ungetragen – kann mitunter satte Gewinne einstreichen.

Sehr gesucht: Nike-Sneaker mit Denim.

Welche Preissprünge möglich sind, zeigt etwa der im Jahr 2002 erschienene „Nike SB Low Reese Forbes Denim“: „Nach nicht einmal 20 Jahren stieg der Wert des Sneakers um über 7.500 Prozent“, sagt Waltraut Seidel von der Beratungsfirma Finanzplanung Seidel aus Stuttgart. Aber auch neuere Schuhe erzielen astronomische Preise: Der „Nike Air Mag Back to the Future (2016)“ wird derzeit mit 23.000 Dollar (etwa 20.000 Euro) taxiert. Der Schuh, erschienen anlässlich des „Zurück in die Zukunft“- Jubiläums hat zum einen ein besonderes Feature – er schnürt sich nämlich wie im Film von selbst. Zum anderen war er auf eine Stückzahl von gerade einmal hundert Paaren limitiert – und war nur über eine Verlosung zu ergattern, für die obendrein eine Teilnahmegebühr von zehn Dollar fällig wurde. Die Erlöse wurden seinerzeit an die Michael-J.-Fox-Stiftung für Parkinson-Forschung gespendet.

Nike Jordan Air

Gehandelt werden die wertvollen Schuhe über spezialisierte Online-Marktplätze wie etwa StockX oder Klekt. Diese Handelsplattformen sorgen zugleich für Preistransparenz – aus den bei StockX oder Klekt erzielten Verkaufspreisen lässt sich dann der aktuelle Sammlerwert des jeweiligen Schuhs ablesen. Auch auf allgemeinen Plattformen wie eBay und in spezialisierten Facebook-Gruppen oder auf Instagram werden Sneaker mitunter gehandelt. Grundsätzlich gilt dabei wie für alle anderen Sammelobjekte auch, dass sie grundsätzlich immer nur so viel wert sind, wie jemand anderes dafür zu zahlen bereit ist. „Wer schnell und unüberlegt verkauft oder ungenügend Wissen über das Marktgeschehen besitzt, zahlt normalerweise drauf“, warnt Thomas Schmidtkonz, Sammelexperte und Herausgeber des Onlineportals Sammler.com. „Die höchsten Preise erzielt der Verkäufer, der den aktuellen Wert kennt und der einen anderen Interessenten im Direktverkauf dazu findet.“

Ohne Schnürsenkel: Back to the Future-Reverenz von Nike.

Die Gefahr, dass der Hype plötzlich endet und Sneaker rapide an Wert verlieren, sehen Experten grundsätzlich erstmal nicht – zumindest solange die Hersteller den Markt weiter mit exklusiven, limitierten Modellen versorgen und den Hype so immer wieder neu anfachen. Jüngst kamen etwa von Nike die Modelle „Travis Scott x Air Jordan Retro 1 High OG TS SP Cactus Jack” und „Air Jordan 4 Breed“ zu Preisen von knapp 200 Euro sowie von Puma der „Puma Cell Alien OG“ für 120 Euro auf den Markt. Die Schuhe waren jeweils nach kurzer Zeit ausverkauft und der Preistrend auf den Online-Marktplätzen zeigt nach oben. Dennoch sollte man eine gewisse Vorsicht walten lassen und nicht blindlings drauflos kaufen, rät Finanzexpertin Seidel. „Der alternative Investmentbereich ist für Anleger interessant, die bereits in gutes Fundament im klassischen Vermögensaufbau haben.“ Ein Finanzpolster aus genügend Liquidität und anderen Vermögenswerten sollte also vorhanden sein, bevor man in Sneaker investiert. „Zudem sollte hier nur Geld investiert werden, dessen Verlust man im Worstcase auch verkraften kann, ohne ernstlich finanziell in Schwierigkeiten zu geraten“, so Seidel.

Lässig währt am längsten: Sneaker sind immer auch eine Botschaft.

Und dann sollte man natürlich auch Spaß am Investmentobjekt selbst haben – wer sich überhaupt nicht für das Thema Sneaker interessiert und lediglich einen schnellen Gewinn realisieren möchte, sollte sich eher nach klassischen Formen der Geldanlage umschauen. Es sei elementar wichtig, „sich mit dem Markt intensiv zu beschäftigen“, sagt Finanzexpertin Seidel. „Gerade solche Spezialmärkte haben ihre eigenen Raffinessen und Gesetzmäßigkeiten.“

Zwischen Fetisch und Kultobjekt: Manche Sneaker werden eher auf Händen getragen als an den Füssen.

Zu den Informationsquellen, die man als angehender Sneakerhead regelmäßig nutzen sollte, zählen Sneaker-Magazine und -Blogs, etwa der „Overkill Blog“ das vom gleichnamigen Store in Berlin-Kreuzberg herausgegeben wird, einem Urgestein in Sachen Sneaker. Auch der „Deadstock Blog“ und das Onlinemagazin Sneakerlover.de bieten den Lesern umfassende Informationen über aktuelle Releases und die Beliebtheit verschiedener Marken und Modelle. Bei Everysize.com wiederum findet man neben einem recht spartanisch gehaltenen, aber dafür umso informativeren News-Bereich, der über die aktuellen Trends und Releases informiert, insbesondere die wohl umfassendste Suchmaschine in der Sneaker-Welt – die Datenbank umfasst gut 20.000 Modelle von 80 Marken.

Auf dem neuesten Stand zu sein ist unumgänglich, wenn man in die Sneaker-Welt eintauchen möchte. Denn nur, wenn man genau darüber informiert ist, wie der jeweilige Release funktioniert – also ob die Schuhe online oder im Store angeboten werden, ob man sich vorab registrieren muss und wie dann das Verkaufsprocedere abläuft –, hat man eine Chance, eines der begehrten Modelle zu ergattern. Anschließend gilt es, die Entwicklung der Verkaufspreise über StockX und Klekt verfolgen, um den richtigen Verkaufszeitpunkt nicht zu verpassen.

Und wenn der Hype doch irgendwann vorbei ist und die Preise abstürzen, bleibt wie bei allen Sachwerten zumindest der emotionale Wert erhalten – und der praktische Nutzen. Rare Weine kann man austrinken, seltene Oldtimer fahren, Luxusuhren am Handgelenk tragen – und auch einen Turnschuh kann man natürlich auch in seiner ursprünglichen Bestimmung nutzen. Die limitierten Modelle von Adidas, Nike und Co machen dann zumindest in jedem Fall optisch etwas her.

Promi-Faktor treibt Nachfrage nach oben

 Ob Basketballlegende Michael Jordan, Popstar Pharell Williams oder Rapper Kanye West: Die Hersteller setzen auch auf den Promifaktor, um ihre Sneaker an den Mann respektive die Frau zu bringen. Die prominenten Partner haben teilweise eigene Modelinien – und treiben damit die Begehrtheit der Schuhe in astronomische Höhen. So verkaufte etwa Nike alleine im Jahr 2015 Air Jordans für 2,6 Milliarden Dollar. Und das ist natürlich nicht zum Schaden der Promis, die ihren Namen dafür hergeben: Angeblich streicht beispielsweise Michael Jordan dank einer Umsatzbeteiligung 100 Millionen Euro pro Jahr ein.

 

So wird man zum Sneakerhead

Up-to-Date sein:Sneaker-Magazine und -Blogs, etwa das „Overkill Blog“, das „Deadstock Blog“ und das Onlinemagazin Sneakerlover.de geben Auskunft über die Beliebtheit unterschiedlicher Marken und Modelle sowie aktuelle Releases.

– Die Abläufe kennen:Ob im Store oder online: Zu wissen, wie ein Release funktioniert – also über welche Kanäle die Schuhe wann angeboten werden, ob man sich dafür vorab registrieren muss und wie dann das Verkaufsprocedere abläuft –, hilft dabei, sich die begehrtesten Modelle zu sichern.

– Die Wertentwicklung verfolgen:Auf Portalen wie StockX oder Klekt kann man sich hinsichtlich der Preisentwicklung informieren. Auch die Sneaker-Suchmaschine Everysize.de ist in jedem Fall einen Besuch wert.

– Billig kaufen, teuer verkaufen:Beim Kauf und Verkauf der Sneaker sind Glück und Geschick gefragt, um zum kleinen Preis zu kaufen und teuer wieder zu verkaufen. Wer stets gut informiert ist, hat einen Wettbewerbsvorteil.