Die Supertoskaner gehören längst zur Beletage des italienischen Weinbaus, sind rar, teuer und verdammt lecker.

Einer der vergnügungsreichsten Momente dieser Weintour beginnt an einem sonnigen Montagmorgen Punkt 9 Uhr. Es riecht nach Hitze, sauber und trocken. Wer schlau ist, stellt in dieser Gegend seinen Wagen im Schatten der Bäume ab. Hoch oben über der aus Bruchstein gemauerten Burg Castelgiocondo kreist ein Raubvogel, steigt mit dem Wind hinauf und verschwindet schließlich im Dunst des Himmels.

Die Burg Castelgiocondo liegt inmitten der Tenuta Luce.

Stefano Ruini, mit Strohhut und Sonnenbrille bewaffnet, kommt uns federnden Schrittes entgegen. Als Gutsdirektor und Önologe der Tenuta Luce hat er einen der schönsten Jobs in Montalcino. Das Schicksal eines bedeutenden, vom Terroir geprägten Weins liegt in seinen Händen. Wir steigen in Ruinis kleinen, staubüberzogenen SUV und brettern los. Über Stock und Stein geht es hinein die Weinberge. Ruini will, dass wir die Erde fühlen, sehen, riechen, er möchte, dass wir das Geheimnis dieses einzigartigen Ortes verstehen, eingebettet in eine unberührte, fast wilde Landschaft, seit 2004 auf der Welterbe-Liste der Unesco. 

Stefano Ruini, Gutsdirektor und Önologe der Tenuta Luce.

Auf einer Hügelkuppe halten wir. Ruini beugt sich nach unten, greift nach der ockerfarbenen Krume, bricht sie auseinander. Reich an Sedimenten, Schiefergestein mit Kalkmergel und Ton. „Den größten Teil der Arbeit erledigt hier die Natur“, sagt er, „und ich mache eigentlich nichts anderes, als der Natur zu helfen, das beste Ergebnis zu liefern“. Dazu gehöre es, dass man zwischen den Rebstöcken verschiedenste Wildkräuter pflanze, die mit ihren Wurzeln den Boden lockern und deren Blätter später als Dünger wirken. Man arbeitete nach strengen ökologischen Prinzipien, weise dies aber nicht auf den Etiketten aus.

Gutsdirektor Stefano Ruini demonstriert die Beschaffenheit der Erde.

Stefano Ruini war nach seinem Weinbau- und Önologie-Studium an der Universität Piacenza 20 Jahre lang bei namhaften Chateaux im Médoc tätig. Dabei reifte in ihm die Überzeugung, dass Kenntnis und Respektierung des Terroirs für den Wein zwingend notwendig sind. „Nur so kann ein großer Wein ein Maximum an Originalität und Typizität erlangen“, glaubt er. Der Durchschnittsertrag werde bewusst sehr niedrig gehalten, damit die Trauben ihre rebsortentypischen Eigenschaften entwickeln. Die Merlot-Trauben und die einige Wochen später reifenden Sangiovese-Trauben werden auf dem Sortiertisch per Hand verlesen, entrappt und auf die Parzelle abgestimmt vergoren. 

Die Schatzkammer von Luce mit Flaschen der verschiedenen Jahrgänge.

Wie es sich für einen großen Wein gehört, gibt es natürlich auch für Luce eine schillernde Story. Und die geht so: Zwei Freunde trafen aufeinander: der italienische Marchese Vittorio Frescobaldi und Robert Mondavi, einer der Pioniere des amerikanischen Weinbaus. Anfang der 90er Jahre fassten die beiden Familiendynastien den Entschluss zu einer bisher einmaligen Zusammenarbeit. Sie wollten gemeinsamen einen großen Wein erzeugen, beseelt von dem Wunsch, zwei Welten, zwei Kulturen und zwei Passionen zu vereinen. Die Söhne Lamberto und Tim, beide erfahrene Weinmacher, setzten dies mit viel Engagement in die Tat um. 

Der Barriquekeller von Luce.

Es entstand eine einzigartige Cuvée, bei der sich die betörende Frucht des Sangiovese mit dem weichen, herbwürzigen Charakter des Merlots verbindet. Die Idee zu dem Namen „Luce“ stammte von Mondavis Frau Margrit. Die Sonnenstrahlen und das damit einhergehende Wiedererwachen des Lebens nach einem heftigen Gewitter in Montalcino hatten sie dazu inspiriert. Das Logo zeigt ein Strahlenkranz aus 12 Flammen. Als Vorbild diente eine Darstellung am Hauptaltar der Kirche Santo Spirito in Florenz aus dem Jahr 1590. Göttliche Signale, das Schöpfungsversprechen.

Die Aussenansicht der Kellerei von Luce.

Auf der weiteren Stippvisite durch die Weingärten schweifen unsere Augen entlang der grün schillernden Reben, die den Beeren den notwendigen Schattenschutz geben, erfreuen sich am hügeligen Schwung des rund 249 Hektar großen Besitzes, der seit 2004, dem Ende der Zusammenarbeit mit Mondavi, heute ganz der Adelsfamilie Fescobaldi gehört, und kommen schließlich im gedämpften Licht des Allerheiligsten zur Ruhe, dem neuen unterirdischen Weinkeller mit seinen speziellen brombeerroten Tanks aus Beton und Barriques aus moldavischer Eiche.

LUNCH IM HISTORISCHEN SPEISEZIMMER

Sehr viel kleiner, im wahrsten Sinne des Wortes dörflich, ist das Weingut Tenuta di Ghizzano, nur rund 30 Kilometer vom Tyrrhenischen Meer entfernt gelegen in den sanften Hügeln der Colline Pisane im Südosten von Pisa. Unsere Gastgeberin ist Ginevra Venerosi Pesciolini, die den Betrieb heute leitet. Wer es geschafft hat, durch die engen Gassen von Ghizzano di Peccioli zu manövrieren, landet unweigerlich vor den Toren des Gutes, das seit 1370 von Generation zu Generation weitervererbt wurde und zu den ältesten der Region gehört.

Ghizzano di Peccioli: Vom Wachtturm des Dorfes übersieht man die gesamten Ländereien.

Auch hier spielt Schatten eine große Rolle. Die Chefin höchst selbst kommt zur Begrüßung heraus, und deutet auf eine überdachte Einfahrt, wo wir den Wagen parken und vor der Sonne schützen sollen. Neben dem historischen Herrenhaus der Familie befindet sich der Eingang zur Kellerei. Ein kleiner Empfangsraum, und schon geht es hinein ins Gewölbe. Hier werden köstliche Weine produziert wie der gutstypische Ghizzano und der Ghizzano Bianco. Der Ghizzano ist ein fast reinsortiger Sangiovese mit einem Hauch Merlot, der Ghizzano Bianco eine klassische Cuvée aus den weißen toskanischen Rebsorten Vermentino, Trebbiano und Malvasia Bianca. Besonders stolz ist Ginevra Venerosi Pesciolini auf den Verneroso, ihren Signatur-Wein. „Der Verneroso war unsere erste Gutsabfüllung“, berichtet sie.   „Ende der achtziger Jahre“, erzählt Genevra während der Rundfahrt zu den unterschiedlichen Weinfeldern, „hat sich mein Vater entschieden, in die Qualität zu investieren“. In dieser Zeit seien auch die ersten Supertuscans entstanden. Damals hatten Pioniere wie Piero Antinori neben den klassischen Rebsorten der Toskana auch internationale Trauben wie Cabernet Sauvignon und Merlot zur Vinifikation ihrer Weine genutzt und diese in kleinen Holzfässern ausgebaut. Diese Weine passten nicht in das DOC-Schema der Toskana und durften entsprechend auch nicht als Chianti klassifiziert werden.  Sie wurden als gewöhnliche „Vini da Tavola“ deklariert, erzielen aber bis heute aufgrund der ständig steigenden Nachfrage weitaus höhere Preise als der Chianti selbst.

Weinkeller von Ghizzano mit Eichenfässern und einer Amphore.

Auch der Veneroso von Ginevras Vater Conte Pierfrancesco Venerosi Pesciolini war eine Cuvée der drei Rebsorten Sangiovese, Cabernet Sauvignon und Merlot. Er war so gut, dass er schnell zum bei Sammlern besonders begehrten Symbolwein der ganzen Anbauzone avancierte. Mit dem Fortschritt des Betriebs änderte sich auch der Wein. Obwohl er immer ein getreues Abbild seiner Herkunftszone blieb, hat er nach und nach einen moderneren Stil angenommen. Heute wird er überwiegend aus Sangiovese mit einer Zugabe von Cabernet Sauvignon erzeugt.

Die Winzerin Ginevra Venerosi Pesciolini zeigt Materialist-Herausgeber Thomas Garms ihre Weinfelder.

Das Weingut ist komplett in Frauenhand. Neben Ginevra als einzige Vollzeitkraft, packen noch ihre Schwestern und Miteigentümerinnen Lisa und Francesca mit an, sowie Mutter Carla. Die Damen haben mit hohem Einsatz den Familienbesitz zu einem Juwel gemacht, im Einklang zwischen Historie und Natur. Das Gut ist biodynamisch bewirtschaftet und es kommen nur Agrartechniken zum Einsatz, die Böden und Pflanzen höchstmöglich schonen. 

Vorbildhafte Biodiversität:Weinfeld von Ghizzano.

Seit 2008 ist das Gut biozertifiziert und seit 2018 gehört es auch zu den biodynamischen Demeter-Betrieben. Zur Schädlingsbekämpfung kommen nur Kupfer und Schwefel in niedriger Konzentration zum Einsatz. Laubschnitt und Grünernte werden nicht generell durchgeführt, sondern nur dann, wenn es die Rebe braucht. Auf Sortiertischen wird jede einzelne Beere kontrolliert, bevor sie in die Presse gelangt. Die alkoholische Gärung und der biologische Säureabbau erfolgen spontan ohne den Einsatz von Reinzuchthefen. Wenn immer möglich werden Moste und Weine ohne Pumpen alleine mit der Schwerkraft bewegt. Damit die Weine weder Holztannine noch Holzaromen aufnehmen, werden die Holzfässer sehr vorsichtig eingesetzt, der Anteil an Neuholz ist niedrig.

Zum Lunch bittet Ginevra ins historische Speisezimmer der Familie. Altes Porzellan und Silberbesteck sorgen für eine stilvoll nostalgische Atmosphäre. An den Wänden historische Stiche. Irgendwo tickt eine Standuhr. Wir erfahren, dass sie ursprünglich eigentlich gar nicht Weinbäuerin werden wollte, sondern Literaturwissenschaften studiert hatte. Doch die Parkinson-Erkrankung des Vaters durchkreuzte ihre Pläne. Ginevra musste in die Bresche springen und das Familienerbe schultern, zu dem neben dem Wein auch Wald, Getreidefelder und Olivenhaine zählen. All dies lässt sich trefflich von einem alten Wachtturm überblicken, der ebenfalls zum Anwesen gehört.

WELTGEWANDTE WEINLADY

Fast zweihundert Kilometer südlich, auf der Fattoria Le Pupille im Herzen der Maremma, hat ebenfalls eine Frau das Sagen: Elisabetta Geppetti. Die weltgewandte, eloquente Weinlady musste 1985 als gerade mal 20jährige ebenfalls früh die Zügel des Familienbetriebs in ihre Hände nehmen. Heute sind die Weine der Fattoria Le Pupille in mehr als 30 Ländern von den USA bis nach China zu finden. Ein Erfolg, den Elisabetta jetzt mit ihrer ältesten Tochter Clara teilt.

Elisabetta Geppetti, Eigentümerin der Fattoria Le Pupille, stellt ihre Weine vor.

Ursprünglich ein sumpfiges Küstenland mit der Gefahr von Malaria-Infektionen, wurde die Maremma in den 60er-Jahren zur Keimzelle der toskanischen Weinrevolution, ausgelöst von Gütern wie die Tenuta San Guido mit ihrem Sassicaia, des wohl international bekanntesten Rotweins Italiens oder der weltberühmten Tenuta dell’Ornellaia, die zu den Besitztümern der Marchesi Fescobaldi gehört und letztes Ziel auf unserer Reise ist. Es entstanden Weine, wie man sie in dieser Qualität nur unter den klassifizierten Bordeaux oder unter den besten Kaliforniern findet und deshalb das Begehren der Sammler weckten. Der Kauf einer Flasche mit ausgezeichnetem Reifepotential und zunehmender Wertsteigerung erweist sich in der Regel als gewinnbringende Investition. Die Sumpflandschaft ist trockengelegt und verschwunden, die Weinstöcke stehen auf Sand- und Geröllböden in einem warmen und trockenen, hier und da auch feuchten, mediterranen Klima. Die Maremma bietet neben den exzellenten Rotweinen mittlerweile auch sehr gute Weiß- und Roséweine.

Eine Auswahl der Weine von Le Pupille steht zur Verkostung bereit.

Entsprechend vielfältig ist auch das Sortiment der Fattoria Le Pupille. Die Weingärten sind vor allem mit roten Reben bestockt, darunter die autochthonen Sorten Sangiovese, Alicante und Ciliegiolo, sowie internationale Sorten, namentlich Cabernet Sauvignon, Syrah, Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot. Hinzu kommen in einem deutlich kleineren Anteil weiße Rebsorten wie Sauvignon Blanc, Petit Manseng, Traminer und Semillon.

Kellerschmuck in der Fattoria Le Pupille.

Obwohl das Gut nicht direkt am Meer liegt, erscheint es fast so, als ob Wasser der rote Faden ist, der sich an den Grenzen der Fattoria Le Pupille entlangzieht – vom kristallklaren Meer am Fuße der Halbinsel Monte Argentario bis zu den Naturbecken der Terme di Saturnia im Hinterland, vorbei an den Ufern des reißenden Flusses Ombrone mit Blick auf den weithin sichtbaren, erloschenen Vulkan Monte Amiata. Zum Besitz gehören heute 420 Hektar Land, die teilweise bis zu 30 Kilometer voneinander entfernt liegen inmitten von Eichen-, Steineichen- und Korkeichenwäldern. 

Bester Boden in der Maremma: Weinfeld der Fattoria Le Pupille.

Wir treffen Elisabetta Geppetti in einem gemütlich eingerichteten Empfangszimmer mit einem Mix aus Stil- und Designermöbeln. Der Raum wird bestimmt durch einen ausladenden Tisch mit flacher Platte, an der ein moderner Profikorkenzieher montiert ist. Über allem schwebt an der Wand einem Planeten gleich eine riesige, mit Blattgold belegte Leuchte. Nacheinander wandern verschiedene markante Köstlichkeiten des Hauses ins Glas: Poggio Argentato, Morellino di Scansano, Saffredi, Poggio Valente, Rosa Mati. Die Etiketten sind in den Farben der Maremma und des Weins gestaltet – Bordeaux und Weiß für die Trauben, Dunkelgrün für die umliegenden Hügel und Blau wie das Tyrrhenische Meer. Die rote Wein-Ikone Saffredi ist geradezu pompös und bietet eine nicht enden wollende Fülle floraler und erdiger Aromen. Regelmässig gehört der Saffredi zu den höchstprämierten Weinen der Welt. Das andere Juwel des Hauses ist der Poggio Valente mit feinen balsamischen Tönen und Noten von dunkler Schokolade. Als Hommage an eine Ahne, die in grauer Vorzeit an das Weinbaupotenzial des Gutes geglaubt hatte, wurde der RosaMati geboren, ein Rosé aus Syrahtrauben mit Noten von Zitrusfrüchten und kleinen roten Beeren, unterstrichen durch eine würzige Spur von rosa Pfeffer. 

PÉTRUS DER TOSCANA

Weiter geht es zum Allerheiligsten, auf den Olymp der Supertuscans, zu den verschwisterten und örtlich benachbarten Frescobaldi-Gütern Masseto und Ornellaia. Hier werden mit Einsatz, Können und raffiniertem Marketing Weine gemacht für das oberste Regal, vertrieben in sechzig verschiedenen Ländern. 

Dieses Logo repräsentiert eines der bekanntesten Weingüter der Toscana: Ornellaia.

Einer der weltbesten Önologen führt hier das Zepter, Axel Heinz, in München geboren, im Bordeaux ausgebildet. Er besitzt die französische und die deutsche Staatsangehörigkeit und spricht neben Deutsch und Französisch auch Italienisch, Englisch und Spanisch. Mit seiner wortgewandten Art hat Heinz hat ein ganz eigenes Vokabular für die Erläuterung von Weinen entworfen, so poetisch und gleichermaßen einleuchtend, dass Familienoberhaupt Ferdinando Fescobaldi und Konzernchef Giovanni Geddes De Filicaja geradezu ins Schwärmen geraten. „Wenn Axel von Weinen spricht, sind die Leute immer erstaunt, das er Farben beschreibt, von denen man nie zuvor im Leben gehört hat “, sagt Geddes mit dem ihm eigenen trockenen Humor. Der 1945 in Florenz geborene Manager ist strategischer Kopf hinter dem globalen Erfolg und hat maßgeblichen Anteil an der Positionierung und Reorganisation der Frescobaldi-Gruppe. 

Traubenselektion: Die Weinbeeren von Ornellaia werden von Hand verlesen.

Auch wenn Axel Heinz als Gutsdirektor die Oberaufsicht über die Weine hat, sowie Management, Lager und Logistik aus einer Hand kommen, sind Masseto und Ornellaia heute zwei strikt voneinander getrennte Güter. „Es gibt kein gemeinsames Tasting, keinen gemeinsamen Vertrieb“, erklärt Geddes im Interview. „Institutionen brauchen ihr eigenes Gebäude. Jetzt haben wir das: Getrennte Weinberge, getrennte Winemaker, getrennte Keller“. Während bei Masseto seit dem Jahrgang 2018 die junge Eleonora Marconi als Kellermeisterin wirkt, ist ihre Kollegin Olga Fusari als Önologin für den Ornellaia zuständig. Marconi, Tochter eines italienischen Vaters und einer australischen Mutter, hatte sich nach dem Studium ihre ersten Sporen auf dem Frescobaldi-Gut Castello di Nipozzano verdient, Fusari ist seit 2008 Zögling von Axel Heinz. Beide verbindet eine große Wertschätzung für das Terroir. 

Kostbare Flaschen: Ornellaia 2016 La Tensione Vendemmia d’Artista mit und ohne Kunstetikett.

Die beiden Doyen Ferdinando und Giovanni lassen es sich nicht nehmen, uns persönlich durch den neu erbauten spektakulären Keller von Masseto zu führen. Oberirdisch sichtbar sind nur der Bereich für die Traubenanlieferung und das restaurierte Masseto-Haus. Alles andere wurde tief hineingegraben in den blauen Lehm, puristisch, aufgeräumt, fast kühl wie ein Laboratorium.

Avanciertes Design: Tanks im neuen Weinkeller von Masseto.

Die Architekten Hikaru Mori und Maurizio Zito vom Studio ZitoMori bezeichneten ihr unterirdisches Designkonzept als „The Quarry“ – den Steinbruch. Um die Anstrengung deutlich werden zu lassen, die erforderlich sei, um diesen Wein herzustellen, habe man nicht durch Konstruktion, sondern durch Extraktion aus der monolithischen Masse des Hügels eine Reihe von Räumen geschaffen, erklärt die in Japan geborene Hikaru Mori das Konzept. Durch unterschiedliche Volumen, Höhen und Ebenen im Innern des Gebäudes wollte man an eine Goldmine erinnern, in der man den Adern des Edelmetalls folgen könne bis zum Kern. Eine passende Symbolik, denn schließlich ist der aus Merlot gekelterte Masseto der teuerste Wein Italiens. Über 500 Euro müssen Liebhaber für eine Flasche bezahlen, sofern sie den sehr raren Wein überhaupt kriegen.

Spektakuläre Architektur aus Beton: der neue Masseto-Keller.

Für die architektonische Grundstruktur wurde vor Ort gegossener Beton verwendet. Im Inneren dominieren klare Linien aus Glas und Stahl, die durch Reihen von Eichenholzfässern ausgeglichen werden. Im Herzen des Komplexes befindet sich die Schatzkammer des Anwesens hinter einer unsichtbaren, sich wie von Zauberhand öffnenden Tür. Unter idealen Lagerbedingungen werden hier die Flaschen aller Jahrgänge seit 1986 aufbewahrt. Alle Flaschen liegen ohne Etikett in einem Edelstahlgeflecht. Der Jahrgang 2018 ist der erste, der in der neuen Kellerei vinifiziert wurde.

Marchese Ferdinando Fescobaldi und Konzernchef Giovanni Geddes De Filicaja im Weinkeller von Masseto.

Von Kennern oft als Pétrus der Toscana beschrieben, ist der Masseto ein Symbol für das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Anbaugebieten Bordeaux und Toskana.  „Der Ort ist sehr naturbelassen, rau, unberührt“, schwärmt Axel Heinz. „Es ist nicht einmal der richtige Teil der Welt für Merlot. Es ist zu extrem. Es steht immer auf Messers Schneide, ob wir einen guten Wein machen, und es kann in beide Richtungen gehen. Weinreben müssen leiden, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Es besteht immer die Gefahr des Scheiterns. Aber dieser Weinberg liefert immer. Es gibt hier echte Power, und es ist wirklich die Natur, die alle wichtigen Entscheidungen trifft.“

Rar und kostbar: Masseto gilt als der teuerste Wein Italiens.

Dieser Respekt vor der Natur, die Demut, prägt auch das Denken von Ferdinando Frescobaldi. „Das Wertvollste, was wir haben ist die Erde“, sagt er im Interview. Es gehöre zu den ehernen Prinzipien seiner Familie, den einzelnen Gütern größtmögliche Eigenständigkeit zu lassen, sich auf den jeweiligen Charakter, die Erde zu konzentrieren. „Wir versuchen, das Beste aus den jeweiligen Böden herauszuholen mit maximaler Charakteristik“, sagt er.  

Weinberg von Ornellaia.

Gesprochen wurde auch über das allgegenwärtige Thema Klimawandel und die damit einhergehenden Sorgen über Wetterextreme. Für den Marchese spielt der Wald dabei eine Schlüsselrolle. „Wir achten immer darauf, rund um unsere Weinberge möglichst viel Wald zu haben“, sagt er. „Die Bäume sind sehr wichtig für das Mikroklima und helfen dabei, uns vor Hitze und Trockenheit zu schützen. Im Weinberg hat es im Sommer 28 Grad. Wenn man durch den Wald spaziert, sind es gerade mal 25 Grad“.   

Elenora Marconi, die neue Kellermeisterin von Masseto.

Auch wenn der Glanz der Marke Ornellaia vor allem durch grandiose Rotweine bestimmt wird wie den in Barriques aus französischer Eiche ausgebauten Ornellaia Bolgheri Superiore mit seiner Selektion aus Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot, hat man sich in jüngerer Vergangenheit auch intensiv mit dem Thema Weißwein beschäftigt. „Wir haben in den letzten Jahren erkannt, dass es sehr wohl Platz für schöne Weißweine gibt, wenn man selektiv arbeitet und die richtigen Lagen auswählt“, betont Axel Heinz. 2002 wurde die Produktion des sortenreinen Sauvignon Blanc „Poggio alle Gazze“ eingestellt, aber Heinz vinifizierte im Weinjahr 2008 einen “neuen” Poggio alle Gazze dell’Ornellaia, und nach Jahren kontinuierlicher Forschung wurde im Weinjahr 2013 schließlich auch der Ornellaia Bianco eingeführt, eine Cuvée vorwiegend aus Sauvignon Blanc mit goldener Farbe und charaktervoller Mineralität.

Sehr rar: Eine Flasche Tenuta di Trinoro Bianco di Trinoro.

Einen ähnlich großen Weißwein lancierte jetzt auch Andrea Franchetti, Eigentümer der für üppige, samtweiche Rotweine berühmten Tenuta di Trinoro aus Sarteano im toskanischen Val d’Orcia. 2017 ist das Geburtsjahr eines reinsortigen Semillons, der von einer winzigen, sandigen Parzelle auf einer Höhenlage von 630 Metern geerntet wird. Aus engen Reihen, ein Meter mal ein Meter, stammen Trauben, die die typischen aromatischen Noten der Rebe mit ihrer ausgeprägten Frische und Säure ausbalancieren. Ein konzentrierter, spannungsreicher Wein von großer Tiefe und unzweifelhafter Langlebigkeit.

Reben der Tenuta di Trinoro, die ebenfalls zu den besten Gütern der Toskana zählt.

Daran ist nichts zu leugnen: Wein, dieses wundervolle Wort, findet in der Toskana ein besonders schönes Zuhause. Der Zauber der Landschaft, die Gastfreundschaft der Menschen, aber auch der Respekt vor der Natur.  Nach seiner wichtigsten Mission gefragt, antwortet Ferdinando Frescobaldi mit der ihm eigenen rauchig tiefen Stimme: „Meinen Kindern und Enkelkindern beizubringen ihre Heimat zu lieben, die Toskana und ihre Traditionen“.

Benefiz-Auktion für Sehbehinderte

ORNELLAIA ART-EDITION

Mit der Aktion „Vendemmia d’Artista“ lässt Ornellaia jährlich zeitgenössische Künstler ein Kunstwerk und eine Serie von Etiketten in limitierter Auflage gestalten. Die Arbeiten sind inspiriert von einem Begriff, der den Charakter des jeweiligen neuen Jahrgangs beschreibt. Die nummerierten und signierten Flaschen sind bei Sammlern aus der ganzen Welt begehrt. Einige davon werden über Sothebys für einen guten Zweck versteigert. Für den Jahrgang 2016, der jetzt in den Handel kommt, verwandelte die iranisch-stämmige US-Künstlerin Shirin Neshat Verse des persischen Dichters Omar Khayyām aus dem 11. Jahrhundert in ein eindrucksvolles Abbild der Dynamik und Stärke dieses Jahrgangs. Der Erlös kommt der Solomon R. Guggenheim Foundation zur Unterstützung des innovativen Programms „Mind’s Eye“ zugute. Das Programm hilft Blinden und Personen mit Sehschwäche dabei, die Kunst mit all ihren Sinnen zu erleben.

Die Künstler-Etiketten des Jahrgang 2016 gestaltete die iranisch-stämmige US-Künstlerin Shirin Neshat.

HOTEL-TIPPS

L’Andana Die ehemalige Jagdresidenz Leopolds II, des Herzogs der Toskana, liegt nahe Grosseto in der Region Maremma. Von der langen, von Zypressen gesäumten Einfahrt blickt man auf Olivenhaine und Weingärten. Die ruhigen, komfortablen Zimmer sind liebevoll ausgestattet mit Stilmöbeln und kostbaren Textilien. Besonders gemütlich ist die sonnendurchflutete Wohnhalle. Ein großzügiger, neu renovierter Spa mit Innen- und Außenpool lädt zur Entspannen ein. Das Restaurant verfügt über eine malerische, von alten Bäumen flankierte Terrasse und bietet gehobene toskanische Küche. www.andana.it

Stilvolle Eleganz: das L’Andana in der Nähe von Grosseto.

Leone Blue Suites Die edle Bed & Breakfast Variante befindet sich auf der Beletage eines Palazzos aus dem 15. Jahrhundert direkt am Arno im Zentrum von Florenz und lebt von einem außergewöhnlichen, privaten Ambiente mit hohen, stuckverzierten Räumen. Die beeindruckenden Suiten verfügen über wertvolle Originaldetails, in denen die historische Authentizität der florentinischen Adelstradition mit zeitgenössischen künstlerischen Elementen kombiniert wird. Die Artefakte aus grauem Sandstein und die Gemälde der florentinischen Schule aus dem 17. Jahrhundert passen perfekt zur Konzeptkunst von Sol Lewitt und zum avantgardistischen Design einiger Möbelstücke. Italienische Gastfreundschaft par excellence. www.gruppouna.it/esperienze/leone-blu-suites

Prachtvolle Kulisse: Der Frühstücksraum des BluSuites Florenz.