Wenn sich der Besitzer des polnischen „Auto Family House“ seinem Anwesen nähert, entstehen naheliegende Assoziationen zu Agentenfilmen. Sobald das gläserne Automatiktor geöffnet ist, fährt er in einen Tunnel hinein, und wird in sanftem Schwung bis zur an der rückseitigen Wand befindlichen Haustür emporgeleitet. Zur hochwertigen Entspannung tragen gerahmte Grafiken aus der Kunstsammlung des Hausherrn bei, die rechts und links die Fahrbahn säumen: Ankommen und Abfahren wird hier wirklich zum Erlebnis.

Die Zufahrt des Auto Family House in Polen gleicht einer Galerie.
Die Zufahrt des Auto Family House in Polen gleicht einer Galerie.

Das 2012 fertiggestellte Gebäude ist eines von 42 atemberaubenden Häusern, die der Detmolder Architekturprofessor Andreas K. Vetter für sein Buch HAUS & AUTO Internationale Projekte ausgewählt hat. Darin stellt er Konzepte vor, bei denen auf kongeniale Weise Fahrzeug und Wohnhaus miteinander in Beziehung gesetzt werden. Lösungen für unmotorisierte und motorisierte Zweiräder sind ebenfalls mit dabei.

Nichts bei diesen wunderbaren Gebäuden scheint dem Zufall überlassen. Alles, was man sieht, und im wahrsten Sinne „erfährt“, besitzt eine Botschaft. Das Fahrzeug wird als Objekt der Begierde gefeiert und nicht schamvoll in einer engen zappendursteren Box namens Doppelgarage versteckt. Stattdesssen avanciert der Abstellplatz für den Sportwagen oder Oldtimer zur glamourösen Showbühne.

Gut studieren kann man das anhand der mit ihren 1900 Quadratmetern bebauter Fläche nicht ganz unbescheidenen Villa Casa Crecia in Sao Paulo, die auch dem Fuhrpark der Eigentümer eine angemessene Unterkunft zu bieten weiss. Für die Oldtimer und die modernen SUVs der Familie richtete der Architekt Isay Weinfeld puristische, aber edel ausgestattete Stellflächen auf zusammen 281 Quadratmetern ein.

Die offene Garage der Villa Casa Crecia in Sao Paulo.
Die offene Garage der Villa Casa Crecia in Sao Paulo.

Die Garagen erhielten eine atmosphärische Bambusbepflanzung und werden über eine schattige Zufahrtsgasse angefahren, die mittels eines Tors an jedem Ende mit den angrenzenden Straßen verbunden ist. Selbstverständlich stellt das Anwesen neben großflächigen Empfangszonen und Veranden alle nur denkbare Annehmlichkeiten wie Pool, Gym und Sauna, einen „Recreation Room“, sowie ein Kino zur Verfügung.

Dass es genauso stilvoll auch eine Nummer kleiner gehen kann, zeigt das das Projekt „The Texas Cantilever“ von Universal Joint Design in Austin, Texas. Das Haus wurde als Stahlskelettbau errichtet, wobei sich der querliegende Trakt des Erdgeschosses derart konstruktiv mit dem auskragenden Obergeschoss verbindet, dass dessen Gewicht und Belastung zum größten Teil über ihn in das Fundament abgeleitet werden kann. Untendrunter finden auf 45 Quadratmetern zwei Boliden ihren adäquaten Stellplatz, der über eine in Kies eingebettete Fahrspur erreicht wird. Herrlich zu sehen, wie die zwei weißen Rennstreifen des 2002 neu aufgelegten Ford GT passgenau die Spuren auf dem Boden fortführen und einen Weg bahnen zu den automobilen Abenteuern der amerikanischen Vorstadt, die draussen vor dem Grundstück warten mögen.

The Texas Cantilever“ von Universal Joint Design bietet unter dem Gebäude auf 45 Quadratmetern zwei Boliden ihren adäquaten Stellplatz.
The Texas Cantilever“ von Universal Joint Design bietet unter dem Gebäude auf 45 Quadratmetern zwei Boliden ihren adäquaten Stellplatz.

An Charakter und Haltung fehlt es auch nicht dem von Ian Moore umgestalteten Strelein Warehouse in Sidney, Australien. Bei dem schmalen Ziegelbau handelt es um ein Warenlager des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das früher die Lebensmittelhändler des Stadtviertels Surry Hills versorgte. Der Garagenraum, der sich als große vertikale Öffnung zur Straße hin präsentiert, bildet den optischen Mittelpunkt des Gebäudes. Der klassische Klötzchenfries am oberen Abschluss der Frontseite sowie die edel wirkende Kombination aus dunklem Stahl, opaken Glasflächen und stattlicher Adressenaufschrift sorgen für eine repräsentative Gesamtstilistik.

Auch heute noch dient die Fläche zusätzlich als Lager, Waschküche, Gästetoilette und Futterplatz des dort wohnenden Dobermanns. Anders als der Rest des Hauses erhielt dieser Automobil-Raum einen der Formel 1 entsprechenden gegossenen Epoxidharz-Belag. Praktisch gedacht ist das höchst ungewöhnliche Projekt NE Apartment von Nakae Architects, Tokio. Hierbei handelt es sich um ein Boarding House für Motorradfahrer mit acht Wohnungen, angeordnetin drei Etagen auf einer leicht trapezoid verlaufenden Grundfläche von 202 Quadratmetern. Die C-Form des in Stahlbeton ausgeführten Hauses stellte nicht nur eine funktionstüchtige Erschließung von der Straße aus sicher, sondern stattete alle Wohnungen mit einem internen Vorplatz aus, dessen Größe dem grosszügigen Wenden eines der dort untergebrachten Fahrzeuge entspricht. Quasi wie aus Theaterlogen können die Bewohner durch doppelt verglaste umlaufende Fensterbänder das Ankommen und Abfahren der Bikes beobachten, aber auch Zeuge sein beim Rangieren, Putzen und Reparieren.

Boardinghouse für Motorradfahrer: Der Innenhof des NE Apartments von Nakae Architects, Tokio bietet im Inneren Abstellplätze für die Bikes der Bewohner.
Boardinghouse für Motorradfahrer: Der Innenhof des NE Apartments von Nakae Architects, Tokio bietet im Inneren Abstellplätze für die Bikes der Bewohner.

Es wird schnell klar, dass der opulent bebilderte Band von Andreas K. Vetter eine wahre Goldgrube darstellt für Fans ungewöhnlicher Artikektur. Die Bandbreite der vorgestellten Objekte erstreckt sich rund um den Globus. Die einzelnen Wohngebäude zeigen die jeweils charakteristischen Merkmale für die Region. Die Baukultur reagiert quasi auf die klimatischen Bedingungen und gesellschaftlichen Gewohnheiten des jeweiligen Landes und setzt diese hochwertig um. Die dazugehörigen Pläne bieten zusätzlich einen Einblick in das außergewöhnliche Innere und bringen den Leser zum Staunen. In allen vorgestellten Projekten ist die Garage stets mehr als nur eine profane Notwendigkeit, sondern wird zum außergewöhnlichen Architekturelement, das Design, Funktionalität und Ästhetik den richtigen Platz bietet. Ein absolutes Muss für Architektur- und Autoliebhaber!

Auch bei diesem Haus wird der Vintage-Porsche als Objekt der Begierde gefeiert und nicht schamvoll in einer zappendursteren Box namens Doppelgarage versteckt.
Auch bei diesem Haus wird der Vintage-Porsche als Objekt der Begierde gefeiert und nicht schamvoll in einer zappendursteren Box namens Doppelgarage versteckt.

 

Haus und Auto – Internationale Projekte, von Andreas K. Vetter, 59.95 Euro.
Gebunden mit Schutzumschlag, 
176 Seiten. Im Callwey Verlag hat Andreas K. Vetter bereits die Bücher Giebelhäuser, Townhouses und den Vorgänger Haus & Auto veröffentlicht.

http://www.calley.de