Privatjets sind die Wiedergutmachung für sämtliche Qualen des Reisens. Ein Testflug mit NetJets.

Hand aufs Herz: Die Erfahrung der Linien-Fliegerei kann einem schon die Ruhe rauben. Die Schattenfinsternis zieht spätestens bei den schafstallartigen Drängelgittern vor den Bodyscannern auf, wo man sich mit Hunderten von anderen Menschen der Leibesvisitation zu unterziehen hat, setzt sich trotz aller vermeintlichen Statuskartenprivilegien beim Herumlungern am Gate und in rumpligen Transportbussen fest, begleitet von dem Potpourri allzu naher menschlicher Ausdünstungen und gipfelt schließlich in der Willkür einer längst aus den Fugen geratenen Beförderungsindustrie mit immer engeren Sitzreihen oder verpassten Slots, weil halt mal wieder irgendein Koffer ausgeladen werden muss, weil sich der dazugehörige Passagier aus unerfindlichen Gründen doch nicht an Bord bequemte.

Die Kabine der Citation Latitude bietet Stehhöhe (183 cm) und eine Clubsessel-Bestuhlung.

Unausgeschlafen und orientierungslos schweift der Blick durch das Kabinenfensterchen nach draußen – und richtet sich schließlich voll Sehnsucht auf einen dieser kleinen agilen Privatjets, die am Rande des Flughafens in der glitzernden Morgensonne auf Gäste warten, mit einer Nespresso-Maschine an Bord, rasend schnellem WLAN, viel Platz und wunderbar bequemen Ledersesseln. An dieser Stelle könnte man vor Frust glatt in das mit den Saftresten des Vorgängers verklebte Klapptischchen beißen oder in einem Akt entschiedener Verzweiflung den fleischigen Ellenbogen des Sitznachbarn endlich von der gemeinsamen Armlehne schubsen, bevor man zu träumen beginnt vom besseren, schöneren, entspannteren Reisen.

Niemand stört und nervt: Der Flug im Privatjet bietet Ruhe und Entspannung pur.

Und das geht so: Beim Fliegen im Privatjet steht der Passagier im Mittelpunkt, beim Fliegen im Verkehrsflugzeug dreht sich alles um die Fluggesellschaft. Testfall Hamburg. Auf Einladung von NetJets dürfen wir ausprobieren, was es heißt, im eigenen Jet unterwegs zu sein, leise fliegend, voller Ästhetik und Bequemlichkeit. Ein beliebiger Montagvormittag. Wir parken unseren Wagen direkt am GAT, dem Privatfliegerzentrum. Kurz über die Straße, rein in das kleine Abfertigungsgebäude. Alles läuft wie am Schnürchen: Ein Mitarbeiter der Gesellschaft steht lächelnd bereit zur Begrüßung, freie Bahn am Sicherheitscheck, noch ein schneller Espresso und schon geht es zum Flieger, in diesem Fall eine Cessna Citation Latitude, mittelgroße Kabine für sieben Passagiere. Mit 1,96 Metern ist der Wohnraum der Latitude angenehm breit, die Höhe von 1,83 Metern erspart den meisten Menschen den gebückten Gang.

Bestens gerüstet: Eine Espressomaschine gehört zur Bordausstattung.

Das Interieur ist erwartungsgemäß luxuriös – feinste Oberflächen, Edelholz mit Klavierlack-Optik, Kaschmirdecken, vier perfekt gepolsterte Sitze in Clubanordnung, plus zwei weitere, nach vorn gerichtete Sitze. Arbeitstische zum Ausklappen, USB-Buchsen und Wechselstromdose an jedem Sitz. Die Sitze sind drehbar und lassen sich in eine Ruheposition bringen. Ein drahtloses Kabinenmanagementsystem ermöglicht die Vernetzung von iPads oder anderen Unterhaltungsgeräten. Nahezu jede Funktion in der Maschine ist über ein Touchpad bedienbar – die elektrischen Jalousien ebenso wie die Temperatur oder das Entertainment-Angebot. Im Heck befindet sich ein geräumiger Waschraum mit Pflegeprodukten von Aesop.

Teatime im Flieger mit Scones, Clotted Cream und Erdbeermarmelade – stilvoll serviert auf Porzellan.

Eine Viertelstunde nach der Ankunft am Terminal schließt sich nahezu geräuschlos die Treppe und ab geht´s. Ein kurzer, überraschend schneller Spurt, die Maschine zieht steil nach oben und nimmt Kurs auf Aberdeen im nordöstlichen Schottland, unserem Ziel. 

Der mit Edelholz-Funier ausgestattete Waschraum bietet viel Komfort mit Pflegeprodukten von Aesop.

Oben, bei einer Reiseflughöhe von 45.000 Fuß, schwebt es sich wie auf der sprichwörtlichen Wolke sieben. Anders als in Linienmaschinen ist ein Kabinendruck eingestellt, der einer Höhe von 6.000 Fuß entspricht, also deutlich höher und verträglicher als im Linienflugzeug. Kombiniert mit einer erhöhten Luftfeuchtigkeit reduziert sich so das Risiko einer Dehydration. Auch den Auswirkungen von Jetlags wirkt das entgegen.

Erläutert die Vorzüge des Teileigentums bei NetJets: Carsten Michaelis.

Unser Gastgeber Carsten Michaelis, Director Sales bei NetJets, kredenzt ein kleines Frühstück mit frisch gebrühtem Cappuccino und macht uns das Geschäftsmodell von NetJets schmackhaft. „Was zählt, ist das hohe Maß an Wirtschaftlichkeit und Agilität“, schwärmt Michaelis, der mit seiner Familie in London lebt. Anstatt einen eigenen Privatflieger zu unterhalten, erwerben vermögende Privatleute oder Unternehmen bei NetJets ein Teileigentum auf der Grundlage der Flugstunden, die man pro Jahr voraussichtlich benötigt. Gezeichnet werden muss mindestens ein Sechzehntel an einem Flugzeug, respektive das Recht auf 50 Flugstunden pro Jahr. Eine Flugstunde ist dabei von 5.000 Euro an aufwärts zu haben. Dadurch erhält man Zugang zur größten Privatjetflotte der Welt – mit 700 Flugzeugen. 

Die moderne NetJets-Flotte wird nach den höchsten Standards gewartet.

Das Spektrum beginnt bei leichten Jets für Kurzflüge zwischen europäischen Städten bis hin zu mit Betten ausgestatteten Maschinen für Langstreckenflüge, die den Kunden nach Nordamerika, Asien oder an andere weit entfernte Ziele bringen. Innerhalb von maximal zehn Stunden, so sagt Michaelis, sei ein passender Jet weltweit am gewünschten Flughafen zur Stelle. 

Bewährte Triebwerke: Pratt & Whitneys PW306D1.

Dem smarten NetJets-Vertreter ist bewusst, dass es – anders als in Amerika oder Asien – in der deutschen Neidgesellschaft um der Ruf der Privatfliegerei nicht zum Besten steht. Da ist gern von verwöhnten Milliardären und Showstars die Rede, aber tatsächlich ist ein Großteil der Kundschaft eher bei Firmenchefs zu verorten, die mit den Fliegern entlegene Niederlassungen oder Produktionsstätten ansteuern, welche sich per Linienverkehr entweder gar nicht oder nur umständlich erreichen lassen. Einzige Voraussetzung: Ein Flugplatz, der für den Instrumentenflugbetrieb zugelassen ist. Das sind insgesamt rund 900 Flugplätze in Europa und 5.000 weltweit, von Bayreuth bis Kooddoo auf den Malediven. „Über 80 Prozent der Flughäfen, die wir anfliegen, sind solche, die keine tägliche Flugverbindung haben“, so Michaelis.

Über den Wolken schweben: Blick aus dem Fenster der Citation Latitude.

Neben der Effizienz und Zeitersparnis sei für verschiedene Kunden aber auch die Anonymität ein Thema, ergänzt Michaelis. „Während sich die Besitzer eines eigenen Jets über das Eintragungszeichen tracken lassen, gibt die Zulassungsnummer unserer Jets keinerlei Auskunft darüber, wer nun gerade in dem Flugzeug sitzt“, sagt er. Bei der Privatkundschaft wird NetJets häufig genutzt, um zwischen den verschiedenen Wohnsitzen zu pendeln und dabei auch die ganze Familie und den einen oder anderen Vierbeiner mitzunehmen. Unterm Strich sind im letzten Jahr über 17.179 Haustiere per NetJets abgehoben, Ferkel und Ziegen inklusive.

Die Piloten arbeiten mit einem Avioniksystem, das auf Garmins G5000 basiert. Drei 14-Zoll-Bildschirme bestimmen den optischen Gesamteindruck. Die Bedienung erfolgt über vier kleine, berührungsempfindliche GTC570-Bildschirme. Zur Standardausrüstung gehören ein Auto-Throttle-System, TCAS II, TAWS, Sprachaufzeichnung im Cockpit sowie ein Diagnosesystem.

Bezüglich des Neukundengeschäftes stehen für Carsten Michaelis stark diejenigen Menschen im Fokus, die bislang eigene Flugzeuge unterhalten und überzeugt werden sollen, dass sie mit dem Teileigentum deutlich im Vorteil seien. So müsse man als JetJets-Kunde keine eigenen Mitarbeiter oder eine Crew beschäftigen, für Wartung oder Hangars zahlen, Kraftstoffkosten verhandeln oder sich um andere zeitaufwendige Dinge kümmern, die der Besitz eines Privatjets mit sich brächte. Ein weiterer Pluspunkt sei die Flexibilität: Nach drei Jahren könne man sich entscheiden, das Eigentümer-Programm zu verlassen, und NetJets kaufe den Anteil zurück. Sollte die vereinbarte Jet-Klasse bei Bedarf nicht verfügbar sein, erhalte der Kunde automatisch ein kostenloses Upgrade zur nächsten Kabinenklasse. Außerdem habe man die Möglichkeit, bei Bedarf einen Jet mit mehr Sitzplätzen oder für eine längere Flugdistanz zu buchen.

Beliebtes Kurz- und Mittelstreckenmuster bei NetJets: Cessna Citation Latitude.

Besonders stolz ist Michaelis auch auf die junge, und damit auch besonders verbrauchsarme Flotte, was den CO2-Ausstoss reduziert. Es sei gerade die Geschäftsfliegerei, die eine Vorreiterrolle spiele bei den Bemühungen, die Luftfahrt auf nachhaltigen Treibstoff umzustellen, da hier das Fluggerät überdurchschnittlich rasch erneuert würde. Nicht ohne Grund: Hinter NetJets steht Börsen-Guru Warren Buffett, dem das Unternehmen über seine Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway seit 1998 gehört. Vor acht Jahren bestellte das Unternehmen sage und schreibe 275 Bombardier Challenger und 150 Flugzeuge des Modells Cessna Citation Latitude mit einem Gesamtwert von 9,6 Milliarden US-Dollar. Damit betreibe man derzeit die modernste Flotte am Privatjet-Himmel, heißt es. 

Die bekannte Influenzerin Georgia Moreno geniesst eine entspannte Ankunft ohne Warterei.

Inzwischen hat der Pilot den Sinkflug eingeleitet. Ein kurzer Blick noch auf die raue Nordsee, dann setzt der Jet auf. Wir rollen vorbei an den schweren Sikorski-S-92-Offshore-Helikoptern, die Arbeiter und Ausrüstung zu den Ölplattformen nördlich der Shetlandinseln transportieren. Unsere Cessna Citation Latitude stoppt, die Tür öffnet sich, ein Mitarbeiter kümmert sich um das Gepäck, ein dunkler Van prescht heran. Minuten später verlassen wir ohne weitere Kontrollen durch ein Seitentor den kleinen Flughafen. Durch das Hochland geht es für die Nacht zu dem entzückend exaltierten Hotel Fife Arms in Braemar. Ein Schweizer Galeristenpaar hat das viktorianische, mit rund 14.000 Kunstwerken ausgestattete Granitgebäude zu einem Hidaway der Extraklasse verwandelt. Aber das ist eine andere Geschichte.

TEXT//THOMAS GARMS

www.netjets.com