Bis 2050 soll die Weltbevölkerung auf fast zehn Milliarden anwachsen. Die Nahrungsmittelindustrie ist dabei, sich dramatisch zu verändern. 

TEXT//GERD HÜBNER

Würden Sie knapp zwölf Milliarden Dollar für ein Unternehmen zahlen, das rote Zahlen schreibt und in diesem Jahr 240 Millionen Dollar umsetzen will? Nein? Dann sollten Sie die Finger von Beyond Meat, Hersteller von Fleischersatzprodukten, lassen. Oder glauben Sie, dass die Firma in diese Bewertung hineinwachsen kann? Dass mehr hinter diesem Trend der fleischlosen Ernährung steckt? „Zweifellos sehen wir derzeit eine Art disruptive  Entwicklung im Nahrungsmittelmarkt“, stellt Eike Wenzel vom Institut für Trend- und Zukunftsforschung fest. 

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Das hat mehrere Gründe. Auf der einen Seite wächst die Weltbevölkerung – die Vereinten Nationen geht von einem Anstieg von heute 7,6 Milliarden auf fast zehn Milliarden Menschen in 2050 aus. Zugleich steigt der Wohlstand in vielen Schwellenländern und damit auch der Proteinverbrauch. Laut einer UBS-Studie lag dieser 1961 bei 22,4 Kilogramm pro Jahr. Heute sind es 29,6 Kilogramm. Allein in China ist er von 1961 bis 2013 um 152 Prozent geklettert. Und Fleisch wird immer mehr zur wichtigsten Eiweißquelle. „China ist auf Grund des gestiegenen Wohlstandes heute schon der größte Fleischkonsument der Welt“, informiert Wenzel. 

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Die andere Seite ist die Entwicklung der weltweiten Ackerflächen und der Klimawandel. Laut dem Institut für Bevölkerung und Entwicklung in Berlin standen 1960 der Weltbevölkerung pro Kopf noch 0,44 Hektar Ackerland zur Verfügung. Im Jahr 2000 waren es knapp 0,22 Hektar pro Kopf und Mitte des 21. Jahrhunderts werden es nur noch 0,15 Hektar pro Kopf sein. Dabei benötigt die Viehzucht laut AXA Investment Managers rund 80 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Pflegen also zehn Milliarden Menschen den Ernährungsstil der Industrieländer heute, stößt die Welt noch schneller an ihre Grenzen. 

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Denn das tut sie bereits, wie der World Overshooting Day zeigt. An diesem „Erdüberlastungstag“ halten sich das Angebot der Erde und der Verbrauch die Waage. Danach leben wir auf Kosten der Zukunft, also künftiger Generationen. In diesem Jahr war es der 29. Juli, so früh wie noch nie. Zwar beinhaltet dies nicht allein Nahrung, aber es ist ein wichtiger Faktor. Denn Rinder stoßen Methan aus – ein Treibhausgas, das 25-mal stärker wirkt als CO2.

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Diese Tatsache scheint zu einem Umdenken zu führen. „Bekannt ist schon lange, dass zu viel Zucker, qualitativ schlechtes Fleisch und viele andere Ernährungsgewohnheiten der eigenen Gesundheit nicht förderlich sind“, erklärt Trendforscher Wenzel. „Aber jetzt kommt mit dem Klimawandel eine neue Dimension dazu.“ Im Jahr 2014 hat er 15 alternative Lebensstile identifiziert. Damals haben sie gut 30 Prozent am Konsumverhalten ausgemacht. „Heute liegen sie bei rund 50 Prozent und sie sind damit schon zum Mainstream geworden.“ 

Marktforscher wie Allensbach oder SKOPOS bestätigen den Wandel. Allein hierzulande gibt es derzeit etwa acht Millionen Vegetarier und 1,3 Millionen Veganer. Und täglich sollen 2.000 Vegetarier und 200 Veganer dazukommen. „Dass immer mehr Menschen beginnen, ihre Ernährungsgewohnheiten zu überdenken, hat – ähnlich wie disruptive Technologien – das Potenzial, die Lebensmittelindustrie zu verändern und neue Gewinner und Verlierer hervorzubringen“, meint Sustainability-Analystin Verena Kienel von Ökoworld.

Und Fleischersatz ist nur einer von vielen Trends. „Denken Sie an Urban Farming, an Fleisch aus dem Labor, das so genannte Clean Meat, aber auch an Technologien zur Wassereinsparung in der Landwirtschaft, den Verpackungsbereich oder die Vermeidung von weggeworfenen Lebensmitteln“, sagt Kienel. Fleisch aus dem Labor kann laut einer UBS-Studie die Treibhausgasemissionen gegenüber der landwirtschaftlichen Fleischerzeugung um 78 bis 96 Prozent reduzieren und braucht 99 Prozent weniger Land. Mit Urban Farming kann 95 bis 99 Prozent Wasser eingespart werden. 

„Unternehmen, die in solchen Bereichen tätig sind, können aus der Nachhaltigkeitsperspektive positiv bewertet werden“, so Kienels Fazit. Und das wiederum dürfte das Umsatzwachstum anzutreiben. Laut der UBS soll der Umsatz mit Fleisch auf Pflanzenbasis von 4,6 Milliarden Dollar in 2018 auf 85 Milliarden Dollar in 2030 steigen. Im Bereich Urban Farming soll er von 15 Milliarden Dollar in 2018 auf 90 Milliarden Dollar in 2030 wachsen. 

Daraus können attraktive Anlageideen entstehen. Für interessant erachtet Kienel zum Beispiel die Firma Vitasoy aus Hongkong, die sojabasierte Lebensmittel herstellt und auf Gentechnik verzichtet, oder die Verpackungsfirma SIG Combibloc aus der Schweiz. „Das Unternehmen stellt seine Verpackungen zum Beispiel durch Nutzung recycelter Materialien und Biokunststoffen oder den Verzicht auf Aluminium nachhaltig her.“

Ein Unternehmen, an das kaum jemand bei nachhaltigen Anlagen denken dürfte, ist die Fast-Food-Kette Chipotle. „Sie setzt auf regionales und qualitativ hochwertiges Fleisch, hat transparente Lieferketten, bietet fleischloses Essen an und achtet auf umweltfreundliche Verpackungen“, so die Nachhaltigkeitsanalystin. Keine direkten Investments gibt es zwar beim Urban Farming, Anleger könnten aber auf LED-Hersteller wie Osram ausweichen. Schließlich ist die Beleuchtung hier ein entscheidender Faktor. 

Als einen wichtigen Trend im Nachhaltigkeitsbereich erachtet Walter Hatak, Leiter Responsible Investments bei der Erste Asset Management, auch die biologische Landwirtschaft. „Hier ist die litauische AUGA Group interessant, die zu den größten vertikal integrierten Biolandwirtschaftsfirmen Europas zählt.“ Die Beispiele zeigen aber auch, dass Anleger tief graben und die Unternehmen sehr gründlich analysieren müssen, um passende und attraktive Investments zu finden.

Fonds, die allein auf das Thema Nahrungsmittel der Zukunft setzen, gibt es derzeit auch nicht. Zumindest aber finden solche Unternehmen in den Ökoworld-Fonds Berücksichtigung, ebenso wie in anderen Nachhaltigkeitsfonds wie dem AXA WF Framlington Clean Economy oder im Erste WWF Stock Environment. Dazu kommt, dass sich heute nicht einschätzen lässt, wer sich am Ende durchsetzt. Denn die großen Lebensmittelkonzerne beginnen, auf diesen Trend zu reagieren. 

So hat der Fleischgigant Tyson Foods, der seine zwischenzeitliche Beteiligung an Beyond Meat abgestoßen hat, bekannt gegeben, selbst in dieses Segment vorstoßen zu wollen. „Und auch Konzerne wie Nestlé sind dabei, sich auf die sich verändernden Ernährungsgewohnheiten einzustellen“, sagt Wenzel. Zudem hat speziell Beyond Meat mit Konkurrenten wie Impossible Foods zu kämpfen, das seine fleischlosen Buletten an Burger King verkauft. Trotz des Potenzials könnten zwölf Milliarden Dollar für den Börsenneuling doch zu viel sein.  

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„China ist auf Grund des gestiegenen Wohlstandes heute schon der größte Fleischkonsument der Welt.“ Eike Wenzel