Schränke gelten als eine unbeliebte Spezies. Sie sind zu groß, zu wuchtig und irgendwie stets am falschen Platz. In Amerika kennt man diese Sorgen weniger. Schließlich gehören dort Einbauschränke zur Grundausstattung eines jeden Wohnraums. Nach Europa schwappt diese Entwicklung bislang eher zögerlich, wenngleich auch hier in den letzten Jahren bei Architekten und Bauherren ein spürbares Umdenken stattgefunden hat. Der Grund dafür liegt in der Neujustierung der Grundrisse. Während Wohnzimmer und Küche bei neuen Bauprojekten immer häufiger zu einer Einheit verbunden werden, verschmelzen Schlafzimmer und Bad zum „Privaten Spa“. Für die letzteren beiden Räume geht dies mit einer deutlichen Vergrößerung und Aufwertung einher.

Giuseppe Bavuso gestaltete das Modell Ergo von Poliform.

Genau an dieser Stelle kommen großformatige Schrank-Systeme ins Spiel. Schließlich sollen auch Kleider und Schuhe in weitaus voluminöseren Dimensionen untergebracht werden und die Enge vergangener Zeiten hinter sich lassen. Wie das geht, zeigen vor allem die italienischen Möbelmarken mit raffinierten Kleiderschranksystemen, die bei weitem nicht nur ganze Wände vollflächig bespielen können. Sofern der Platz es zuläßt, trennen sie den Kleiderschrank als einen begehbaren Raum im Raum ab. Das Interessante hierbei: Indem sich die Systeme an die vorhandenen Raummaße anpassen, verwandeln sie sich in einen Teil der Architektur und lassen die Wirkung eines klobigen Möbelstücks endgültig hinter sich.

Der Kleiderschrank wird zu einem zweiten Wohnzimmer transformiert, wo wir längere Zeit verbringen, uns hinsetzen und entspannen.

Worauf es ankommt, sind vor allem Flexibilität und Wandelbarkeit, um selbst bei kniffligen Grundrissen passgenaue Lösungen zu finden. Dass sich diesem Thema vor allem die Architekten unter den Möbelgestaltern annehmen, verwundert kaum. Schließlich können die meisten von ihnen auf einen ausgewiesenen Erfahrungsschatz zurückgreifen, worauf es beim Umbau einer Wohnung oder dem Neubau einer Villa ankommt – und dieses Wissen sogleich in einen passenden Möbelbausatz für ihre zukünftigen Projekte einfließen lassen. Ein wahrer Kleiderschrank-Fetischist ist zum Beispiel Piero Lissoni. Der Mailänder Architekt und Designer ist als Art Director für Boffi, Porro, Living Divani und Lema tätig und hat für all diese Marken eigene Kleiderschranksysteme entworfen – bei denen nichts von der Stange ist.

Storage von Piero Missoni für Porro.

Bereits als neuer Klassiker gilt das System „Storage“ von Porro, das zusammen mit drei weiteren Kleiderschrank-Systemen der Marke kombinierbar ist und eine Vielzahl an Anmutungen und Anwendungen erlaubt. Neu hinzugekommen sind in diesem Jahr Regalböden, die mit natürlich gegerbtem Leder bezogen sind und zur Aufbewahrung kostbarer Kleidungsstücke oder Accessoires verwendet werden.

Gliss-Master von Molteni.

Eine warme, wohnliche Atmosphäre bringen ebenso die mit Leder und Mikrofasergewebe bezogenen Rückwände und Ablagen des Schranksystem „Antibes“ ins Spiel, das Piero Lissoni für Boffi gestaltet hat. Einen Kontrapunkt zur warmen Materialität setzen gläserne Fronten, die Kleidungsstücke, Schuhe, Hüte und Accessoires wie Akteure auf einer Bühne in Szene setzen.

Transparenz steht ebenso beim Schranksystem „Ego“ von Poliform im Mittelpunkt. Der Entwurf von Giuseppe Bavuso verfügt über Türen mit feingliedrigen Aluminiumrahmen, die sowohl in Klarglas als auch in bronziertem und gerauchtem Glas zur Auswahl stehen und ein besonders elegantes Erscheinungsbild erzeugen. Das Interessante hierbei: Neben den Fronten lassen sich ebenso die Seiten- und Rückenflächen mit Glas bestücken, sodass die Schränke als raffinierte Raumteiler-Vitrinen zum Einsatz kommen können.

Boffi Solferino_von Tommaso Sartori

Wie eine Steigerung dieses exhibitionierten Aufbewahrungskonzepts wirkt „Boutique Mast“ von Piero Lissoni für Porro. Das System ist sowohl für den Einsatz in Modegeschäften als auch für private Schlafräume konzipiert. Die offene Bauweise aus filigranen Metallrohren und seitlich auskragenden Regalböden lässt die Blicke locker hindurch wandern und stellt als freigiebiger Raumteiler die Kleidersammlung selbstbewusst zur Schau.

Regalböden, die mit natürlich gegerbtem Leder bezogen sind, dienen zur Aufbewahrung kostbarer Kleidungsstücke oder Accessoires.

Interesse an Mode zeigt der belgische Architekt Vincent Van Duysen mit dem Schranksystem „Master Dressing“ für den Möbelhersteller Molteni & C. Dieses basiert auf einem Zahnstangensystem, in das melaminbeschichtete, lackierte oder gläserne Rückwände eingehängt werden. Die Regalböden lassen sich ebenfalls locker einklinken und in der Höhe variieren. Eine unsichtbare Elektrifizierung erlaubt den Einsatz beleuchteter Glas- und Holzböden, die dank kabelloser Kontakte flexibel in der Höhe variiert werden können. Der passende Spiegel „Vanity“ wird rückseitig mit LEDs beleuchtet und lässt die Technik hinter einer betont wohnlichen und eleganten Erscheinung zurücktreten, anstatt sie als selbstverliebtes Gadget hervorzuheben.

Schranksystem Aria3 von Lema

Dank weltraumerprobter Reinigungssysteme können begehbare Schränke sogar die Gesundheit verbessern. So setzt Lema mit einem eigens entwickelten „Air Cleaning System“ auf eine sinnvolle Technisierung, die unsichtbar in die Oberfächer verschiedener Schranksysteme eingebaut wird. Gerüche und Bakterien werden damit aus Kleidern und Schuhen abgezogen und wirksam neutralisiert. Zum Einsatz kommt hierbei das sogenannte PCO-Verfahren (Photocatalytic Oxidation), das ursprünglich für die Reinigung von Weltraumstationen entwickelt wurde und selbst mikroskopisch kleinen Krankheitserregern mithilfe einer speziellen UV-Licht-Behandlung den Garaus macht. Die patentierte Technologie ist sogar vom italienischen Gesundheitsministerium zertifiziert worden, wodurch der Kleiderschrank nicht „nur“ zur Aufbewahrung dient, sondern als medizinisches Hilfsmittel sogar die Gesundheit verbessert.

Dank weltraumerprobter Reinigungssysteme können die begehbaren Schränke sogar die Gesundheit verbessern.

Ein wichtige Rolle spielt bei alledem das Raumerlebnis. In viele begehbare Kleiderschränke werden hüfthohe Mittelinseln mit ausziehbaren Schuladen integriert, die zum Verstauen von Accessoires sowie zum Abstellen von Blumenvasen oder dekorativen Objekten genutzt werden können. Die von Carlo Colombo entworfene Serie „Gentleman“ für den Schlafzimmerausstatter Flou geht noch weiter: Sie umfasst ebenso komfortable Sessel, einen luxuriösen Sekretär, elegante Stehleuchten, Spiegel und sogar einen beleuchteten Humidor. Die Botschaft des Ganzen: Der Kleiderschrank wird zu einem zweiten Wohnzimmer transformiert: Ein Ort, an dem wir längere Zeit verbringen, uns hinsetzen, entspannen und in Ruhe die Auswahl und Anprobe unserer Garderobe vornehmen. Radikaler lässt sich die Verwandlung des unbeliebten Kastenmöbels zum luxuriösen Rückzugsort wohl kaum auf den Punkt bringen.

Text /// Norman Kietzmann