Die Pässe in den Dolomiten rauben einem den Atem. Insbesondere am Steuer eines Aston Martin DB11 im Feld der Winter-Rallye von Cortina d’Ampezzo.

Text Roland Löwisch

Es geht um Millionen. Zumindest gefühlt. Und zwar Millionen Kurven. Vielleicht sind es auch nur Hunderttausend, aber wir wollen mal nicht so kleinlich sein. Gezählt haben wir sie nicht, das hätte uns bei gut 400 Kilometer Passfahrten eindeutig überfordert. Zumal man nebenbei immer mal wieder über extra ausgelegte Schläuche fährt und dadurch Strafen einheimst, die in die Tausende gehen. Gefühlt jedenfalls – Strafpunkte.

535 PS im Aston Martin DB11? Man kann zwar nie genug Kraft haben, trotzdem hat man den rallyefahrenden Klassikern gegenüber stets im Vorteil. Besonders be Passfahrten

Anders ausgedrückt: Wer dem Grundsatz frönt, dass die beste Verbindung zwischen zwei Punkten eine Gerade ist, sollte nie beim WinteRace mit Ausgangspunkt in Cortina d’Ampezzo im Südtirol starten. Denn hier muss man sich der Diktatur der Serpentinen unterwerfen. Robuste Mägen helfen dabei immens.

Autor Roland Löwisch mit Beifahrer Scott im Aston Martin DB11

Seit neun Jahren laden Rossella Labate, Stefano Sangalli und ihr Team zum fröhlichen Kurbeln, immer im Winter (der sich in den Dolomiten deutlich länger hält als in anderen europäischen Regionen). Zwei Gruppen starten beim WinteRace: Zuerst die rund 40 „Historics“, Autos bis zum Baujahr 1976, danach eine geringere Zahl „Icons“ – besondere Modelle ab 1977. Dazu gehören solche Ikonen wie ein Ferrari 208 GTS, aber auch Raritäten wie ein Dallara Stradale sowie die Modelle des Neusponsors Aston Martin Verona, der eine Firma aus Stuttgart-Zuffenhausen abgelöst hat. Wir waren im reisefreundlichsten Modell der Briten unterwegs, im Aston Martin DB11.

Startaufstellung mit einer Reihe grandioser Klassiker.

Das bedeutet: Leder in schönster (Aus-)Prägung, wo man hinschaut, ein V8 mit 535 PS, die von Elektronik gebändigt werden können. Wie sehr sie eingreift, kann man per Knopfdruck befehlen – „GT“ sorgt für gemütliches Reisefeeling, „Sport“ ist nichts Halbes und nichts Ganzes, aber „Sport+“ macht den DB11 richtig scharf mit zurückgenommenem ESP. Wenn man dann – natürlich ebenfalls durch Knopfdruck – das Fahrwerk noch ein bisschen festigt, braucht der Beifahrer einen fliehkraftsicheren Magen.

Klar darf ein alter Porsche nicht fehlen: Die wahren Helden sind die Klassiker.

Aber die wahren Helden sind die Klassiker und ihre Piloten und Beifahrer:innen. Sorry für das Gendern, aber tatsächlich sitzen auffällig viele weibliche Autofans auf den Beifahrersitzen und lotsen ihre Göttergatten durch den Schlauchdschungel, den wir hier mal kurz erklären: Jedes Team erhält für die gesamte Rallye ein „Roadbook“, in dem auf den Meter genau beschrieben ist, wohin man fahren muss – hauptsächlich erklärt durch Streckenangaben und „Chinesenzeichen“ (gezeichnete Pfeile, die die Richtung anzeigen).

Der Beifahrer ist verantwortlich dafür, dass man in den Zeitwertungen nicht Letzter wird

Bei diversen „Sonderprüfungen“ gilt es, sekundengenau über Messschläuche zu fahren, was eine gute Kooperation von Fahrer und Ansager bedingt (und bei diversen ähnlichen Rallyes schon zu eklatanten Ehekrächen oder sogar Scheidungen geführt hat). Jedes zu frühe oder zu späte Berühren der Schläuche mit den Vorderrädern zieht Strafpunkte nach sich, das Nichteinhalten von Start- und Ankunftszeiten ebenfalls.

Nichts für Frostbeulen: Wer mit solch einem Auto startet, sollte die Fellmütze nicht vergessen.

Eigentlich ist also die Teilnahme an dieser Rallye grundsätzlich strafbar, was eine illustre, in diesem Fall meist italienische Klientel nicht davon abhält, ihre herrlich nach Benzin mit Bleizusatz riechenden Klassiker mutig über den Asphalt rund um Cortina d’Ampezzo zu scheuchen. Das ist aus vielen Gründen bemerkenswert: Zum Beispiel wie sie das tun mit so etwas wie einem Fiat 600, der von Haus aus gerade mal knapp 20 PS auf den Asphalt bringt. Wobei man bedenken muss, dass ein Verbrenner je 1.000 Höhenmeter rund zehn Prozent seiner Leistung verliert. So bleiben bei diesem historischen Kleinwagen auf dem höchsten Pass des WinteRace, dem Passo Giau mit 2.233 Metern, der am Schluss des ersten Tages zu nehmen ist, gerade mal rund 16 PS übrig. Wir haben da noch knapp 430 PS zur Verfügung – möge man uns verzeihen, dass wir damit ein paar der Oldies mehr als zügig überholen …

Ein Oldie genießt die schöne Aussicht.

Vorteil für die Teams in langsamen Autos: Sie haben mehr von der unglaublichen Aussicht. Der Passo Giau ist einer der eindrucksvollsten Dolomitenpässe, auf den 29 Serpentinen führen. Er befindet sich zwischen Cortina d’Ampezzo und Selva di Cadore. Der Pass bietet eine einzigartige Aussicht auf die schönsten Gipfel der Dolomiten wie den Nuvolau, den Averau, die Marmolata, die Tofane und den Cristallo. Bekannt ist er auch dank des Radrennens Giro d’Italia, insbesondere wegen des anstrengenden Aufstiegs vom Colle Santa Lucia aus. Filmfans erinnern sich an die Szenen im Film „Ladyhawke“, die hier mit Matthew Broderick und Michelle Pfeiffer gedreht wurden.

Selbstverständlich wird auch dieses Alfa Romeo Cabrio bei klirrender Kälte stilecht offen gefahren.

Aber auch schon vorher lohnt es, sich über diverse, kaum weniger beeindruckende Pässe wie Falzarego, Valles, Rolle und Cereda durch die Dolomiten zu winden. Da muss man sich schon verneigen vor den Teams in Vorkriegsautos wie OM 665 Superba von 1925 und in den beiden Aston Martin Le Mans der Baujahre 1933 und 1934, aber auch vor den Tapferen in den britischen Austin-Healeys 3000, denn alle diese Autos werden stilecht offen gefahren.

Schild am Scheitelpunkt des Passo Pordoi.

Weit oben herrschen bis zu minus 15 Grad – da kleben die Kenner die Kühler ihrer Lieblinge vollends mit Gaffer-Tape ab, damit den Autos nicht zu kalt wird (leider fährt diesmal kein früher Volvo Amazon mit – das schwedische Mobil verfügt über eine Jalousie vor dem Kühler, die über ein Kettchen vom Fahrersitz aus heruntergelassen werden kann). Zudem besitzen die meisten Teilnehmermodelle keine Servolenkung, was zum echten Bizepstraining ausartet.

Zwar bleibt zum Skifahren bei so einer Rallye keine Zeit, aber ein echter Mini sieht mit den Brettern auf dem Dach schon sehr stylisch aus.

Dabei schonen die wenigsten sich und ihre Schätze. Jan Hendrik Jacobs aus den Niederlanden hat den ersten jemals gebauten Aston Martin DB2 mitgebracht, der auch in Le Mans rannte – ein Juwel von 1950, das jetzt von seinem Besitzer sportlich in die Kurven geworfen wird. Domenico Morassutti – einst Profi-Rallyefahrer und im Lancia 037 chancenlos gegen eine gewissen Walter Röhrl – prügelt seinen Alpine A110 über den meist schlechten Asphalt, als gelte es, dem besten Autofahrer der Welt doch noch zu zeigen, wo der Hammer hängt. Stefano Chiminelli hat einen armdicken Auspuff mitgebracht, an dem ein Irmscher-Gruppe-2-Opel Ascona 1.9 SR von 1974 hängt. Das Team ballert so lautstark durch die Dolomiten, dass den Bergkühen die Milch sauer zu werden scheint. Dagegen wirken die vielen italienischen Autos wie Lancia Fulvia Hf Coupé, Fiat 850 Coupé, Alfa Romeo GT Junior und Giulietta Spider sowie Giulia Sprint fast filigran. Ein Porsche 356 A Convertible D und ein Jaguar D-Type sowieso – es kommt hinzu, dass hier ziemlich hohe Fahrzeugwerte auf öffentliche Straßen losgelassen werden. 

Radnabe eines historischen Aston Martin.

Der zweite Tag ist nicht weniger spektakulär – fängt er doch mit dem Passo Giau an, um dann in einem Ring über die Pässe Pordoi, Sella, Gardena und Furcia zurück nach Cortina d’Ampezzo zu führen. Da sich die Polizei in Sachen Tempoüberwachung zumindest auf Landstraßen angenehm zurückhält (das ist übrigens fast üblich in Norditalien, wenn herrliche Klassiker und moderne Supersportwagen freie Fahrt aufgrund von fehlendem Verkehr haben), sind atemraubende Zwischensprints möglich – ebenso wie der beherrschte Drift durch die unglaublich engen Serpentinen.

Rasten muss sein: Teilnehmerfahrzeuge parkieren vor dem Grand Hotel Savoia.

Fehlt noch die Antwort auf die Frage, wer das neunte WinteRace denn nun gewonnen hat: natürlich Italiener. Und selbstverständlich mit einem Vorkriegswagen, dem Fiat 508 S von 1935. Denn dank der frei stehenden Räder sieht man hier die Schläuche der 66 Sonderprüfungen am besten … 

Technische Daten Aston Martin DB11

Motor: V8-Biturbo

Hubraum: 3.982 ccm

Leistung: 393 kW (535 PS) bei 6.000/min

Max. Drehmoment: 675 Nm bei 2.000–5.000/min

Getriebe: Achtgang-Automatik

Antrieb: Hinterräder

Gewicht: 1.760 Kilo

Sprint 0–100 km/h: 4,0 Sek.

Top-Speed: 309 km/h

Preis: 193.900 Euro

Preis Testwagen: 236.610 Euro