Für mich ist São Paulo wie ein Dorf. Das klingt wie ein Widerspruch, denn die Stadt ist eine der größten Metropolen der Welt, und oberflächlich betrachtet wirkt sie hektisch, laut, schmutzig, unorganisiert. Aber wenn man genauer schaut, kann man viele liebenswürdige Ecken entdecken. Dort, wo wir wohnen, aber auch im Stadtteil Vila Madalena, wo sich mein Atelier befindet, hat das Leben einen ziemlich beschaulichen Charakter. Besucher, die ich dort mit hinnehme, sind davon immer wieder verblüfft. Es ist ein Fehler, von São Paulo nur das Geschäftszentrum mit seinen Wolkenkratzern wahrzunehmen.

by Eric Bergeri
Das Banespa-Gebäude by Eric Bergeri

10 Blocks südlich davon beginnt das sehr grüne Jardins, in dem sich die schickeren Restaurants und Geschäfte befinden. Noch weiter südlich schließt sich ein reines Wohngebiet an. Es handelt sich um die Siedlung Jardim Europa, die in den 20er Jahren von den Engländern geplant worden ist. Die Menschen kennen sich, die meisten wohnen schon lange da. Wir haben dort ein eher einfaches, altes Haus. Von dem Lärm und dem Verkehr der Stadt spürt man glücklicherweise wenig. In der Regel steht die Tür bei uns offen, obwohl diese Ecke inzwischen als Reichenviertel gilt. Viele der Häuser haben einen schönen, üppig bepflanzten Garten, in dem Vögel zwitschern.

by Eric Bergeri
by Eric Bergeri

Oft mache ich morgens mit meiner Frau Sybilla erst mal einen langen Spaziergang durch die Nachbarschaft. Wir sind beide notorische Frühaufsteher. Später fahre ich mit dem Rad zum Club Sociedade Harmonia de Tenis und trainiere ein bisschen. Von dort breche ich auf zu meinem Atelier im Stadtteil Vila Madalena. Dieses Viertel, in dem jetzt viele Studenten und Künstler leben, hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Nicht weit weg, auf der anderen Seite vom Fluss, liegt der Campus der Universität. Viele kamen hier herüber, weil die Wohnung günstig waren. Einen Bummel kann ich nur sehr empfehlen. Es gibt hier zahllose kleine Häuser aus den 50er und 60er Jahren. Überall in den Kneipen wird abends Life-Musik gespielt, man sitzt draußen auf den Bürgersteigen, lernt schnell Leute kennen. Die unterschiedlichsten kulturellen Strömungen treffen hier aufeinander. In Vila Madalena befindet sich das Zentrum der Literatur-Bewegung von São Paulo, es gibt Geschäfte mit Mode und Kunsthandwerk, Barbiere, Buchläden, Galerien, Antiquitätenläden, Ateliers, Werkstätten und Architekturbüros. Besonders mag ich den als soziales Projekt entstandenen Laden „Oficina de Agosto“, wo ausgefallenes Kunsthandwerk in hoher Qualität angeboten wird. Die Sachen dort sind aus recyceltem Material hergestellt, es gibt Skulpturen aus Abbruchholz oder anderen antiken Baustoffen, verarbeitet werden aber auch Plastik, Papier und Blechdosen. Die Lieferanten sind mehr als 150 verschiedene regionale Kunsthandwerker. Gesehen haben sollte man auch die Galerie „Almadomar“: Dort stellen Maler und Bildhauer aus, die sich mit dem Leben am Strand beschäftigen. Großartigen Schmuck findet man bei Rebeca Guerberoff.

by Eric Bergeri
by Eric Bergeri

1978 war ich einer der ersten, die in Vila Madalena ein Geschäft aufgemacht haben. Ohne Leuchtreklame, ohne Schild. Ich habe einfach nur meinen Namen auf die Backsteinwand gesprüht. Die schmale Gasse hinter meinem Atelier gleicht übrigens einer riesigen Grafitti-Ausstellung mit phantastischen Arbeiten. Alle Wände wurden zum Besprühen freigegeben. Ständig ändert sich etwas, kommt Neues dazu. Die Grafitti-Stars Otavio und Gustavo Pandolfo, genannt Os Gêmeos, haben hier ihre Wurzeln. Die Arbeiten dieser inzwischen auch international bekannten Zwillinge setzen sich sehr häufig mit dem sozialen und politischen Geschehen in São Paulo auseinander – man muss sie einfach gesehen haben.

by Eric Bergeri
Ponte Octavio by Eric Bergeri

Auch wenn es ringsherum in der Nachbarschaft zugegebenermaßen jede Menge nette Restaurants gibt, zieht es mich in der Mittagszeit doch eher nach Hause, wo ich mit meiner Frau esse und anschließend noch ein paar Minuten lese. Aber ein Bummel lohnt sich immer, da man in Vila Madalena für kleines Geld reichlich und gut essen kann. Besonders empfehlen kann ich die Grillbar Bardosanta. Mittendrin in dem Lokal befindet sich eine Waschanlage für Motorräder. Gleich links nebenan ist das Restaurant Soteropolitano, wo auf bahianische Art gekocht wird. Typisch dafür sind die in Kokosmilch und Palmöl geschmorten Meeresfrüchte. Probieren sollte man auch eine Feijoada, den Eintopf aus schwarzen Bohnen und gekochtem Fleisch, den es hier überall gibt.

Kathedrale von Sao Paulo

Gegen zwei bin ich wieder im Atelier, arbeite bis fünf und kehre dann nach Hause zurück. Freitags arbeitete ich nicht. Auch wenn man für einen Künstler eher das Gegenteil erwartet: Wir gehen ehrlich gesagt nicht besonders gerne aus. An den Wochenenden fahren wir in unser kleines Strandhaus ans Meer zum Surfen oder in die Berge. Dort haben wir ein sehr schönes, aus Holz und Bruchstein gebautes Anwesen. Meine Arbeit ist ziemlich introspektiv, ich brauche viel Zeit für mich und die Nähe zur Natur. Viele Möbel, die ich entwerfe, bestehen aus Hölzern, die ich am Strand gefunden habe. Diese Kontraste sind für mich sehr wichtig, denn São Paulo ist sehr vom Geld gerieben. Wir haben hier eine starke Industrie, Banken, Dienstleistungen. Die Hälfte des brasilianischen Bruttosozialprodukts wird in São Paulo erwirtschaftet.

Entsprechend vielfältig und wild ist das Nachtleben. Die Paulistas gehen sehr gerne aus. Es gibt hier einfach alles. Travestie, abgedrehte Bars und Discotheken mit einem phantastischen Interieur. Die Lichtinszenierung und die ganz in Schwarz gehaltene Einrichtung des Clubs „D-Edge“ ist sehenswert. In den meisten Clubs geht es erst morgens gegen 1 Uhr so richtig los. Gegen 22.30 Uhr verabreden sich die Leute erst mal zum Dinner. Sehr chic und angesagt ist das Restaurant der Familie Fasano mit vorzüglicher italienischer Küche. Die Fasanos betreiben unter ihrem Namen übrigens auch eines der besten Designer-Hotels in São Paulo. In diese Kategorie gehört auch das Hotel Unique, das ein bisschen so aussieht wie eine riesige Salatschüssel mit Bullaugenfenstern. Das Hotel wird vom Sohn eines Chemie-Magnaten betrieben. Dieser wollte eigentlich nur einen Nachtclub aufmachen. Aber sein Vater gab das Geld nur unter der Bedingung, dass sozusagen als seriöses Beiwerk untendrunter auch ein Hotel entsteht. Das Unique gilt als ziemlich angesagter Treffpunkt, nicht zuletzt deswegen, weil man von der Dachterrasse der „Skye Bar“ mit dem rot gefliesten Pool das nächtliche Lichtermeer der Stadt nirgendwo besser genießen kann.

Das totale Kontrastprogramm bietet für mich die Ceasa, ein Komplex mit 13 verschiedenen Großhandelsbetrieben, wo bis in die frühen Morgenstunden die in São Paulo eintreffenden Lebensmittel umgeschlagen werden. Dort um Mitternacht mitten unter den Händlern und Lagerarbeitern eine Zwiebelsuppe zu essen, ist für mich das Größte. Ich tauche gern ein in das Gewühl der Menschen. Deswegen fahren wir auch öfter zu dem Straßenmarkt vor dem Fußballstadion Pacaembu. Dort gibt es für ein paar Münzen die besten Pasteis, frittierte Teigtaschen gefüllt mit Käse, Fleisch oder Meeresfrüchten.

Einen Tag in São Paulo sollte man der Architektur und den Museen widmen. Spektakulär ist das Museu de Arte de São Paulo (MASP) an der Avenida Paulista, entworfen von der italienischen Architektin Lina Bo Bardi. Das 1968 eröffnete Gebäude mit dem größten freischwebenden Betonboden der Welt wird von vier knallroten Stahlträgern getragen. Der Platz unter dem Bau beherbergt einen Antiquitätenmarkt, der immer Sonntags stattfindet. Gern gehen wir schräg gegenüber in den wunderschönen Parque Siqueria Campos, eine kleine Oase, die den atlantischen Regenwald nachbildet. Einen Stopp beim Spaziergang durch das Zentrum sollte man im rundum verglasten Pavillon der„Cerqueiria Cesar“ einlegen (Rua Min. Rocha Azevedo 72). Hier trifft sich ein quirliges Publikum aus Geschäftsleuten, Models, Künstlern und anderen Szene-Leuten. Besonders empfehlenswert: die Caipirinha aus roten Beerenfrüchten.

Nicht weit weg davon befindet sich eines der berühmtesten Bauwerke von Oscar Niemeyer, das Edifício Copan, das auch in den 60er Jahren entstanden ist. Dieses wellenförmige Gebäude mit seinen markanten Sonnenblenden hat mehr als 5.000 Bewohner und bekam deswegen sogar eine eigene Postleitzahl. Den besten Blick darauf bietet die Dachterrasse des Edificio Italia gleich nebenan. Hier oben gibt es ein italienisches Restaurant mit einem Buffett. Wenn noch Zeit bleibt, sollte man im Zentrum die Galerien Vermelho und Choque Cultural besuchen. Dort bekommt man viel zeitgenössische Kunst zu sehen. Die beste Buchhandlung, in der ich oft Stunden verbringe, ist die Livraria da Vila. Sie befindet sich in einem phantastischen Gebäude des Architekten Isay Weinfeld.

Große Bedeutung hat für mich das in einem schönen Park gelegene „Museo do Ipiranga“ südöstlich des Zentrums mit seinen Exponaten aus der Kolonialzeit. Ich habe hier viel über die Geschichte Brasiliens und die Kultur der Indios gelernt. Die Indio-Sprache ist sehr bildhaft und die Kinder bekommen erst einen Namen, wenn sie 5 Jahre alt werden und sich ihr Charakter herauszubilden beginnt. Das Museum ist benannt nach dem Flüsschen Ipiranga, dessen Name aus dem Tupi-Guarani stammt und übersetzt „Roter Fluss“ heißt, in Anspielung auf die rote Erde, die bei Regenfällen das Wasser entsprechend einfärbt.

Der Designer:

Carlos Lichtenfels Motta ist leidenschaftlicher Surfer und zählt zu den wichtigsten Möbeldesignern Brasiliens. 1976 schloss er zunächst eine Ausbildung zum Architekten ab, ging dann für ein Jahr nach Kalifornien, um sich mit dem Werkstoff Holz und entsprechenden Konstruktionstechniken zu beschäftigen. 1978 gründete er sein eigenes Atelier im Künstlerviertel Vila Madalena in São Paulo. Motta stattete mit seinen Entwürfen immer wieder öffentliche Gebäude wie Museen und Kirchen aus, entwarf aber auch Einrichtungen für Restaurants und Büroetagen. Der heute 58-jährige wurde mit zahlreichen internationalen Designpreisen und Ausstellungen geehrt, lehrt seit 2000 Industriedesign an der Universität von São Paulo und ist Vater von vier Kindern. Bekannt wurde er vor allem durch seine Stühle aus massiven alten Hölzern, aber auch seine Objekte und Skulpturen finden weltweit Anerkennung. Sein Motto: Reduzieren, wieder verwenden und recyceln.

Carlos Motta in seinem Atelier.

Das Atelier von Carlos Motta im Stadtteil Vila Madalena

 

 

Der Fotograf:

Eric Bergeri, ursprünglich Biologe, hat seinen Sitz in Sao Paulo und ist eigentlich auf Mode- und Sportaufnahmen spezialisiert. Die Hochhausschluchten der brasilianischen Metropole haben es ihm besonders angetan. Seine Luftaufnehmen sind aus dem Hubschrauber heraus entstanden.

„Hätte ich die Fotos von meinem Sitz aus mit dem Weitwinkelobjektiv geschossen, hätte dies die Linien der Gebäude zu sehr verzerrt. Ausserdem wären die Rotorblätter mit ins Bild gekommen. Deswegen habe ich die Kamera unter der Maschine befestigt und mit einer Fernbedienung ausgelöst.“

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Fotograf:

Eric Bergeri, ursprünglich Biologe, hat seinen Sitz in Sao Paulo und ist eigentlich auf Mode- und Sportaufnahmen spezialisiert. Die Hochhausschluchten der brasilianischen Metropole haben es ihm besonders angetan. Seine Luftaufnehmen sind aus dem Hubschrauber heraus entstanden.

„Hätte ich die Fotos von meinem Sitz aus mit dem Weitwinkelobjektiv geschossen, hätte dies die Linien der Gebäude zu sehr verzerrt. Ausserdem wären die Rotorblätter mit ins Bild gekommen. Deswegen habe ich die Kamera unter der Maschine befestigt und mit einer Fernbedienung ausgelöst.“