Überlebensgroß, standhaft und aufrecht stehen sie nebeneinander: die Genossenschaftsbäuerin, der bewaffnete NVA-Soldat und der fahnenschwenkende Arbeiter aus dem volkseigenen Betrieb – drei Stützen der noch jungen Deutschen Demokratischen Republik. Auf 125 Metern Länge und sieben Meter hoch entfaltet das flächenmäßig größte Kunstwerk Europas die Vision einer sozialistischen Gesellschaft – als Mosaik. 800.000 Steine bilden den monumentalen Fries „Unser Leben“, der am Berliner Alexanderplatz das „Haus des Lehrers“ seit 1964 schmückt. An diesem repräsentativen Ort sollte die politische Botschaft des DDR-Staats in den Stadtraum ausstrahlen. Die Symbolik der gesellschaftlichen Aufbauarbeit spiegelt sich auf der Ebene des Materials. Jeder einzelne Stein fügt sich in das große Ganze und leistet seinen Beitrag zum „Gelingen“ des Werkes.

Die Sicis Orientale Collection mit dem Sessel Tenderly 4 in Form einer Rosenblüte.
Die Sicis Orientale Collection mit dem Sessel Tenderly 4 in Form einer Rosenblüte.

Das proletarische Sittenbild des Arbeiter- und Bauernstaates könnte in keinem größeren Gegensatz stehen zu den prunkvollen Mosaikwelten der italienischen Firma Sicis. Dennoch haben sie etwas gemeinsam: Der Wunsch nach Selbstdarstellung. Schon die römischen Patrizier ließen im 2. Jahrhundert ihre Stadtvillen und Landhäuser mit Mosaik-Teppichen auslegen. Die aufwändig gestalteten Panoramabilder historischer Schlachten oder mythologischer Szenen gaben Zeugnis vom Reichtum ihrer Besitzer. Sie sollten Bildung, Geschmack und Lebensart ausdrücken und durch die detailgetreue naturalistische Darstellung beeindrucken. Sicis, die „Art Mosaic Factory“ aus Ravenna, erfüllt und interpretiert diesen Anspruch auf moderne Weise. Mit ihren Mosaiken schafft sie eine perfekte Synthese aus Kunst und Dekor, Fashion und Lifestyle.

Die Designs von Sicis entstehen am Computer mit CAD-Technik und dienen als Vorlage. Der Mosaizist arbeitet jedoch frei und "malt" das Bild mit den Steinen ab.
Die Designs von Sicis entstehen am Computer mit CAD-Technik und dienen als Vorlage. Der Mosaizist arbeitet jedoch frei und „malt“ das Bild mit den Steinen ab.

Luxushotels weltweit lassen sich von dem norditalienischen Mosaik-Designer ihre Spa- und Wellnessbereiche nach dem Vorbild römischer Thermen oder orientalischer Bäder gestalten. Sicis verwandelt Pools in aquamarinfarbene Lagunen und prächtige Unterwasser-Blumengärten, deren Blüten unter der Wasseroberfläche zu schweben scheinen. Casinos, Hotellobbys, Suiten und Luxus-Malls schwelgen im Glanz ihrer gold- und silberdurchwirkten Mosaik-Wandverkleidungen, die regengleich von der Decke stürzen. Exotische Vögel und Schmetterlinge fliegen als Mosaikintarsien über Marmorböden. Geometrische Bordüren in griechisch-römischer Tradition oder überdimensionale Paisley- und Lilienmuster breiten sich als steingewordene Teppiche und Läufer auf dem Boden aus. Ob im Burj Al Arab Hotel in Dubai, im Bellagio Casino in Las Vegas, im Meridien Hotel in New Delhi oder in luxuriösen Privatvillen und Resorts – die Sicis-Mosaike schaffen Räume von atemberaubender Opulenz.

In Ravenna an der italienischen Adriaküste werden sie erschaffen. Die kunsthandwerkliche Technik hat hier eine lange Tradition. Unter der Herrschaft der byzantinischen Kaiser entstanden zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert die hervorragendsten Beispiele christlicher Mosaik-Kunst. Es war das göttliche Licht, dass die Mosaiksetzer, die „Mosaicisti“, mit den farbigen Glassteinchen inszenierten und zu prachtvollen Christus- und Marien-Bildnissen zusammensetzten. Das alte Wissen um die Leuchtkraft der Farben, das Spiel der Lichtbrechung, den Schliff der Steine und ihre Anordnung in der Ebene wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in neu gegründeten Werkstätten wieder belebt. So wundert es nicht, dass die bedeutendsten Mosaik-Hersteller Italiens heute wieder in Ravenna und Venedig, der Stadt des Murano-Glases, ansässig sind.

Alles begann mit einer Wette: Sicis-Gründer und Präsident Maurizio Leo Placuzzi arbeitete 1987 für ein italienisches Fliesenunternehmen, als ein saudi-arabischer Kunde ein einzigartiges und zugleich genuin italienisches Produkt für die Innendekoration seines Hauses verlangte. „Aus unserer Sicht waren damals Mosaike ein ziemlich billiges und hässliches Produkt, um damit die Wände von Badezimmern zu verkleiden“, schmunzelt Placuzzi während des Rundgangs durch seine Fabrik. „Ohne dass ich allzu viel davon verstand, gab ich zu verstehen, das ich ihm das selbstverständlich liefern würde“. Der charismatische Kaufmann fuhr zurück, engagierte junge Absolventen der Mosaik-Kunstakademie Gino Severini und gewann mit dem farbenprächtig-leuchtenden Bild eines Tigers im Dschungel den Auftrag. Eine Idee war geboren und damit ein Unternehmen.

Treppenhaus mit Mosaik
Treppenhaus mit Mosaik.

Wie vor Jahrhunderten besteht das wesentliche Know-how darin, das Material zu beherrschen. „Zunächst konnten wir nur mit Glas und Marmor arbeiten“, verrät Placuzzi. „Die Handwerker hatten erst einmal keine Vorstellung davon, welche Wertschöpfung sich eigentlich aus ihren Fähigkeiten ergeben könnte, und die Architekten verbanden Mosaike vor allem mit einer sakralen, lange zurückliegenden Welt, mit der sie nichts zu tun haben wollten“, erinnert er sich. „Mir wurde in diesem Moment klar, dass wir eine ziemlich große Aufbauarbeit zu leisten hatten und mit einem anderen, modernen Anspruch an die Gestaltung und künstlerische Qualität herangehen mussten, um Erfolg zu haben.“

Kaminwand mit Mosaik

Doch Placuzzi lernte schnell, entwickelte im Laufe der Zeit verschiedene Verfahren, um das aufwändige und teure Kunsthandwerk an die Erfordernisse einer industriellen Produktion anzupassen und zugleich größte Freiheit im Design zu erlangen.

Handarbeit mit vergoldeten Mosaiken
Handarbeit mit vergoldeten Mosaiken.

„Bei den alten Römern gab es Sklaven, die vor Ort Steinchen auf Steinchen zu opulenten Bildnissen zusammensetzen“, sagt er. „Wir brauchten andere Produktionsprozesse von der Erstellung der Materialien über die künstlerische Gestaltung bis hin zur Endfertigung und Transportlogistik“, so Placuzzi. Neue Materialien für die Tesserae, die Glassteine, mussten entwickelt und die Farbpalette ausgeweitet werden. Denn der Kreationsprozess umfasst, wie in der Modeindustrie, alle Produktionsphasen. „Wir entwerfen eine Blume, erschaffen das Ornament oder Dessin, bestimmen die Farben und legen das „andamento“ fest, das heißt, das für das Motiv adäquate Legemuster der Tesserae“, erläutert Placuzzi. Dann wird das Material geschaffen: das geeignete Glas mit seinen spezifischen Farb- und Leuchteigenschaften. Denn ein Mosaik soll jedem Motiv, jedem Ornament und jedem Dekor Tiefe und Strahlkraft verleihen. Es sind seine Licht- und Schattenabstufungen, die das emotionale Raumerlebnis schaffen.

Paneele mit Goldmosaik 24 Karat.
Paneele mit Goldmosaik 24 Karat.

Heute stellt Sicis elf verschiedene Glaskollektionen her, jede in über 200 Farbnuancen: durchsichtig schimmerndes Waterglass, vielfarbig irisierende Glimmer- und Iridiumsteine, traditionelle Murano-Smalti oder dreidimensionale, geschliffene Diamond-Gläser. Der Herstellungsprozess ist patentiert und wird wie ein Staatsgeheimnis gehütet.

Denebol-Mosaike aus Blau und Gold prägen den Charakter dieses Hotel-Spas in Melbourne, Australien
Denebol-Mosaike aus Blau und Gold prägen den Charakter dieses Hotel-Spas in Melbourne, Australien.

In der Sicis-Zentrale in der Via Canala können die Kunden bei der Entstehung ihres Mosaiks zusehen. Von einer umlaufenden Galerie aus schaut man von oben herab in die Mosaik-Werkstatt. Dort werden an großen Arbeitstischen oder direkt auf dem Hallenboden verschiedene Mosaike parallel gefertigt. Die Designs entstehen am Computer mit CAD-Technik und dienen als Vorlage. Der Mosaizist arbeitet jedoch frei und „malt“ das Bild mit den Steinen ab. Je nach Motiv wendet er unterschiedliche Legetechniken an. Gerade Rasterlinien erzeugen einen statischen Eindruck und sorgen für ruhige Hintergründe. Bogenmuster bringen hingegen Bewegung in das Bild. Und für die kontrastreiche Abgrenzung von Figuren werden die Konturenlinien mit kleinen Steinen nachgezeichnet. Bedeutsam für die Technik des Mosaiks ist der Eindruck aus der Sichtdistanz. Die Entfernung des Betrachters und der Winkel, aus dem heraus er das Mosaik wahrnimmt, werden bei der Anfertigung des Mosaiks präzise einkalkuliert.

Wandschmuck im Bad einer Privatresidenz in St. Petersburg, Russland
Wandschmuck im Bad einer Privatresidenz in St. Petersburg, Russland.

„Die große Herausforderung in der modernen Mosaik-Produktion besteht darin, das fertige Werk an Ort und Stelle zu bringen“, sagt Placuzzi. Was für einen Fliesenspiegel im Bad keine große Schwierigkeit darstellt, ist für das Abbild eines japanischen Kranichs oder für ein komplexes florales Muster aufwändiges Unterfangen. Eine spezielle Klebefolie bildet das Kernstück der Sicis-Fertigungstechnik, die als „doppio indiretto“, als doppelt indirekt bezeichnet wird. Auf ihr werden die Steine „mit dem Gesicht nach unten“ gesetzt und rückseitig mit einer speziellen Acrylmischung fixiert. Das Mosaik wird in der Werkstatt komplett zusammengesetzt und dann wieder in 1,50 m x 1,50 m große Einzelteile zerlegt. Transportsicher verpackt und mit einer Bauanleitung versehen, wird es von Ravenna in alle Welt versendet.

Stoff von Francesca Fabbri
Stoff von Francesca Fabbri.

Mit diesen technischen Innovationen und der Kreativität seiner Designer und Mosaizisten hat sich das Unternehmen inzwischen an die Weltspitze des Mosaik-Dekors gesetzt. Der Modeindustrie näher als der Innenarchitektur, ist Sicis eine Luxusmarke für Raumgestaltung. Sie wird wie ein Mode-Label geführt: Mosaik-Kollektionen von international bekannten Designern, Schmuck und Uhren aus filigranem Mikromosaik, extravagante Design-Möbel mit Mosaikapplikationen und kostbare Innendekorationsstoffe erweitern heute die Produktlinie. Showrooms in London, Paris, Tokio oder New York betonen Sicis‘ Anspruch, das Mosaik in eine künstlerische Sprache für exklusive Lebensart zu verwandeln. „Wir sind hier, um Neues zu kreieren, zu produzieren und zu erfinden“, betont Maurizio Placuzzi. „Erfinden, das ist die DNA von Sicis.“

Wandmosaik in einer russischen Privatresidenz aus der Orientale-Collection
Wandmosaik in einer russischen Privatresidenz aus der Orientale-Collection.

Zur Person

Der ehemalige Fußballspieler Maurizio Leo Placuzzi hat in knapp 30 Jahren mit Sicis neue Maßstäbe für die Gestaltung, Fertigung und Verarbeitung von Mosaik gesetzt. 220 Mitarbeiter, 60 davon im künstlerischen Bereich, arbeiten in Ravenna an der Entwicklung und Produktion von Kollektionen, die auf den Geschmack der jeweiligen Absatzmärkte abgestimmt sind. Zu den wichtigsten zählen China, die USA, Russland und der arabische Raum. Sicis ist dabei ein Familienbetrieb geblieben. Ehefrau Morena Placuzzi wirkt in der Verwaltung mit, während Tochter Gioia für die Uhren- und Schmuck-Linie verantwortlich ist. Mit der Sicis Art Gallery lässt die Firma Kunstwerke wie „Die Erschaffung Adams“ von Michelangelo oder das Beethovenfries von Gustav Klimt von seinen Mosaizisten neu interpretieren.

Maurizio Leo Placuzzi, Gründer und President von Sicis in Varenna.
Maurizio Leo Placuzzi, Gründer und President von Sicis in Varenna.

http://www.cicis.com