Welche Rolle spielen unsere Emotionen bei Geldgeschäften?

Die Entwicklung der Konjunktur, die Fundamentaldaten der Unternehmen, die technische Analyse der Charts – dies sind Informationen, die Anleger häufig für Ihre Anlageentscheidungen heranziehen. Neben den sachlichen Fakten ist aber auch der Bauch, die menschliche Psyche, ausschlaggebend für den Anlageerfolg. Die Wissenschaft „Behavioral Finance“ widmet sich schon seit längerer Zeit diesem Phänomen. Ihre Grundaussage: Anleger neigen zu nicht rational begründbaren Verhaltensmustern, die sich maßgeblich in ihren Anlageentscheidungen niederschlagen.

Der Kapitalmarkt-Analytiker Martin Utschneider ist für die Privatbank Donner & Räuschel tätig

Wie stark beeinflussen Stimmungen unsere Urteilsfindung?

Stimmungen und menschliches Denken stehen in einer engen Wechselbeziehung. Unsere Gedanken beeinflussen die Stimmung und die Stimmung nimmt wiederum Einfluss auf die Bewertung von Sachverhalten. In gedrückter Stimmung erwartet man positive Ereignisse eher mit niedriger Wahrscheinlichkeit, negative Ereignisse dagegen mit hoher Wahrscheinlichkeit. Diese Stimmungen beeinflussen auch unsere Anlageentscheidungen.

 Und wenn man gut drauf ist?

Glückliche Menschen sind entscheidungs- und risikofreudiger, neigen eher zur Selbstüberschätzung und übersehen gern Detailinformationen. Verluste stecken sie eher weg. Eher depressive Menschen sind detailorientiert und unentschlossen, Verluste wollen sie möglichst vermeiden.

Warum bereut man eigentlich Fehler häufig stärker als Nichtstun?

Reue verbindet den Schmerz über einen Verlust mit einem Gefühl der Verantwortung dafür. Der Mensch versucht daher, Fehler zu vermeiden, um nicht mit dem Gefühl des Bedauerns konfrontiert zu werden. Anstehende Entscheidungen, die unter Unsicherheit getroffen werden müssten, werden nicht getroffen. So vermeidet man, sich eigene Fehler einzugestehen und einst getroffenen Entscheidungen revidieren zu müssen.

 

Utschneider schwört auf das sogenannte Renditendreieck auf Basis des DAX.

Wie macht sich das im Anlageverhalten bemerkbar?

Die Folgen des Fehlverhaltens werden höher bewertet als die des Nichtstuns. Eine im Verlust stehende Position wird nicht verkauft, da man sich selbst einen Fehler beim Kauf eingestehen müsste. Dies bekommt der Anleger am Ende häufig teuer zu spüren. Eine Entscheidung, ein Wertpapier zu behalten ist nichts anderes, als eine virtuelle neue Kaufentscheidung für das selbe Wertpapier. Damit steht auch im Raum, sich für ein besseres Asset zu entscheiden.

Umgekehrt können Entscheidungen aber auch dadurch zu Stande kommen, weil Anleger das Gefühl des Bereuens fürchten, wenn sie eine sich als lohnend erweisende Investition verpassen.

Welche Rolle spielen die Ängste vor Verlust?

Die Verhaltensökonomen haben herausgefunden, dass uns mögliche Verluste stärker schmerzen, als uns Gewinne glücklich machen. Für die meisten ist es unangenehmer, 100 Euro zu verlieren, als dass sie der Fund von 100 Euro freuen würde. Daher werden Wertpapiere, die sich schlechter als erwartet entwickeln, nicht verkauft, sondern bleiben im Depot. Verluste werden nur ungern realisiert. Dies führt dann letztlich zu Verdrängungseffekten bei der Geldanlage.

Wie stark beinflussen kulturelle Faktoren unsere Anlageentscheidungen?

Obwohl jeder Anleger recht einfach beinahe jedes Wertpapier dieser Welt handeln kann, ist immer wieder festzustellen, dass dies nicht getan wird. Eine Konzentration auf den Heimatmarkt und bekannte Branchen ist offensichtlich. Die Vertrautheit erzeugt in uns ein Gefühl der Sicherheit. Eine weitere psychologische Falle. Das A und O der Vermögensanlage ist die Risikostreuung. Diese sollte nicht nur über verschiedenen Anlageklassen erfolgen, sondern ebenso über diverse Regionen und Branchen.

Welche Reaktionen lösen Gewinne und Verluste in unserem Körper aus?

Selbst solide Fakten gehen immer durch den Filter unserer persönlichen Erfahrung, sie werden emotional interpretiert. Übertragen auf die Kapitalmärkte heißt dies: Nach einer längeren Phase ohne nennenswerte Risiken neigen wir dazu, diese unterzubewerten. Haben wir jedoch erleben müssen, wie risikoreich eine Anlage sein kann, sehen wir eher das Risiko im Vordergrund als die Chance. Beides ist für die Bestimmung der langfristigen Anlagestrategie jedoch fatal.

 Was kann man dagegen tun?

Eine objektive Betrachtung ermöglicht das so genannte Renditedreieck für den Deutschen Aktienmarkt auf Basis des DAX, welches das Deutsche Aktieninstitut (DAI) regelmäßig veröffentlicht. Anleger können darin beliebige Ein- und Ausstiegszeitpunkte definieren und sowohl den tatsächlichen Renditeverlauf in diesem Zeitraum als auch die Schwankungen ihrer Aktienanlage ablesen.

Also eine Art „Frühwarnsystem“…

Donner & Reuschel hat diesen Ansatz weiterentwickelt und weitere Anlageklassen aufgenommen. Mit dem „Rendite-Risiko-Radar“ wird der emotional interpretierte Begriff Risiko realistisch deutlich. Die Anwendung ist sowohl online unter www.donner-reuschel.de als auch als App für iPhone und iPad unter dem Namen „myReturn“ kostenlos erhältlich.

Fakten sind das eine. Aber können im Geschäftsleben nicht auch gefühlsmäßige Einschätzungen ein wichtiger Indikator sein?

Klar. Emotionen sind ein grundlegender Bestandteil unseres menschlichen Wesens. Sie dominieren unseren Alltag, denn wir bewerten meist unbewusst jede Situation mit Hilfe unserer Gefühle. Wer sich seine Gefühle bewusst macht und dadurch sich und die anderen Marktteilnehmer besser versteht und typische Eigenarten kennt, kann Investmentfehler vermeiden, sofern er seine Anlagen nicht lieber direkt von Profis managen lassen möchte.

Interview: Thomas Garms

ZUR PERSON

Martin Utschneider (40) arbeitet als Abteilungsdirektor in der Kapitalmarktanalyse der Privatbank „Donner & Räuschel“. Er verfügt über umfassende Erfahrung in der Wertpapierbetreuung internationaler Private Banking- und Wealth Management-Klientel. Zudem ist er für diverse zertifizierte Weiterbildungsakademien und eine Hochschule als Fachdozent und Prüfer tätig.

www.donner-reuschel.de