Der DB11 mit einer muschelförmigen Motorhaube vor dem Schloss von Versailles.

Mal unter uns: Eigentlich kommen wir nicht darum herum, die Geschichte über einen neuen Aston Martin unter Verweis auf den britischen Geheimagenten James Bond mit seinen durch allerlei Gadgets aufgepeppten Dienstwagen zu erzählen. Zumal „Spectre“ ein wirkungsvoller Appetitanreger war. Trotzdem sollten wir es jetzt für einmal versuchen, den guten alten 007 wegzulassen. Unsere Geschichte beginnt in Versailles vor einer angemessen distinguierten Schlosskulisse im Frühnebel. Hier steht das Prachtstück in Magnetic Silver, gut ausgeschlafen, hochglanzpoliert und vollgetankt. Wir nähern uns und der Blick geht erst einmal nach unten, in Richtung geschmiedeten Zwanzigzöllern mit ihren jeweils zehn Speichen, die uns in den nächsten Stunden durch die Kurven tragen werden. Dann das Öffnen der Tür. Warmes, üppiges, schön abgestepptes Leder in einem sonnigen Braunton wartet. Sahara Tan. Die Kopfstützen ziert das eingestickte Aston-Martin-Logo. Das Sitzgefühl: fest, aber bequem.

Das 1984 modernisierte Logo mit etwas runder gewordenen Flügelspitzen.

Das Steuer, ebenfalls lederbezogen, liegt gut und insbesondere voll in der Hand. Friedlich, fügsam, geschmeidig. Das Cockpit: aufgeräumt. Ein Aston Martin macht niemals viel Lärm um nichts. Kein wie Streusel auf einem Kuchen verteiltes Sammelsurium von Schaltern und Knöpfen. Die Anzeige des TFT-Kombi-Instruments strahlt einen technologischen Look aus, während die Mittelkonsole die Form einer weichen Kaskade besitzt, die vom Armaturenbrett bis zum Getriebetunnel fließt. Weiche Linien in der Kabine sorgen für Eleganz, die sowohl geräumig als auch gemütlich wirkt, jedoch nicht überladen. Ein Handschuhfach auf der Beifahrerseite gibt es nicht. Platz für unverzichtbare persönliche Utensilien bietet stattdessen ein bemerkenswert geräumiges, mit Stromversorgung ausgestattetes Staufach auf dem Getriebetunnel.

Der Sound des Zwölfzylinders demonstriert ein ausgeprägtes Territorialverhalten.

Zeit, den Startknopf zu drücken. Er befindet sich optisch herausgehoben in der Mittelkonsole. Jetzt ist der Moment der Wahrheit gekommen, jetzt erleben wir, was es heißt, einen Zwölf-Zylinder-Motor mit 5,2 Liter Hubraum, zwei Turboladern und 608 Pferdestärken in den Wachzustand zu versetzen. Wie von einem Sportwagen dieser Kampfklasse nicht anders zu erwarten, demonstriert das Triebwerk ein ausgeprägtes Territorialverhalten. Allerdings nicht grell, nicht giftig, sondern mit der satten Überzeugungskraft eines Schwergewichts, das es nicht nötig hat, sein Umfeld mit theatralischer Geste in Angst und Schrecken zu versetzen. Und vornehm, wie die Briten nun einmal sind, haben die Ingenieure aus Gaydon dem DB11 sogar die neue Funktion „Leises Starten“ („Quiet Start“) spendiert. Diese sorgt für einen zurückhaltenden Klang beim Motorstart, bei dem das sonst übliche, stürmische Aufheulen des V12 unterbunden wird. Die Einstellung GT regelt den Geräuschpegel auf ein befriedigendes Brummen, während die Einstellungen Sport und Sport Plus den Pegel steigern.

Der riemenähnliche Diffusor im Frontkotflügel reduziert den Auftrieb.

Inzwischen haben sich auch die anderen Kollegen in ihren Fahrzeugen eingerichtet und der Tross setzt sich in Bewegung. Ziel der Ausfahrt ist die Normandie mit ihren wunderschönen Panoramen, genauer gesagt die Hafenstadt Honfleur. Dort befindet sich die Ferme Saint Siméon, ein schmuckes Gasthaus aus dem 17. Jahrhundert mit exzellenter Küche. Da die Adrenalinausschüttung während Sportwagen-Testfahrten die Energiedepots erfahrungsgemäß rasch zu leeren pflegt, soll hier zur Mittagszeit der Hunger der Automobilisten gebührend gestillt werden. Aber bis dahin sind erst einmal 200 Kilometer Strecke zu bewältigen, auf die Verkehrsregeln zu achten, keine Beulen in die Boliden zu fahren und vor allem den juckenden Gasfuß im Zaum zu halten. Letzteres kostet uns ehrlich gesagt ziemlich Überwindung. Hoffentlich gibt es auf der A13 keinen Stau. Die Autobahn führt malerisch durch das Seine-Tal, aber diesmal liegen die Prioritäten gewiss nicht auf der Landschaft. Die gesamte Aufmerksamkeit gilt dem Fahrzeug. Es passiert, was im Idealfall passieren soll, wenig Verkehrsaufkommen, und in kürzester Zeit haben wir Freundschaft geschlossen mit diesem Grand Tourismo.

Ziel der Ausfahrt ist die Normandie mit ihren wunderschönen Panoramen

Schon bald wird klar, warum Aston Martin große Hoffnungen auf den Neuling setzt. Als erstes Produkt, das im Rahmen des „Second Century“-Plans des Unternehmens das Licht der Welt erblickte, ist der DB11 als kühnes neues Aushängeschild des DB-Stammbaumes gedacht und damit ein authentischer, dynamisch-sportlicher GT in bester Aston-Martin-Tradition. Das wird schon äußerlich sichtbar. Mit frischen Designmerkmalen verfolgt der DB11 zahlreiche neue Ansätze im Zusammenspiel zwischen Form und Funktion. Hervorzuheben sind dabei die nach vorn aufklappbare Motorhaube, die unverkennbaren LED-Frontscheinwerfer und die akzentuierte Optik des ikonischen Kühlergrills.

Das aufgeräumte Cockpit des DB11 wartet mit handgestepptem Leder auf.

Das Profil zeigt sich geradezu dramatisch, insbesondere dank der Dachleisten, die in einer ununterbrochenen Linie von der A- zur C-Säule fließen. Die klaren Formen setzen sich am Heck mit einer schräg abfallenden Hecklappe fort. Sie fügt sich nahtlos in die scharf gestalteten Heckleuchten ein und kreiert so ein neues und unverwechselbares Bild. Eine zentrale Rolle in dieser ästhetischen Revolution spielt die innovative Aerodynamik. Der Luftstrom wird sowohl über als auch durch die Karosserie gelenkt und trägt so zur Fahrzeugstabilität bei, ohne die aufgeräumten Oberflächen des DB11 zu beeinträchtigen.

Aoeroblade statt Heckspoiler.

An der Front wird der Auftrieb durch den kiemenähnlichen Diffusor, den „Curlicue“, reduziert. Er lässt den innerhalb des Radkastens entstehenden Druck über einen in den Seitenleisten verborgenen Luftschlitz ab. Gleichzeitig wird der Auftrieb am Heck durch den sogenannten AeroBlade vermindert; einen virtueller Spoiler, der von dezenten Lufteinlässen am Fuß der beiden C-Säulen angeströmt wird.

Der Grand Tourismo in Fahrt.

Von wahrhaft titanischem Ausmaß ist das Leistungsspektrum des neuen Triebwerks. Dieses macht den DB11 zum dynamischsten und am schnellsten beschleunigenden Modell der Marke. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 320 Stundenkilometer und von null auf 100 Kilometer pro Stunde sprintet der majestätische 1,8-Tonner in lediglich 3,9 Sekunden. Um die immense Leistung des Twin-Turbo-V12-Motors zu nutzen, wurden Chassis, Aufhängung, Lenkung und Elektronik des DB11 von Grund auf neu konzipiert und in neuen Technologien aufgegriffen.

Von wahrhaft titanischem Ausmaß ist das Leistungsspektrum des neuen Triebwerks

Es ist der Zeitpunkt gekommen, das vernünftig auszuprobieren. Deshalb jagen wir unser Fahrzeug beherzt von der nächsten Autobahnabfahrt runter auf die Landstraße. Sprints auf der kurvigen und hügeligen Strecke erlauben es uns, über die drei verschiedenen Dynamik-Modi – GT, Sport und Sport Plus – schrittweise das Reaktionsverhalten des Motors zu steigern. Auch wenn das automatische Acht-Gang-Getriebe für jede Fahrsituation die richtige, perfekt abgestimmte Antwort weiß, macht es höllisch Spaß, mit den Flappy Paddles seine ganz eigene Drehzahl-Choreografie zu bestimmen. Mal rennt der DB11 davon, kann gierig und wild sein, mal verwandelt er sich in ein Schmusekätzchen, welches die Passagiere komfortabel vor sich hin rollen lässt. Der DB11 ist ein Supersportler, aber auch ein wirklicher Tourenwagen zum Reisen. Alltagstauglich ist er sowieso. Von so viel Vielseitigkeit überwältigt, lächeln wir selig in uns hinein.

Ziel in der Normandie: Das Ferme Saint Siméon, ein Gasthaus aus dem 17. Jahrhundert.

Ob Markenbotschafter Daniel Craig auch in Zukunft den Agenten 007 geben wird, scheint da fast egal. Aston Martin, das spüren wir fest, ist als Symbol des gelassenen angelsächsischen Lifestyles inzwischen stark genug, um sich nicht um jeden Preis an eine nahkampferprobte Filmfigur anlehnen zu müssen. Auch sportwagenbegeisterte Frauen von Welt, die üblicherweise mehr Wert auf Klasse denn auf den pompösen Showeffekt legen, wurden von Aston Martin als interessante Zielgruppe identifiziert. Nicht ohne Grund besitzt der 2+2-Sitzer vollständig integrierte ISOFIX-Montagepunkte auf den Rücksitzen für zwei Kindersitze sowie einen Kofferraum, der groß genug ist, um zwei große Reisetaschen und ein Handgepäcksstück unterzubringen.

Das Typenschild ziert die Einstiegsleiste.

INFO

Motor 5,2 Liter Twin Turbo V12

Beschleunigung 0 auf 100 Kilometer pro Stunde in 3,9 Sekunden

Höchstgeschwindigkeit 322 Kilometer pro Stunde

Leistung 447 Kilowatt (600 bhp/608 PS)

www.astonmartin.com