Ausverkauft, nur noch als Gebrauchtwagen zu haben. Sobald McLaren einen neuen Supersportler ankündigt, unterschreiben sich die Schecks der Kundschaft angeblich wie von selbst. Irgendwas scheinen die Briten richtig zu machen. Denken wir nur an den P1, 2013 auf dem Genfer Automobilsalon präsentiert. Kaum meldet der Hersteller die ersten Daten, schon ist der Briefkasten für die Orders verstopft. Man spricht von Blankoschecks, von Anrufen und Mails aus allen Ecken der Erde. Eine Million Euro, 375 Autos. Wir rechnen zusammen und stellen fest, dass es läuft in Woking. 916 PS aus zwei Motoren, 350 Stundenkilometer abgeregelt. Ein Hybrid-Supersportler wie aus dem Bilderbuch.

Mit geöffnetem Verdeck rennt der LET immer noch mit 315 km/h über den Asphalt.

Ein paar Jahre später. Der Name: Speedtail. Diesmal soll der Wagen 403 Stundenkilometer schaffen. 106 werden gebaut. Wieder ausverkauft, bevor ein Kunde den Wagen auch nur streicheln konnte. Drei Sitze, einer vorn plus zwei hinten. Also genau wie im F1. Das Layout verspricht puren Futurismus, Luftführung wie im Scifi-Film. Innen: eine einzige Hommage an die Zukunft. Wer hier Platz nimmt, erwartet, dass der Brite nicht nur schnell ist, er erwartet, dass das Publikum applaudiert.

Rennwagen transportieren uns in den Himmel oder in die Hölle. Genau das weiß man bei McLaren.

Die Zeiten der harten Jungs in noch härteren Sportwagen scheint vorbei, die Zeit der digitalen Härte ist angebrochen. Ein V8 mit Biturbo, das Herz eines jeden McLaren, schlägt immer noch unerbittlich und unermüdlich hinter den Köpfen der Insassen. Das Kraftwerk katapultiert den Wagen von Kurve zu Kurve, um dann, mit reichlich cleverer Computertechnik, einem Skalpell gleich die Biegung in Quadratmillimeter einzuteilen. Die Rennstrecke wird zum Seziertisch, der Fahrer zum Operateur. Und das Runde für Runde, Kilometer für Kilometer. Kein anderer Hersteller ist auf diesem Gebiet derart routiniert und gleichzeitig so kreativ.

 

Seitenhalt und eine versenkbare Glasscheibe für den perfekten Sound im Ohr.

Rennwagen lassen sich in aller Regel auf die Rennstrecke transportieren. Kommod in der rollenden Garage zur Boxengasse gebracht und dann auf die Strecke gerollt. Vorab der Check, ob alles passt. Ein Supersportler, dem man die Schuhe anzieht, der von vorn bis hinten gehätschelt werden muss. Sensibel sind sie, Göttinnen zuweilen. Und irgendwie auch faszinierend, weil immer den Himmel in Griffnähe, mit den Kerbs auf Tuchfühlung und auf die Zielflagge als höchstes Gut zustürzend.

Lifestyle im Rennanzug. Beim 720S Spider lässt sich das gläserne Dach per Knopfdruck verdunkeln.
Verdunkeltes Dach beim 720S Spider.

Außer Atem, mit glühenden Bremsscheiben und klatschnass geschwitzten Piloten an Bord. Jedes Zehntel eine Ewigkeit, jeder Millimeter eine Weltreise und jeder Fehler ein Totalschaden. Tränen der Ergriffenheit beim Sieg, Tränen der Wut, wenn nur einer diesen schicksalshaften Moment schneller war.

 

Geschmiedete Felgen machen das Bild perfekt.

Rennwagen schicken uns in den Himmel oder in die Hölle. Genau das weiß man bei McLaren und genau das baut man im Werk in Woking in die Supersportler mit Straßenzulassung ein. Drama und Tragödie, Triumph und Niederlage oder ganz einfach: Emotionalität jenseits der Normalität zwischen Ampelstopp und Bürogarage.

 

Der 720S Spider bei der Testfahrt in Arizona.

Irgendwo bei Phoenix in Arizona. Vor uns der 720S und der 600LT Spider, letzterer ein Rennstreckenspezialist mit Straßenzulassung. Zwei Supersportler aus dem hypermodernen Kreissaal in Woking, strotzend vor Kraft. Beide locken mit dem Aussehen modernster Gladiatoren und verwöhnen mit dem Komfort, der den Alltag mehr als erträglich machen kann. Die Landstraße ist ihr Zuhause, die Rennstrecke ihr Spielplatz. Anders als der Speedtail allerdings zwei Autos, die man tatsächlich beim Händler ordern und später auch mit nach Hause nehmen kann.

Das Getriebe sortiert die Gänge nicht mehr, es katapultiert sie nahezu unbemerkt in die richtige Reihenfolge 

Der 720S Spider ist das Fragezeichen mit den 720 PS, den 341 Stundenkilometern und den mit einem Lächeln abgespulten 100 Stundenkilometern in 2,9 Sekunden. Das Verdeck ist in elf Sekunden fast lautlos in seinem Versteck hinter den Sitzen verschwunden und die Fahrt durch Arizonas Landschaft wird zum Roadtrip mit zutiefst überzeugt angezogenen Bremsen, weil bei Höchststrafe limitiert und per Helikopter überwacht. Ein wildes Biest im Maßanzug und mit der Aura eines Briten der Neuzeit, der erst lässig, fast arrogant den Bordstein entlang schlendert, die Schaufenster inspiziert und dann wie aus dem Nichts um die Ecken fliegt, als hätte er gerade ein paar Kronjuwelen eingesteckt. Er gab kurz Gas, dann war er weg. Kronjuwelen haben wir nicht mitgenommen, aber um die Ecken flogen auch wir.

Aufgeräumt, puristisch: Das Cockpit des 720S Spider stellt Handling und Fahrspass in den Mittelpunkt.

Dann der 600LT. Der vierte McLaren in zwei Jahrzehnten, der die Bezeichnung LT – Longtail – trägt. Wie seine Vorgänger hat er nur ein Ziel: Performance und Fahrerlebnis bis ans absolute Limit. Dieses Fahrzeug ist nichts für schwache Nerven, es setzt neue Maßstäbe, ist mithin die schnellste, leistungsstärkste und extremste Sports Series aller Zeiten.

 

Schalter für das einteilige Dach des 720S Spider. Es öffnet und schliesst sich in elf nahezu lautlosen Sekunden.

Rund 150 Meilen liegen hinter uns. Zum Aussteigen den Sitz ganz weit nach hinten fahren, einen Fuß auf den Asphalt stellen, vorher die Scherentür nach oben laufen lassen. Ein kurzer Schwung und man steht neben dem Wagen. So einfach, so bequem und immer einen Tick lässiger als es die Zuschauer erwarten. Alltagstauglichkeit nennt man das. Und genau das ist für viele Kunden ein Thema. Niemand will wie ein betrunkener Mops aus dem Wagen kullern. Vorn, unter der Haube, liegen die Reisetaschen, hinten sitzt der V8 in lauernder Erwartung, denn die Tour auf der Landstraße war eine Fingerübung. Rennstreckenmomente sind nicht nur das Salz in der Suppe, sie sind das komplette Gewürzboard.

 

Die Spreizung ist da Thema der Stunde. Genau hier, auf der Start-Ziel-Linie, nach zwei Stunden Stadt-Land-Highway-Fahrt, dem unumstrittenen Diktat des Tempolimits und dem Schlendern durch winzige Orte, über uns die Insassen von gigantischen Pick-ups und deren Blicke nach unten. Ob wir genug sehen? Na klar. Wir schauen einfach unter dem Pick-up durch. 600 oder 720 PS im Gewühl von Phoenix. Der Wagen spaziert wie der beste Freund des Menschen an der Leine. Präzise, nicht zu laut, sauber und bestens trainiert. Und dann: auf den Track. Der Seitenhalt der Sitze rückt plötzlich in den Vordergrund. Die Räder der Turbolader kommen so richtig in Wallung, das Getriebe sortiert die Gänge nicht mehr, es katapultiert sie nahezu unbemerkt in die richtige Reihenfolge. Die Lenkung so präzise wie der beste Laser und die Reifen haben den Asphalt geheiratet.

 In Woking entstehen emotionale Präzisionswerkzeuge mit dem Habitus des Extraordinären.

Road und Track, genau hier liegt der Pfeffer auf dem Steak. McLaren baut keine Sportwagen. In Woking entstehen emotionale Präzisionswerkzeuge mit dem Habitus des Extraordinären, ohne den berüchtigten Bling-Bling-Faktor. Beim Speedtail oder P1 hängt das Preisschild nicht am Kühlergrill. Es baumelt in der Ablage der Mittelkonsole und wer einmal einen 720S Spider oder den schärferen 600LT Spider bewegt hat, wird einen Speedtail oder den P1 als exponentielle Steigerung sehen. Dass manch einer eine deutliche Wertsteigerung in den nächsten Jahren erwartet, ist logisch, aber nicht zwingend. Dafür dürfen in ein paar Jahren 106 Menschen Führungen durch ihre Garagen anbieten. Vor allem der Speedtail hat das Potenzial zur Blaupause für zukünftige Modelle aus Woking.

TEXT// RALF BERNERT

Angaben des Herstellers

McLaren 720S Spider

MotorV8-Biturbo

Hubraum3.994 ccm

Leistung527 kW/720 PS bei 7.250 U/min

Drehmoment770 Nm bei 5.500 U/min

AntriebHinterräder

Getriebe7-Gang-DKG

(ROTES KANN BEI BEIDEN RAUSGELASSEN WERDEN, WENN DER PLATZ NICHT REICHT)

Länge4.544 mm

Breite2.161 mm mit Spiegel

Höhe1.194 mm

Leergewicht1.332 kg

Fahrleistung0–100 km/h in 2,9 s

Fahrleistung0–200 km/h in 7,9 s

Höchstgeschwindigkeit341 km/h

Verzögerungvon 100 auf 0 km/h30 m

Verbrauch nach WLTP kombiniert12,9 l/100 km

CO2293 g/km

Preis in Deutschlandab 273.000 Euro inkl. Steuer

 

McLaren 600LT Spider

MotorV8-Biturbo

Hubraum3.799 ccm

Leistung441 kW/600 PS bei 7.500 U/min

Drehmoment620 Nm bei 5.500 bis 6.500 U/min

AntriebHinterräder

Getriebe7-Gang-DKG

Länge4.604 mm

Breite2.095 mm mit Spiegel

Höhe1.196 mm

Leergewicht1.297 kg

Fahrleistung0–100 km/h in 2,9 s

Fahrleistung0–200 km/h in 8,4 s

Höchstgeschwindigkeit324 km/h

Verzögerungvon 100 auf 0 km/h32 m

Verbrauch nach WLTP kombiniert16,3 l/100 km

CO2266 g/km

Preis in Deutschlandab 250.000 Euro inkl. Steuer