Lange Zeit war Gestaltung in Hotels vor allem eines: ein ästhetisches Versprechen. Heute ist sie ein entscheidender Faktor. Räume werden nicht mehr nur eingerichtet, sondern bewusst komponiert. Für eine zunehmend designaffine Zielgruppe verschiebt sich damit auch der Fokus des Reisens: weg vom reinen Ziel, hin zum Raum selbst. Innerhalb des Portfolios von Small Luxury Hotels of the World wird diese Entwicklung besonders sichtbar. Die Häuser folgen keinem einheitlichen Stil, aber einer klaren Haltung: Gestaltung ist nicht länger Kulisse, sondern integraler Bestandteil des Erlebnisses – sie schafft Atmosphäre, lenkt Wahrnehmung und prägt Erinnerungen. Wie unterschiedlich dieser Ansatz übersetzen lässt, zeigt die folgende Auswahl.
Eriro, Österreich



Radikale Reduktion im Raum gedacht: Auf über 1.500 Metern oberhalb von Ehrwald gelegen, zählt das Erico zu den konsequentesten gestalterischen Positionen im alpinen Raum. Entwickelt unter anderem mit dem Südtiroler Studio Noa, setzt das Haus auf maximale Reduktion: unbehandeltes Holz, grober Naturstein, Leinen und bewusst rohe Oberflächen bestimmen das Bild. Möbel wirken fast rustikal, viele Elemente sind maßgefertigt und bleiben in ihrer Konstruktion sichtbar. Große Fensterfronten rahmen die Berglandschaft, während innen eine fast klösterliche Ruhe entsteht.
Quinta da Comporta, Portugal



Authentizität als gestalterisches Prinzip. Im Quinta da Comporta wird einem konsequent ortsbezogenen Designansatz verfolgt. Unter der Leitung des portugiesischen Architekten Miguel Câncio Martins orientiert sich das Konzept an den traditionellen Bauten der Region – von Fischerhäusern bis zu landwirtschaftlichen Strukturen. Lehm, Holz, Stroh und handgefertigte Keramik prägen die Ästhetik, viele Oberflächen bleiben bewusst roh und unperfekt. Innen-und Außenräume gehen nahtlos ineinander über, während das Licht des Atlantiks gezielt durch die Architektur gelenkt wird und die Räume im Laufe des Tages unterschiedlich definiert. Das Ergebnis ist ein zurückhaltendes, aber klar verankertes Designphilosophie, das den Charakter des Ortes in eine zeitgenössische Form übersetzt.
Hotel Palau Fugit, Spanien



Historische Substanz neu gelesen: Im Hotel Palau Fugitin Girona wird ein ehemaliger Stadtpalast aus dem 18. Jahrhundert nicht konserviert, sondern weitergedacht. Das von El Equipo Creativo entwickelte Konzept bewahrt die historische Struktur des Gebäudes und ergänzt sie durch präzise gesetzte Eingriffe. Zentral ist dabei ein Spiel mit Raumabfolgen: verwinkelte Gänge, Innenhöfe und Terrassen erzeugen eine fast labyrinthartige Dramaturgie. Ein prägendes Element ist die fast drei Meter hohe Skulptur „Font de Garotes“ des katalanischen Künstlers Frederic Amat im Innenhof, die seine erste Auseinandersetzung mit dem Ort in eine skulpturale Form übersetzt und den Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart sichtbar macht. Dieses Spannungsfeld setzt sich im Wellnessbereich fort: Pool und Behandlungsräume wurden direkt in den Kalkstein der romanischen Stadtmauer integriert und verwandeln die historische Substanz in einen abgeschirmten Rückzugsort.
La Roqqa, Italien



Sinnlichkeit statt Zurückhaltung: La Roqqa bringt eine andere Energie in das aktuelle Designverständnis. Das Mailänder Studio Palomba Serafini Associati greift italienische Mid-Century-Referenzen auf und übersetzt sie in eine zeitgemäße Formensprache. Die Zimmer sind durch drei Farbwelten geprägt, die sich an ihrer Umgebung orientieren: warme Sienna-Töne, mediterrane Grüntöne und ein tiefes Blau, das an das Meer erinnert.Die Suiten setzen auf eine sandfarbene Basis, ergänzt durch gezielte Designakzente. Materialien wie Holz, Terrakotta und Leder verweisen auf lokales Handwerk. Nachhaltigkeit zeigt sich dabei als gestalterischer Ansatz: regionaler Materialien wie Terrakotta, Holz und Leder, die mit traditionellen Techniken verarbeitet werden, prägensowohl die Materialität als auch das Raumerlebnis. Das Ergebnis ist ein Interieur, das bewusst Präsenz zeigt, ohne dabei schwer zu wirken.
Yndō Hotel, Frankreich



Kuratierte Intimität: Das Yndō Hotel in Bordeaux trägt die klare Handschrift seiner Inhaberin Agnès Guiot, die auch für das Interior Design verantwortlich ist. Ihr Ansatz verbindet zwei Epochen zu einer eigenständigen Identität: die klassische Architektur des späten 19. Jahrhunderts mit Stuckelementen, Rosetten und hohen Decken trifft auf eine bewusst zeitgenössische Einrichtung. Maßgefertigte Möbel, darunter „Cloud“-Tisch aus Walnussholz von Autobahn, stehen neben ikonischen Designklassikern von Tom Dixon oder Hubert Le Gall. Jedes Zimmer hat eine eigene Identität, bleibt dennoch Teil eines stimmigen Gesamtbildes. Besonders auffällig ist die Balance zwischen Opulenz und Zurückhaltung –nichts wirkt überladen, aber auch nichts zufällig.
Wilmina Hotel, Deutschland



Transformation durch Umnutzung: Im Wilmina Hotel in Berlin wurdeein ehemaliges Frauengefängnis und Gerichtsgebäude aus dem späten 19. Jahrhundert durch eine präzise architektonische Umnutzung neu interpretiert. Die Architekten Grüntuch/Ernst entwickeln den einst isolierten Ort zu einer offenen, sozialen Umgebung weiter, ohne die ursprüngliche Raumlogik zu verlieren. Der Zugang erfolgt über einen begrünten Innenhof, der Licht und Weite in die zuvor abgeschlossene Struktur bringt. Ehemalige Zellen wurden in Zimmer und Gemeinschaftsräume überführt, ihre Proportionen und Spuren bleiben jedoch ablesbar: sichtbares Mauerwerk und Stahl verweisen auf die Geschichte des Hauses. Licht und Landschaft sind dabei zentrale Elemente der Transformation: Innenhöfe, bepflanzte Terrassen und ein Dachgarten öffnen die dichte Struktur und schaffen ruhige Gegenpole zur früheren Nutzung.
Twenty Seven Hotel, Amsterdam



Die Rückkehr des Maximalismus: Das TwentySeven Hotel steht für einen Gegenentwurf zur dominierenden minimalistischen Ästhetik. Designer Wim van de Oudeweetering und Innenarchitekt Cris van Amsterdam setzten hier auf maximale visuelle Intensität. Handgefertigte Teppiche aus Nepal, schwere italienische Vorhänge, Samtstoffe, exklusive Tapeten von Pierre Frey und maßgefertigte Möbel prägen das Bild. Viele Möbel sind Einzelanfertigungen, oft kombiniert mit Kunstobjekten und dekorativen Elementen. Spiegelungen, Kontraste und Texturen werden gezielt eingesetzt, um Tiefe zu erzeugen. Die Atmosphäre ist dicht, fast theatralisch – ein bewusstes Spiel mit Luxus als sinnlicher Erfahrung.
Aristide Hotel, Griechenland



Kunst als erzählerisches Element: Im Aristide Hotel auf Syros entsteht der Charakter des Hauses nicht durch einen einheitlichen Stil, sondern durch die Kunst, die jeden Raum prägt. Das familiengeführte Haus versteht sich als persönliches, kuratiertes Projekt: In einem neoklassischen Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert bleibt die historische Architektur bewusst präsent und wird durch ein vielschichtiges Kunstkonzept erweitert. Die permanente Sammlung mit Werken von Künstlern wie Christy Lee Rogers, Igor Skaletsky und Riccardo Vecchio durchzieht das gesamte Haus und setzt einen klaren Fokus auf figurative Erzählungen. Ergänzt wird sie durch wechselnde Ausstellungen und ein Residency-Programm, das den gestalterischen Charakterkontinuierlich weiterentwickelt. So entsteht ein Ort, an dem Design nicht statisch ist, sondern sich im Zusammenspiel von Kunst, Raum und persönlicher Handschrift stetig verändert, und damit selbst Teil des Erlebnisses wird.
