„Die Zeit bestätigt den Wert der Idee“.  Das ist so ein Satz, dem man nicht widersprechen kann. Er stammt von Antonio Citterio, einem der wirklich großen Gestalter unserer Zeit. Seine Begeisterung für neue Ideen und Konzepte hat mit einem visionären, fest in der Architektur wurzenden Gestaltungsansatz immer wieder Dinge hervorgebracht, die in den Kollektionen von Auftraggebern wie Ansorg, Arclinea, Axor-Hansgrohe, B&B Italia, Flexform, Flos, Fusital, Hermès, Iittala, Kartell, Maxalto, Sanitec Group, Technogym, Tre Più und Vitra markante, kommerziell erfolgreiche Spuren hinterlassen haben.

So auch bei Flexform. Für das italienische Familienunternehmen in Meda schuf Citterio in einer über 40 Jahre andauernden Zusammenarbeit neben zahlreichen anderen Erfolgsmöbeln das revolutionäre Sofa Cestone, das erstmals 2008 auf der Mailänder Möbelmesse präsentiert wurde. Jetzt feiert das gute Stück seinen 10jährigen Geburtstag.

Der ideale Platz, für den das Sofa Cestone erdacht wurde, ist im Mittelpunkt des Wohnraums. Deshalb liegt der Akzent auf der Rückenlehne und den Seiten des Sofas, auf den Teilen also, die oft keine, besonders ins Auge fallenden Charakteristiken aufweisen.

Ihm liegt ein Konzept zugrunde, das noch heute hochaktuell ist, ganz abgesehen von den einzigartigen Konstruktionsdetails, die es über flüchtige Modetendenzen erheben. Wurde bis dahin das Wohnzimmer-Sofa meist an eine der Wände des Raums gestellt, so sollte das Sofa Cestone als Mittelpunkt der Möblierung frei im Raum stehen dürfen. Die phantasielose Tradition einer linear angeordneten, auf den Fernsehschirm ausgerichteten Sitzgruppe war aufgehoben. Der Sitzplatz avancierte zum Objekt, zum Blickfang, und bekam in der Geometrie des Raums eine zentrale Position.

Handwerklich perfektes Zusammenspiel von Material und Nähten.

Mit entsprechenden gestalterischen Konsequenzen für die Rückenlehne und die Seiten des Sofas, jenen Teilen also, die bis dahin eher selten durch gestalterisch auffällige Merkmale hervortraten. Citterio verschob für das Sofa Cestone die visuellen Akzente und bezog das Metallgestell von Rückenlehne und Seiten mit einem unregelmäßig gemusterten Geflecht aus zwei verschieden breiten Lederstreifen. Es ist in zwei Ausführungen erhältlich:  Das Geflecht kann dichter sein, so dass eine kompakte Fläche entsteht, oder aber lockerer geflochten, so dass der Stoffbezug der gepolsterten Teile durchscheint. Der so entstehende “Schachbretteffekt” fällt sofort ins Auge und schafft einen angenehmen Kontrast zu den gepolsterten Teilen mit ihren schmiegsamen Volumen und perfekten Proportionen. 

Bei der aber lockerer geflochtenen Variante scheint der Stoffbezug der gepolsterten Teile durch und erzeugt optisch eine Art Schachbrett Effekt.

Heute ist das Sofa Cestone in dreizehn Farbvarianten erhältlich, vier davon aus Wildleder. Dazu passend bietet Flexform gleichnamige Beistelltische mit Platten aus Walnuss oder Esche in reicher Farbauswahl, so dass ein interessanter Materialkontrast zu dem warmen Ledergeflecht entsteht.

Privatresidenz in Tskneti, Georgien mit einem Cestone-Sofa (Coutesy by: Architectural studio 109 Degree – Tengiz Kvantaliani)

Einmal mehr hat Antonio Citterio mit seinem in der Architektur wurzenden Gestaltungsansatz die Nutzung und die Wahrnehmung eines Möbelstücks zutiefst beeinflusst. Wie als sei die Zeit nie vergangen, überzeugen Formensprache und Ausdruck durch eine ungebrochene Aktualität. Was Antonio Citterio auszeichnet, ist seine Begeisterung für neue Techniken, aber auch für die Schönheit des Handwerklichen und eine unbedingte Wertschätzung solider Materialien ist der Grund, warum seine Möbel so begehrt sind.

Der experimentelle Ansatz findet immer seine Erdung in der Qualität der Verarbeitung, während sich gleichzeitig die Integrität seiner Entwürfe niemals in flüchtigen Modetendenzen verliert. Die Entwürfe von Antonio Citterio sind durch und durch ehrlich, unabhängig davon, ob es sich um Sitzmöbel, Regale, Türgriffe, Betten, oder Kücheneinrichtungen handelt. Sie orientieren sich an den Bedürfnissen des Menschen, wollen im Alltag dauerhaft Freude schenken, suchen nicht nach dem schnellen, vordergründigen Effekt. Auch dadurch haben sich seine Arbeiten einen festen Platz erobert in einer sich permanent wandelnden Welt.

Entwurfsskizze von Antonio Citterio.

Wie viele andere Sitzmöbel aus dem Hause Flexform, hat auch das Sofa Cestone seinen Teil dazu beigetragen, dem modernen Wohnen neuen Ausdruck zu verleihen, Grenzen zu sprengen und Stilrichtungen zu entdecken, die eng mit den komplexen Wandlungen unserer Lebensweisen verbunden sind.

Entwurfsskizze von Antonio Citterio.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die besondere Hinwendung der Firma Flexform zum Werkstoff Leder. Er hat die Eigenschaft, mit unveränderter Schönheit zu altern, was die zeitlose Eleganz der Flexform- Produkte unterstreicht. Man muss die wunderschönen Polsterteile einfach nur berühren, um ihrem besonderen Reiz zu erliegen. Wenn die Hände über die feste, aber gleichzeitig nachgiebige Struktur gleiten, entsteht ein besonderer haptischer Reiz, dessen Lebendigkeit durch die unendlich vielen kleinen Faserverbindungen der Häute hervorgerufen wird.

Privathaus in Mexiko City: Die Eckkomposition Cestone wird begleitet von dem Beistelltisch Groundpiece, ebenfalls mit Lederbezug, und den kleinen Tischen Vienna.(Copyright Archetonic, Foto Rafael Gamo)

Neben dem Sofa Cestone prägen die sorgfältig ausgewählten Häute auch zahlreiche andere Kreationen, wie etwa die Sofas Este, den Sessel Crono, die Bank Helen oder die Poufs Filicudi, um nur einige zu nennen. Jedes dieser Produkte demonstriert auf unterschiedliche Weise, wie sich dieses Material verarbeiten lässt. Besonders aufwändig geschieht das bei dem Sofa Cestone. Um das Ledergeflecht für die Rücken- und Armlehnen herzustellen, durchlaufen die zu verarbeitenden Häute zunächst eine gründliche Qualitäts-Kontrolle.

Um das Geflecht für die Rücken- und Armlehnen herzustellen, wird das Leder in Streifen geschnitten.
Perfekt ausgeführte Flechtarbeit.
Von Hand werden die Befestigungsknöpfe in die gestanzten Löcher eingesetzt.
Jeder einzelne Streifen wird mit Aluminiumknöpfen befestigt.
Montage des Ledergeflechts auf den Metallrahmen.
Einnähen des Etiketts.
Das Grundgestell des Sofas ist mit einem Polyurethanpolster mit Schutzbezug versehen.

Nur absolut fehlerfreie Stücke finden Verwendung. Sodann wird das Leder in Streifen geschnitten und sorgfältig handgeflochten. Im Anschluß wird das Geflecht mit präzisen Nähten weiterbearbeitet und schließlich jeder einzelne Streifen mit Aluminiumknöpfen befestigt. Das Grundgestell des Sofas ist mit einem Polyurethanpolster mit Schutzbezug versehen. Die Sitz- und Rückenkissen sind besonders weich und passen gut zu den mit Leder bezogenen Teilen, so dass ein raffinierter Kontrast, gleichzeitig aber ein besonders bequemes Sofa entsteht, mit dem Cocooning-Effekt, der so typisch ist für die Welt von Flexform. Eine beglückende Erfahrung für jeden Fan eleganter Sitzmöbel. Kein Wunder, dass sich das Sofa Cestone Im Laufe der vergangenen Dekade auf der ganzen Welt einen festen Platz erobert als besonderes Schmuckstück exquisit möblierter Häusern.

TEXT//THOMAS GARMS

 

ZUR PERSON

Der Architekt und Designer Antonio Citterio.

Antonio Citterio wurde 1950 in Meda geboren. 1972 eröffnet er sein Architekturbüro und schließt 1975 sein Architekturstudium am Polytechnikum Mailand ab. Zwischen 1987 und 1996 arbeitet er mit Terry Dwan: Gemeinsam realisieren sie Gebäude in Europa und in Japan.

1999 gründet Citterio mit Patricia Viel die Gesellschaft “Antonio Citterio and Partners”. Das Studio arbeitet auf internationalem Niveau und entwickelt komplexe Projektprogramme verschiedener Ausmaße in Zusammenarbeit mit einem qualifizierten Netzwerk von spezialisierten Fachberatern.

1987 und 1994 erhält Antonio Citterio den Compasso d’Oro-ADI. Seit 2006 ist er ordentlicher Professor für Projektführung an der Akademie für Architektur von Mendrisio (Schweiz). 2008 erhält er von der “Royal Society for the encouragement of Arts, Manufactures & Commerce” in London die renommierte Anerkennung “Royal Designer for Industry”.

Im September 2009 änderte sich der Firmenname des Architekturstudios, das heute “Antonio Citterio Patricia Viel and Partners” heißt.