Andy Palmer, seit 2014 Chef von Aston Martin, hat dem Unternehmen einen strammen Vorwärtskurs verschrieben. Nach seinem Willen soll sich die britische Sportwagenmarke einerseits zu einem unverkennbaren Einklang aus Schönheit und Luxus amalgamieren, zum anderen treibt der Ex-Nissan-Manager seine Mannschaft hinein in einen Sturmlauf der Innovationen. Auf dem diesjährigen Automobilsalon in Genf reihten sich die Schaustücke eng an eng. Hier der spektakuläre Valkyrie, dort der Mittelmotor-Supersportwagen Vanquish Vision Concept als Angriff auf McLaren und Ferrari. Schließlich das Designkonzept des AM-RB 003, ein Hypercar als Inspiration für den ersten Seriensportwagen von Aston Martin mit Mittelmotor. Beachtung fand auch die vollelektrische SUV-Studie Lagonda All-Terrain Concept mit futuristischer Shooting-Brake-Karosserie. Ein Kaschmirauto im wahrsten Sinne des Wortes, elegant, langgestreckt, im Formenkanon eines rollenden Salons, zu Füßen statt schnöder Auslegeware das Gewebemuster von Fischgratstoffen. Savile Row lässt grüßen. Der Fahrzeugschlüssel schwebt dank Elektromagneten prominent zwischen den vorderen Sitzen.

Der neue Aston Martin Vantage stellt schon optisch Spurtkraft und Dynamik unter Beweis.

Neben all den Visionen will (und muss) Aston Martin aber auch ökonomisch punkten. Erfreut sich bereits der Grand Tourer DB11 bei den Gentlemen Drivers großer Beliebtheit und findet genau die tugendhafte Mitte zwischen den modischen Extremen und einer weltläufigen klassischen Stilistik, setzt Aston Martin wirtschaftlich große Hoffnungen in den kleineren Vantage. Er war bislang schon das meistverkaufte Modell der Briten und soll auch in seiner aktuellen Variante für ordentlich Absatz sorgen.

Das bewusst aggressiv angelegte Design des Vantage ist vom Rennwagen Aston Martin Vulcan inspiriert.

Los geht es vom kiesbestreuten Hof des Château de Voltaire nahe Genf zügig durch den Französischen Jura zum Château de Germigney, nur wenige Kilometer südlich von Besançon, einem malerischen Schlösschen aus dem 18. Jahrhundert, wo zum Aperitif Kaminfeuer flackert und später im gemütlichen Gourmetrestaurant Köstlichkeiten wie Trüffel, Jakobsmuscheln oder Foie gras dem Gaumen der Automobilisten schmeicheln.

Frontansicht mit dem breiten Kühlergrill. Die Scheinwerfer gemahnen an den Blick eines wachsamen Wolfes.

Die hügelige, kurvenreiche Route durch das beinahe noch unentdeckte Paradies im Herzen Europas entpuppt sich als vielseitiges Testgebiet mit den unterschiedlichsten Aufgaben, um das Fahrvergnügen im Vantage restlos und ungetrübt auszukosten. Der agile Zweisitzer verspricht wunderbare Freiheiten, sieht gut aus und befindet sich bei einem Einstiegspreis von rund 154.000 Euro auf Angriffskurs gegen den Porsche 911.

Auf Angriffskurs: Der Vantage wildert bei Porsche-Fans.

Wie im Tierreich – und die Charakteristik des Vantage-Designs erlaubt diesen Vergleich – versteht sich dieser Aston Martin als Raubtier mit Revieranspruch. Die Form der Karosserie wirkt athletisch und aggressiv mit muskulös aussehenden Flanken und einem breiten Heck.

Die Heckleuchten sind besonders schmal gestaltete LEDs, die gemeinsam mit dem markanten Knick im Kofferaumdeckel für eine spektakuläre Optik sorgen.

Von vorn verschafft sich der Wagen mit schlitzartigen LED-Scheinwerfern, der leicht gewölbten, schwergewichtsboxerhaft wirkenden Haube und dem breiten Kühlergrill Respekt. Diese markanten äußerlichen Reize, die wichtig sind, um den einen Sportwagen von einem anderen zu unterscheiden, entzünden beim Vantage vom ersten Moment an das Feuer genialischer Nervosität. Auch die schmalen, sich unter einem Bürzel entlangziehenden LED-Heckleuchten folgen dramatischen Linien.

Held der Landstrasse: Der Vantage auf Testfahrt durch den französischen Jura.

Wie gut die aerodynamische Effizienz des Autos funktioniert, zeigt die Ausfahrt am nächsten Tag. Sie führt am Schwarzwald vorbei durch das Elsass bis zum Naturpark Saar-Hunsrück im Sankt Wendeler Land. Während dieser Etappe sorgen Autobahnsprints und ein von plötzlich einsetzenden Regenschauern verursachter Schmierfilm auf kurvigen Landstraßen für Abwechslung.

Sehniger Charakter: Das Design des Vantage basiert auf einer einzigen gespannten Linie. Der vordere Splitter fliesst nahtlos in den minimalen vorderen Überhang.

Dass der Vantage auch in solchen Momenten fest auf der Straße klebt, verdankt er unter anderem dem ausgeklügelten Zusammenspiel von Splitter, Diffusor, Seitenlamellen sowie dem gewölbten Gepäckraumdeckel. Nur 127 Zentimeter ragt der Vantage über die Fahrbahn auf. Nicht ohne Sinn wurden die beiden Sitze sehr tief platziert. Zusammen mit der hohen Taillenlinie lässt die niedrige Sitzposition Fahrer und Beifahrer regelrecht mit dem Auto verwachsen. Damit gehört Cockpit und Straße die volle Aufmerksamkeit aller Sinne.

 

Die Agilität des britischen Sportwagens bewährt sich auch auf feuchtem Asphalt.

Der Aston Martin Vantage entpuppt sich als höchst agiles Auto, präzise lenkbar nimmt er die gewünschten Kräfteanforderungen willig entgegen. Sein Herzstück ist ein kraftvoller Vier-Liter-Twin-Turbo-V8-Alu-Motor mit 510 PS, den Aston Martin vom Kooperationspartner AMG in Affalterbach bezieht. Das Triebwerk ist niedrig und weit hinten im Chassis eingebaut, um einen optimalen Schwerpunkt und eine perfekte 50:50-Gewichtverteilung zu garantieren.

Das Cockpit mit Alcantara- und Lederausstattung.

Von einer Überzüchtung ist nichts zu spüren, auch wenn die Maschine in den drei Charakterregelungen Sport, Sport Plus und Track zunehmend giftig auszukeilen weiß und dies dann mit einer entsprechend berauschenden Soundkulisse untermalt. Die Kraft und das herausragende Drehmoment werden durch ein im Heckbereich montiertes Achtgang-ZF-Automatikgetriebe übertragen.

In den Getriebetunnel sind die Taster zum Verstellen der Sitze eingelassen.

Modernste Elektronik mit einer dynamischen Stabilitäts- und Drehmoment-Vektorregelung sorgt dafür, dass der Fahrer bei den verschiedensten Witterungseinflüssen bestmögliche Kontrolle behält. Die von der Geschwindigkeit abhängige elektrische Servolenkung hat von Anschlag zu Anschlag 2,4 Umdrehungen für eine herausragende Kombination aus schneller Reaktionsfähigkeit und präziser, intuitiver Steuerung.

Tief platzierte Sitze: Zusammen mit der hohen Taillenlinie läßt die niedrige Position Fahrer und Beifahrer regelrecht mit dem Auto verwachsen.

Wo nötig, zeigt der Vantage freilich auch Manieren. Er ist voll und ganz als alltagstaugliches Genussmittel konzipiert, mit dem sich entspannt durch Stadt und Dörfer schlendern lässt. Der Sportwagenpurismus unter der Ägide von Ulrich Bez war einmal. Wie das heute erwartet wird, bietet das Auto eine üppige Serienausstattung, unter anderem mit Regensensor, schlüssellosem Start/Stopp, Reifendrucküberwachung und Parkdistanzdisplay, Parkhilfe und -sensoren vorn und hinten. Das integrierte Multimediasystem – mit Bedienung über einen zentralen Acht-Zoll-LCD-Bildschirm – bietet alle zeitgemäßen Features, vom Smartphone-Streaming bis hin zur USB-Wiedergabe. Auch ein integriertes Navigationssystem und ein Wi-Fi-Hub sind vorhanden. Das Interior überzeugt durch eine edle Alcantara- und Lederpolsterung mit einem samtenen schmiegsamen Griff. Die Mittelkonsole enthält die symmetrisch angeordneten Bedientasten, ganz oben zentriert befindet sich der große, mit dem berühmten Flügellogo verzierte Start-Stopp-Knopf.

Bordsystem und Elektronik stammen von AMG-Mercedes.

Zweifellos ist Aston Martin mit dem Vantage ein großer Wurf gelungen. Er rührt nicht nur an unseren ästhetischen Sehnsüchten und lässt uns mit Inbrunst die Karosserieform betasten, sondern sorgt auch dafür, dass man sich ehrfurchtsvoll an der schieren Maschinenkraft ergötzt. Es scheint, dass dieses Auto tatsächlich dazu berufen ist, den Ruf der Briten als Schöpfer von idealtypischen automobilen Ausgleichsmitteln weiter zu befestigen, Brexit hin, Brexit her.

TEXT//THOMAS GARMS  FOTOS//SERGEJ FALK

https://www.astonmartin.com/de/models/new-vantage

 

ANGABEN DES HERSTELLERS

Aston Martin Vantage

MotorV8-Twin-Turbo

Hubraum3.982 ccm

Leistung375 kW/510 PS bei 6.000 U/min

Drehmoment685 Nm bei 2.000 bis 5.000 U/min

AntriebFront-Mittelmotor, Hinterradantrieb

GetriebeAchtgang-ZF-Automatikgetriebe

Länge4.465 mm

Breite2.153 mm mit Spiegeln

Höhe1.273 mm

Radstand2.704 mm

Leergewicht1.530 kg

Tankfassungsvermögen73 Liter

Fahrleistung0–100 km/h in 3,7 Sekunden

Höchstgeschwindigkeit314 km/h

Verbrauch und CO2 kombiniert10,5 Liter/100 km, C02 245 g/km

Preis in Deutschland ab154.000 €