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Herr Heissenberger, Sie sind Inhaber einer Vermögensverwaltung. Wie kam es dazu?

Ich bin Finanzanalyst und Portfolio-Manager und habe elf Jahre für UBS in Zürich gearbeitet – dem größten Vermögensverwalter der Welt. Ich habe aber schon relativ früh nach meinem Studium als Finanzanalyst gemerkt, dass die Aktienbewertungsmodelle, die Banken und alle „großen Jungs“ verwenden, nicht funktionieren.

 Warum nicht?

Erstens, da diese auf Prognosen beruhen. Und Prognosen funktionieren nicht.

 Und zweitens?

Großanleger investieren immer Benchmark-orientiert.

 Soll heißen?

Sie kaufen die Unternehmen, die einen hohen Börsenwert haben – unabhängig von ALLEM anderen.

 Was wäre denn der bessere Weg?

Einfach in die besten Firmen investieren. Und sowohl die schlechten Firmen als auch alle Emotionen weglassen.

 Das klingt ja einfach …

Wenn man Prognosen außen vor lässt und einfach faktenbasiert in die Unternehmen mit den besten Kennzahlen investiert, die gleichzeitig einen sehr günstigen Kurs haben, erreicht man hierdurch weit bessere Renditen als der Gesamtmarkt. Der besteht zudem aus sehr teuren und unprofitablen Firmen.

 

Der Vermögensverwalter Björn Heissenberger sucht nach Unternehmen, die hohe Kapitalrenditen abwerfen, hohe Margen erzielen und defensiv finanziert sind. Privat ist er leidenschaftlicher Skifahrer.

 Was sind die zentralen Kennzahlen, auf die man bei der Aktienanalyse achten sollte?

Auf beachtliche Kapitalrenditen, große Margen und hohe Eigenkapitalquoten.

 Stichwort Gefühle. Angst und Gier sind die typischen Renditekiller …

Die Emotionen beiseite zu lassen, ist am schwierigsten. Hierfür benötigt man ein gut funktionierendes Aktienauswahlmodell, auf das man sich verlassen kann.

 Was sollte denn der Fokus eines Anlegers sein?

Das Ziel eines Anlegers sollte aus meiner Sicht sein, gute Firmen zu finden und diese zu kaufen, wenn sie zu günstigen Preisen gekauft werden können. Diese findet man jederzeit an der Börse. Beispielsweise gibt es Unternehmen, die man zu lediglich dem fünffachen Jahresgewinn kaufen kann, sehr hohe Kapitalrenditen abwerfen, hohe Margen erzielen und zudem defensiv finanziert sind. Solche Firmen bringen einem Anleger über die Zeit einen sehr guten Ertrag.

 Und wenn man eine gute Firma gefunden hat, sollte man dann All In gehen?

Besser Sie diversifizieren. Zehn bis 15 Unternehmen sollten jedoch ausreichen.

 Hand aufs Herz: Was war Ihr schlechtestes Investment?

Als ich mit 18 Jahren mit Optionsscheinen spekuliert habe, musste ich viel Lehrgeld bezahlen. Aus solchen Fehlern lernt man …

 Aus welchen Fehlern wurden Sie klüger und reicher?

In jungen Jahren habe ich täglich Kurse verfolgt und in Aktien investiert, die stark gefallen sind, ohne auf die wahren Fakten zu achten. Diese findet man nur in der Unternehmensbilanz. Anstatt mir diese genauer anzusehen, habe ich mich damals von Gier oder Angst leiten lassen und auf diverse Berichte vertraut. Das war früher mein Fehler bei fast jedem Investment.

 Und heute? 

Bei Investments achte ich heute nur noch auf harte Fakten aus der Unternehmensbilanz. Ich kaufe sehr gute Firmen zu günstigen Preisen, gemessen am Unternehmensgewinn, KGV et cetera. Diese werfen dem Anleger meist hohe Renditen ab, die weit über dem Marktdurchschnitt liegen.

Björn Heissenberger in seinem Kilchberger Zuhause.

 Die Börse ist keine Einbahnstraße …

Klar gibt es zwischendurch mal Phasen der Underperformance. Aber mittel- bis langfristig fährt man als Anleger mit dieser Strategie sehr gut. Hierfür braucht es jedoch eine Menge Disziplin und den Mut, gegen den Strom zu schwimmen.

Der Mainstream favorisiert momentan ETFs. Sie sagen, diese Form der automatisierten Kapitalanlage sei weder gut noch günstig …

(lacht) ETFs, also Exchange Traded Funds, sind die günstigste Variante, um jede Menge teure Aktien zu kaufen.

 Wie wäre es mit einem Beispiel?

Aktienindizes wie beispielsweise der DAX funktionieren im Grunde genommen ähnlich wie ein Fonds. Der Unterschied: Sie werden nach lediglich einem quantitativen Kriterium gemanagt.

 Wo DAX draufsteht, ist auch DAX drin. Aber was entscheidet, wer reindarf?

Die Größe. Der DAX wählt aus allen verfügbaren deutschen Aktien die aus, die den höchsten Marktwert besitzen – unabhängig von allen anderen Bewertungsmaßstäben.

 Ist das nicht ein guter und günstiger Weg für eine Firmenbeteiligung?

Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Unternehmer und möchten eine neue Firma kaufen. Würden Sie die größten am Markt verfügbaren Unternehmen kaufen, ohne auf den Kaufpreis, die Gewinne oder andere Dinge zu achten?

Immer die Rendite im Blick: Der Schweizer Finanzprofi hat grosse Erfahrung in der Betreuung vermögender Privatkunden.

Nein …

Sie würden sicher auf die Gegenleistung Ihrer Beteiligung achten, wie etwa die Höhe des jährlichen Gewinns.

 Was wäre denn ein richtig guter Deal?

Ein Unternehmen für zehn Millionen Euro zu kaufen, wenn der erwirtschaftete jährliche Gewinn bei einer Million Euro liegt.

 Und dieser Gewinn Jahr für Jahr ansteigt …

Richtig! Ihr gekauftes Unternehmen hätte somit eine ordentliche Gewinnrendite. Ganze zehn Prozent. An der Börse spricht man dann von einem Zehner-Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Angenommen die Firma würde in Zukunft weder wachsen noch schrumpfen, so beträgt die jährliche Rendite für den Investor zehn Prozent.

 Und woraus besteht nun der DAX?

Knapp 20 Prozent machen bereits zwei seiner beiden größten Unternehmen aus: SAP und Siemens.

 Verrückt.

Genau! Wenn Sie einen DAX-ETF kaufen, der den Index eins zu eins abbildet, haben Sie 20 Prozent Ihres Geldes in diese beiden Titel investiert.

 Sind das nicht die beiden besten Titel, die die höchsten Gewinne versprechen?

SAP liefert seinen Aktionären auf dem derzeitigen Kursniveau eine Gewinnrendite in Höhe von 4,18 Prozent. Anders ausgedrückt: Das KGV liegt bei 23,9.

 Und bedeutet?

Würde sich der Gewinn von SAP in Zukunft nicht verändern, so würde der Investor 23,9 Jahre benötigen, um seinen bezahlten Kaufpreis durch Gewinne des Unternehmens zurückzuerhalten.

 Noch mal zu Siemens …

Hier liegt die aktuelle Gewinnrendite bei 6,99 Prozent. Im Vergleich ist das zwar besser als bei SAP, aber noch lange nicht attraktiv.

 Was würde ein rationaler Investor anders machen?

Er achtet auf die inneren Werte einer Firma und nicht nur auf die Größe. Ein guter Investor ist nicht oberflächlich. Bei der Auswahl eines Unternehmens konzentriert er sich auf geeignete Maßstäbe.

Risiken reduzieren: Björn Heissenberger bevorzugt den Value-Ansatz.

 Das klingt sympathisch und vernünftig.

Ein profitorientierter Investor würde für den bezahlten Kaufpreis eine möglichst hohe Gewinnrendite erwarten.

 Wer ist denn der aktuelle Überflieger im DAX bezogen auf die Rendite? 

Die Deutsche Lufthansa mit einer Gewinnrendite von 22 Prozent. Aber freuen wir uns nicht zu früh. Denn: Die Firma macht nur die kleinste Position im DAX aus. Kurzum: Ein DAX-ETF-Käufer erhält von dieser Position mit 1,07 Prozent nur den kleinsten Anteil.

 Und was wäre ein weiterer DAX-Highflyer?

Covestro. Die Aktie hat in letzter Zeit stark an Wert verloren. Sie bietet auf derzeitigem Kursniveau eine Gewinnrendite von knapp 24 Prozent. Mit einem DAX-ETF bekommt man allerdings nur ein Prozent von Covestro.

 Wie sollte ein Aktienanleger vorgehen?

Nicht anders als beim Kauf eines Unternehmens, das nicht an der Börse notiert ist. Denn ob ich mir als Anleger ein Unternehmen ganz kaufe oder nur zum Teil über Aktien, spielt langfristig keine Rolle. Warren Buffett hat einst hierzu gesagt:Wieso sollte ich für den Kauf eines Teils eines Unternehmens mittels Aktien andere Maßstäbe ansetzen […]. Aktien sind schließlich Beteiligungen an echten Unternehmen.“ Vor dem Kauf eines Indexproduktes sollten Sie Folgendes wissen: Innerhalb des Index haben immer die Positionen das höchste Gewicht, die in letzter Zeit besonders gut gelaufen sind.

 Paul Singer von Elliott Management hat bereits eine Warnung ausgesprochen: The risks related to the rapid growth of index funds represent one of the biggest challenges facing markets today.“Das klingt nach einer explosiven Mischung.

Genau wie damals. Als die Banken vor der Finanzkrise auf ihrem Höhepunkt angelangt waren, hatten auch sie ein hohes Gewicht in ihren Indizes. Blicken wir zurück auf die New Economy Bubble: Vor dem Platzen der Internetblase waren es Internettitel. Auch damals gab es dafür schon eigene Indizes.

 Und wer sind die heutigen teuren und übergewichtigen Börsenfavoriten der Indizes?

Titel wie Amazon und Co., die sehr hoch bewertet sind. Sie haben zugleich ein hohes Gewicht im entsprechenden Index.

 Liegt es an den Anlegerlieblingen, dass die Bewertungen innerhalb der Indizes und ETFs ins Wanken geraten?

Genau, auch aktiv gemanagte Fonds orientieren sich an Vergleichsindizes, wie beispielsweise dem DAX. Wenn ein aktiver Fondsmanager also Lufthansa übergewichten möchte, so würde dieser der Lufthansa anstatt das gleiche Gewicht wie im Index ein Gewicht in Höhe von etwa 1,5 Prozent anstatt 1,07 Prozent geben.

 Ein Schildbürgerstreich?

Eine schlechte Performance kann den Fondsmanager seinen Job kosten. Aus diesem Grund wagen auch aktive Fondsmanager in der Regel keine größeren Abweichungen vom Index. Denn: Jeden Monat wird die Performance gemessen. Übrigens wählen aktive Fondsmanager die Abweichungen aufgrund von Prognosen ihrer Analysten.

 Sicher gibts hier einen Haken?

Prognosen sind bereits in den Kursen eingepreist und von so großer Unsicherheit, dass diese am Finanzmarkt nicht funktionieren.

 Bedeutet: Prognosen einfach beiseitelassen, sich nicht an einer Benchmark orientieren und Aktien rein aufgrund vorhandener und vergangener Fakten auswählen?

Dieses Vorgehen hat Warren Buffett hervorragende Ergebnisse geliefert. Fast alle erfolgreichen Investoren haben eines gemeinsam: Sie investieren in Unternehmen und sehen ihre Investitionen auch als Unternehmensbeteiligungen an.

 Was wäre ein tragischer Fehler, den die meisten immer und immer wieder begehen?

In täglich schwankende Wertpapiere zu investieren. Viele Leute glauben, der Kurs könnte sich gut entwickeln, ohne vorher die Bilanz genau geprüft zu haben. Das funktioniert aber nicht und ist nicht mehr als ein Glückspiel.

 Aber aus Fehlern wird man klug …

Profitieren Sie von den Fehlern anderer! Kaufen Sie gute Unternehmen, die sich durch hervorragende Bilanzkennzahlen ausweisen. Am besten dann, wenn diese zu günstigen Kursen gekauft werden können etwa aufgrund schwächerer Prognosen oder aufgrund des Herdentriebs vieler Anleger.

 Und zu guter Letzt: Wie lautet Ihr Renditetipp?

Orientieren Sie sich an Kurs-Gewinn-Verhältnissen, Margen, Kapitalrenditen, Eigenkapitalquoten und so weiter. Kaufen Sie Firmen, die keiner haben will. Laufen Sie keinem Trend hinterher.

 Das klingt ja einfach!

Es ist so einfach wie es klingt und gleichzeitig so schwer, wie man nie vermuten würde. Sie brauchen eine gehörige Portion Mut, um gegen den Strom zu schwimmen, sowie jede Menge Disziplin, um Ihre Aktienauswahlmethode auch in Schwächephasen durchhalten zu können. Überlegen Sie sich also gut, ob Sie dazu bereit sind.

 

ZUR PERSON

Björn Heissenberger, geboren 1983 in Rheinfelden-Baden, ist selbständiger Vermögensverwalter mit Sitz in Zürich. Nach der Bankenlehre und bereits während seines Studiums zum Certified International Investment Analyst war er in Zürich für die UBS AG als Vizedirektor tätig. Hier betreute er viele Jahre vermögende Privatkunden und erfolgreiche Unternehmer. 2018 gründete er die Heissenberger Vermögensverwaltung AG. Seine Mission ist die Erzielung von hohen Kundenportfoliorenditen mithilfe des Value-Ansatzes bei gleichzeitig reduzierten Risiken. Der gebürtige Badener ist ein leidenschaftlicher Skifahrer und begeisterter Leser von Büchern der bekannten Schriftsteller des letzten Jahrhunderts. Er lebt gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin in Kilchberg am Zürichsee.