Sie sind letztes Jahr Vater geworden. Investiert man als Papa vorsichtiger?

Da muss ich mich nicht umstellen. Meine Zocker-Zeit liegt lange hinter mir. Mit 18 habe ich mal mit Optionsscheinen meine Urlaubskasse verjuxt, sodass ich mir statt Ballermann nur noch Biggesee leisten konnte. Und mit 22 bin ich um ein Haar an der Pleite vorbeigeschrammt, nachdem ich Aktien auf Pump gekauft hatte und die Kurse dann durch die Russland-Krise 1998 binnen weniger Wochen um 20 bis 30 Prozent eingebrochen sind. Das waren heilsame Erfahrungen.

Wie sorgen Sie für Ihren Sohn im digitalen Zeitalter vor? Sparschwein oder lieber gleich eine App wie iBillionaire?

Ein Sparschwein haben wir natürlich im Kinderzimmer stehen, aber nur symbolisch. Julian bekam nach der Geburt ein Depot, in das nun regelmäßig Aktien und Aktienfonds wandern. Denn er hat ja fast zwei Jahrzehnte Zeit, bis er das Geld für seine Berufsausbildung braucht – und Zeit ist der wichtigste Erfolgsfaktor, wenn es um Aktien geht: Je länger der Horizont, umso weniger fallen zwischenzeitliche Kursrückgänge und Krisen ins Gewicht. Und ob man sein Portfolio dann per App, Excel-Sheet oder auf einem DIN-A4-Zettel verwaltet, ist erst mal zweitrangig.

Im Jahr 2010 lag das Einkommen der 25- bis 29-Jährigen in Deutschland sieben Prozent unter dem Durchschnitt. 1984 waren es knapp drei Prozent. Welchen Ratschlag werden Sie Ihrem Kind diesbezüglich mit auf den Weg geben?

In diesen Zahlen zeigt sich wohl die „Generation Praktikum“ und wenn junge, fleißige und hervorragend ausgebildete Menschen sich von einem prekären Arbeitsverhältnis ins nächste hangeln müssen, läuft definitiv etwas falsch in einer Wissensgesellschaft. Aber klar ist: Eine Topqualifikation allein reicht nicht aus, um gutes Geld zu verdienen. Es müssen, neben dem obligatorischen Quentchen Glück, noch ein paar andere Skills dazukommen – beispielsweise Unternehmergeist. Das ist nicht jedermanns Sache, aber wenn mein Sohn sein eigenes Business aufziehen wollte, würde ich das auf jeden Fall unterstützen.

Die Baby-Boomer-Generation geht bald in Rente und die Geiz-ist-geil-Gesellschaft verlagert ihre Jobs ins Ausland. Bedeutet: Immer weniger Beitragszahler buckeln dann für immer mehr Rentner. Können junge Menschen dann überhaupt noch adäquat für ihre Rente vorsorgen oder sollten sie lieber ihr Geld verprassen und im Alter auf den Sozialstaat hoffen?

Über seine Verhältnisse leben und darauf vertrauen, dass einen der Staat schon raushaut, wenn es schiefläuft? Derlei Moral Hazard funktioniert nur bei Banken. Als junger Mensch würde ich mich nicht darauf verlassen. Ohne private Vorsorge geht es nicht. Punkt.

Eine Topqualifikation alleine reicht nicht aus, um gutes Geld zu verdienen. Es müssen, neben dem obligatorischen Quentchen Glück, noch ein paar andere Skills dazukommen.

 

Wann und wie sollten junge Leute mit dem Investieren beginnen?

Sofort – schon wegen des Zinseszinseffekts. Und das Argument „kein Geld“ zieht dabei nicht. Wer jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit oder Uni bei Starbucks Station macht und 3,50 Euro für einen Kaffee übrighat, der kann auch investieren: Kaffee daheim aufbrühen und schon sind fünfzig Euro Sparrate pro Monat kein Problem. Oder nehmen Sie Raucher – wer mit den Glimmstengeln aufhört, lebt nicht nur gesünder, sondern hat von heute auf morgen mehr Geld im Portemonnaie.

 Ein Plädoyer für Frugalismus?

Im Gegenteil, Sparen soll kein Fetisch sein. Auch junge Leute sollten sich etwas gönnen. Nur eben bewusst statt die Kohle für allen möglichen Unsinn rauszuhauen.

Angenommen, man möchte monatlich 200 Euro beiseitelegen: Wie sollte man vorgehen, um diesen Betrag optimal zu investieren?

Regelmäßigkeit ist wichtig: Am besten die 200 Euro gleich am Monatsanfang abbuchen lassen, sodass man gar nicht erst in Versuchung kommt, mal eine Anspar-Pause einzulegen. Erst dann kommt die Frage, in was man investiert – wobei für die meisten Menschen ein internationaler Aktienfonds oder ETFs sicher naheliegend sind. Wer sich aktiver mit seiner Geldanlage beschäftigen möchte, kann allerdings auch zu Einzelaktien greifen. Einige Online-Broker bieten die Möglichkeit, zu vergleichsweise günstigen Konditionen Aktien-Bruchteile zu erwerben. Und wenn die Wertpapierverwaltung erst mal auf Blockchain umgestellt ist, werden wir noch viel bessere Angebote dieser Art sehen.

Warum handeln nur rund zehn Millionen Deutsche an der Börse? Alles nur, weil sie noch heute auf die Aktienkurs-Trendwende des ehemaligen Dividenden-Superstars Telekom warten?

Die misslungenen Börsengänge der Deutschen Telekom – zuletzt im Juni 2000 hat Vater Staat die Aktien für 66,50 Euro verhökert, heute liegt der Kurs unter 15 Euro – haben der Investmentkultur definitiv schwer geschadet. Letztendlich haben wir dadurch zwei Anlegergenerationen verloren: Sowohl die Mütter und Väter, die damals um ihre Spargroschen gebracht wurden, als auch die Töchter und Söhne, die das „T-saster“ mitbekommen haben. Hinzu kommt, dass die Aktie hierzulande keine Lobby hat, ganz im Gegensatz zu Versicherungen und Banken. Aber in dieser Hinsicht ist die Nullzins-Politik der EZB tatsächlich hilfreich. Denn immer mehr Menschen kümmern sich aktiver um ihr Geld oder informieren sich zumindest besser – und entdecken, dass langfristiger Vermögensaufbau ohne Aktien nicht funktioniert.

Ab welchem Verlust stoßen Sie Aktien ab?

Ich sehe Aktien wie vermietete Immobilien. Die stellt man ja auch nicht zum Verkauf, wenn irgendjemand behauptet, dass die Preise fallen – sondern solange die Mieter brav zahlen, bleibt man ganz gelassen. Will heißen: Fallende Kurse nutze ich vielleicht als Gelegenheit zum Nachkaufen, aber ansonsten ist mir egal, ob eine Aktie gerade steigt oder fällt. Kribbelig werde ich erst, wenn die Dividende gesenkt wird, die Ausschüttungsquote zu hoch ist, die Verschuldung aus dem Ruder läuft oder die Gewinne stagnieren. Sprich, wenn ein Unternehmen über seine Verhältnisse lebt oder unter seinen Möglichkeiten bleibt. Dann kommt die Aktie auf die Verkaufsliste.

Wie können sich Anleger vor einer protektionistischen Außenhandelspolitik absichern?

Mit genau der Strategie, die ein Anleger sowieso verfolgen sollte: Konsequente und systematische Streuung über verschiedene Länder und Branchen. Nicht zu vergessen kleinere Firmen, deren Geschäftstätigkeit einen klaren lokalen Schwerpunkt in Deutschland oder Europa hat und deshalb von einem möglichen Handelskrieg weniger betroffen ist.

Kribbelig werde ich erst, wenn ein Unternehmen über seine Verhältnisse lebt oder unter seinen Möglichkeiten bleibt. Dann kommt die Aktie auf die Verkaufsliste.

 DAX, MDAX oder doch lieber Dow Jones – ist der Investment-Standort Deutschland auch in Zukunft lukrativ?

Deutschland hat in den letzten 15 Jahren immens von den Weichenstellungen der Regierung Schröder profitiert. Leider gab es nach der Agenda 2010 kein Projekt 2020 und das kann schon eine Gefahr für den Investmentstandort Deutschland sein. Dennoch gehören deutsche Unternehmen in jedes Portfolio. Nur eben nicht ausschließlich, sondern im Verbund mit internationalen Aktien, ohne die man bestimmte Schlüsselbranchen kaum abdecken kann. Dabei denke ich nicht nur an Internetfirmen, sondern auch an defensive Themen wie Essen und Trinken: Es gibt in Deutschland keinen einzigen börsennotierten Nahrungsmittelhersteller von Weltrang.

ETFs, Derivate, Gold oder Dividenenaktien: Was darf auf gar keinen Fall im Depot eines langfristig orientierten Anlegers fehlen?

Das ist jetzt aber Kraut und Rüben: ETFs, also börsengehandelte Index-Fonds, sind ja nur ein Investment-Vehikel. Auch Derivate sind bloß eine Verpackung, zumeist eine ziemlich komplexe. Gold ist ein Rohstoff. Oder eine Währung. Oder ein Sachwert, der nichts einbringt und dessen Verwahrung sogar Geld kostet. Und was Dividendenaktien sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Deshalb Schluss mit dem Bullshit-Bingo und volle Fokussierung auf die Inhalte. Und die Basis eines langfristigen Depots sind nun einmal unternehmerische Sachwerte – sprich Aktien. Wer sich sein Aktienportfolio nicht selbst zusammenstellen will, kauft Fonds.

Ruhe vor dem Sturm? Die Wirtschaft wächst. Die niedrigen Zinsen befeuern die Aktienkurse. Ist es aktuell ratsam, Kasse zu machen, Gewinne zu sichern und die kommende Krise zum Wiedereinstieg abzuwarten?

Die kommende Krise – welche meinen Sie denn? Scherz beiseite: Der nächste Crash kommt bestimmt. Nur wissen wir leider nicht wann. Und mittendrin zu erkennen, wann der optimale Zeitpunkt zum Wiedereinstieg da ist, gelingt auch nur notorischen Hasardeuren oder Aufschneidern. Deshalb: Time geht vor Timing. Wer genügend Zeit mitbringt und seine Aktien notfalls auch mal zwei bis drei Jahre länger liegen lassen kann, um eine Krise wie 2008/09 auszusitzen, einfach den Titel meines Buches als Leitlinie nehmen: „Cool bleiben und Dividenden kassieren.“ Gleichwohl ist es durchaus empfehlenswert, ein bisschen Anlage-Liquidität vorzuhalten, um in einer Krise Sonderangebote an der Börse zu nutzen. Je nach persönlicher Risikoneigung halte ich derzeit Cash-Quoten von 10 bis 25 Prozent für angemessen.

Aktuell wird die hiesige Automobilindustrie heftig kritisiert. Dabei kann nur ein kleiner Teil der Menschen dauerhaft auf ein Auto verzichten. Wie passt das zusammen?

Dass die Autoindustrie am Pranger steht, haben sich die Konzerne selbst zuzuschreiben – schließlich haben sie ihre Kunden über Jahre systematisch betrogen und lieber in Schummel-Software investiert als in Zukunftstechnologien. Das gehört angemessen bestraft, allerdings ohne die Unternehmen finanziell auszuzehren. Mobilität ist für Deutschland ein Schlüsselthema, das sich eben nicht aus der Berlin-Mitte-Blase angehen lässt.

Das hat ja momentan Hochkonjunktur: Börsen-Heinis, die Patentlösungen für die großen politischen und geostrategischen Fragen unserer Zeit herausposaunen.

Halten Sie die Geldanlage in Werte der Automobilindustrie für eine sichere Anlage? Und wenn ja, Tesla oder Daimler?

Sicher ist gar keine Geldanlage und Auto-Aktien schon gar nicht. Tesla ist ein titanisches Projekt, das schon jetzt Geschichte geschrieben hat, genau wie Uber – beide Firmen haben Mobilität neu gedacht. Und deshalb sind mir Auto-Marken ziemlich egal. Lieber setze ich auf Mobilitätsdienstleister und nicht umsonst ist meine größte Depotposition Sixt.

Stichwort „Made in Germany“. Viele Firmen klagen über Fachkräftemangel. Handelt es sich hierbei um Jammern auf hohem Niveau oder sollte die Bundesrepublik von ihrem aktuellen Sparkurs abkommen, zugunsten von Investitionen in Bildung und Infrastruktur?

Das hat ja momentan Hochkonjunktur: Börsen-Heinis, die nicht mehr nur Aktienkurse kommentieren oder Fonds managen, sondern Patentlösungen für die großen politischen und geostrategischen Fragen unserer Zeit herausposaunen – Flüchtlinge, Eurorettung, transatlantisches Bündnis, Russland. Ich frage mich da immer: Sind die mit ihrem Business nicht ausgelastet? Und vor allem: Wenn die doch alles so genau wissen, warum gehen sie dann nicht selbst in die Politik – statt nur zu schwadronieren?

Investiert die deutsche Regierung derzeit überhaupt in die richtigen Dinge?  

Wenn ich an dieser Stelle nicht als Börsianer und Investor, sondern als Staatsbürger nach meiner Meinung gefragt werde, will ich nicht verhehlen: Die Leidenschaft, mit der man in Deutschland – sowohl in der Politik als auch am Stammtisch – über Teilaspekte von Migration diskutiert, würde ich mir auch bei Zukunftsthemen wünschen. Und bei Energie, Bildung, Infrastruktur, Mobilität oder den sozialen Implikationen von Automatisierung und Digitalisierung geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem um schlüssige Konzepte.

INTERVIEW//KATJA ECKARDT

ZUR PERSON

Christian W. Röhl (42) hat Wachstumsfirmen beim Going-public begleitet, einen der ersten Online-Börsenbriefe Deutschlands lanciert und zur interaktiven Community ausgebaut, für internationale Investmentbanken Mandate über mehr als 400 Millionen Euro betreut, einen heute global tätigen Index-Provider aus der Taufe gehoben, das eigene Unternehmen erst an die Börse gebracht und dann seine Anteile mehrheitlich an ein führendes europäisches Medienhaus veräußert. Seitdem verwaltet der Kapitalmarkt-Profi vor allem sein eigenes Vermögen – und teilt seine Erfahrungen: In seinem Bestseller „Cool bleiben und Dividenden kassieren“, auf seinem Blog „DividendenAdel“ sowie in Vorträgen und Workshops für Privatanleger, Family Offices und andere Unternehmer.

DIE AUTORIN

Katja Eckardt ist studierte Betriebs- und Volkswirtin. Sie hat verschiedene Bücher zum Thema Investieren geschrieben und betreibt das Anleger-Portal Finanzdiva. Ihr Ziel ist es, Frauen finanziell weiterzubilden und zu motivieren. Sie sollen sich aktiv eine unabhängige Zukunft aufbauen, indem sie die Angst vor Finanzthemen verlieren. Katja Eckhardt schreibt regelmässig für MATERIALIST.

www.finanzdiva.de