Was soll man mit diesem blauen Italiener bloß anfangen? Wie auf der Flucht, über Äcker, Wiesen und durchs Unterholz pflügen? Auf der Autobahn Kondensstreifen hinter sich herziehen oder in der Stadt die Rangliste der coolsten SUV anführen?

Seine 650 Pferdestärken setzt der italienische Stier dank hoch moderner Technik weitaus sensibler ein als manch anderer Geländespezialist.

Es geht schon in der Parklücke los. Dieser blaue Korpus steht nicht lange unbemerkt da. Keine zehn Sekunden dauert es und das erste Handy hat ihn eingefangen. Ein Auto, wie kein zweites. Astraeus Blue, so seine Farbe. Vermutlich wurde die Farbe nach dem gleichnamigen Titan der griechischen Mythologie getauft. Den Namen Urus hat man bei Lamborghini als Verbindung zum Auerochsen gesehen, schließlich tragen alle jüngeren Lamborghini-Modelle den Namen eines berühmten Stieres. Der Urus nun als Ur-Vater aller Stiere, auf das dieser Lamborghini nun allen Nachfahren ein würdiger Ur-Ahn sein möge. Der Auftritt jedenfalls bestätigt diese Theorie. Der Urus ist ein Koloss mit mehr Falten und Furchen als alle bisherigen Lamborghini zusammen. Als hätte ihn jemand aus echtem Titanen-Holz geschnitzt und ihm dann die Kräfte des Vaters aller Stiere verliehen. Mehr Mystik, mehr offenkundigen Überfluss an Kraft sieht man kaum auf unseren Straßen.

Das deutlich abfallende Heck gibt dem Wagen eine betont geduckte Haltung. Hinter den mindestens 21-Zoll-Felgen verbauen die Italiener serienmäßig eine Carbon-Keramik-Bremse mit 440 Millimeter großen Scheiben an der Vorderachse.

Bentley machte den Anfang, vorher wurde ein Militär-Wagen zum Status-Symbol einer Gesellschaft, die nicht genug Raubein auf Rädern zeigen konnte, der Hummer als Spielzeug oder als Streitwagen für Superhelden unserer Realität. Nun also das obere Ende der Fahnenstange aller SUV. Kraft und deren Optik an die Spitze getrieben. Der Urus ist der italienische Vorschlag-Hummer mit dem Charme eines von Ingenieuren entwickelten Entfesselungskünstlers, der einfach mal zeigt, wie man Ur-Gewalten bändigt und dann jede Casting-Show auf unseren Boulevards um den coolsten, härtesten und stärksten Off- und Onroad-Wagen unserer Zeit lässig gewinnt. Dieser Italiener zeigt, wie man SlimFit, Bügelfalten und Allwetter-Talent auf eine neue Ebene trägt. „Mach´ mit mir, was Du willst, nur mach´ es möglichst extrem.“

Auffällig ist der massive Mitteltunnel mit dem markentypische rote Startknopf und dem Wahlhebel für den Fahrmodus in sechs Stufen: Strada, Sport, Corsa (Rennstrecke), Terra, Sabbia (Sand) und Neve (Schnee).

Allein die Räder im 23-Zoll-Format wollen durch kleine Flüsse waten, Geröll-Wüsten durchqueren, Schneematsch-Hügel erklimmen oder einfach vor der Oper stehen bleiben und eine figura marcato abliefern. Der italienische Reifen-Bauer Pirelli hat exklusiv für den Urus eine besondere Mischung gebacken, auf das die 650 PS auch in wildestem Gelände niemals den Halt verlieren mögen. Dass wir später mit 300 km/h über eine norddeutsche Autobahn rennen und uns dabei über reichlich Traktion freuen, rechnen wir auch den Pirellis zu. Vor uns zeigen andere Autofahrer, wie man vorbildlich eine Rettungsgasse bildet. Man wartet einfach auf einen blauen Hammer und flüchtet auf die rechte Spur. Man kann es auch Überholprestige nennen und dem Urus wurde dieses Privileg recht deutlich auf den Titan-blauen Laub geschneidert.

Über einen grossen Monitor präsentiert sich die gesamte Informations- und Entertainmentwelt.

Die tiefen Furchen in der Nase des Urus sollen sicher nicht nur einer ausgetüftelten Kühlungsstrategie genügen, sie sollen zeugen von enormen Vorwärtsdrang. Weiter hinten dann das deutlich abfallende Heck, was dem Wagen grundsätzlich eine geduckte Haltung verleiht. Auf dem Sprung nach vorn. Die breiten Radhäuser hinten, maskulin bis zum Abwinken, dazwischen die Flanke durchzogen von Sehnen, auf der Motorhaube, dem Dach des V8-BiTurbo-Kraftwerkes, wieder diese Linien. Alles an diesem Italiener spricht von Kraft, Dynamik, Moderne und Klassik. Selbst der Motor ist eine Hommage an Hubraum und die zeitgenössische Technik des Turboladers. Kein anderer Lamborghini wird per Turbo gestärkt und er arbeitet wunderbar sauber und präzise. Wie überhaupt die Technik in diesem Über-Auto so gerne und verdient mit seiner Technik prahlt.

Die Mittelkonsole gleicht dem Kontrollstand eines schnellen Powerbootes.

Der Urus ist online, connected, digital und natürlich nahezu übertrieben ausgestattet. Die Mittelkonsole gleicht, vor allem im unteren Bereich, dem Kontrollstand eines sehr, sehr schnellen Powerbootes. Darüber der obligatorisch riesige Monitor in dem die gesamte Informations- und Entertainmentwelt lebt und arbeitet. Blitzschnelle Prozessoren liefern Mengen an Daten und bereiten sie sauber auf. Vor dem Steuer alle für den Fahrer wichtigen Informationen in Farbe und gestochen scharf. Das alles muss man heute erwarten, die Konkurrenz schläft nicht. Was den Urus neben den anderen exquisiten SUV auszeichnet, ist natürlich sein Charakter. Der Auerochse aus der harten Industrie-Region Emiglia Romana schnaubt aus dem Endrohren seinen harten, rauen und vor allem lauten Kampfschrei so durchdringend wie ein Kampfstier in der Arena, jedem Matador dürfte an dieser Stelle das Beinwerk ins Wanken geraten. Furchteinflößend dürfen wir das nennen. Optik und Akustik im Einklang. Image ist alles und der Urus hat sogar noch mehr zu bieten. Er liefert, überall. Auch im Gelände. Das Differenzial ordnet die Kräfte des Motors ausschließlich an die Räder mit Traktion, auf das der fast 2,3 Tonnen schwere Bulle niemals den Halt verliert, was er auch nicht tut. Wir haben das am eigenen Leib erlebt.

Die meisten Autobahnfahrer werden den Auerochsen vor allem von hinten sehen.

In der Stadt, jener Arena, die für fast alle SUV eher als Bühne gilt, stolziert der Norditaliener mit der Grandezza eines muskulösen, kräftigen Burschen im Maßanzug und den Rahmengenähten von Calogero Mannina aus Florenz von Ampel zu Ampel. Dazwischen, nach einem sehr zarten Gasstoß, steigt die Drehzahl kurz unter zweitausend, der Motor quittiert den Fingerzeig mit einem leichten Grummeln. Wer dem Urviech bessere Laune spendieren will, schickt ihn auf die Weide. Mit langen Kurven, noch längeren Geraden und der ein oder anderen Steigung. Erst dort darf man die Technik unter dem Blau erleben. Das Getriebe, welches seine acht Gänge sehr schnell und ohne spürbare Zugkraftunterbrechung sortiert, arbeitet auch im Supersportler Aventador S. Die Bremsen, die auch nach dem x-ten Extrem-Manöver noch kein Fading zeigen, entschleunigen den Wagen nach kürzester Entfernung. Das saubere Einlenkverhalten, kein Wanken, kein Seegang, nur klares Laufen durch die Windungen einer Landstraße oberhalb Flensburgs, all das ist Teil des Charakters des Urus. Das örtliche Tempolimit erreicht man eigentlich immer zu schnell und nach rund 800 Kilometern wissen wir, dass die Urgewalt aus Sant´ Agata sogar recht genügsam unterwegs sein kann. Irgendwas um 14 Liter pro 100 Kilometer ergeben unsere Messungen. Und wir waren nicht zimperlich.

TEXT//RALF BERNERT  FOTOS//JONAS THIEL

ANGABEN DES HERSTELLERS

Lamborghini Urus

MotorV8 BiTurbo

Hubraum3.996 ccm

Leistung478 kW / 650 PS bei 6.000 U/min

Drehmoment850 Nm bei 2.250 bis 4.500 U/min

AntriebAllrad

Getriebe8-Gang Automatik

Länge5.112 mm

Breite2.106 mm mit Spiegel

Höhe1.638 mm

Radstand3.003 mm

Bodenfreiheit158 bis 248 mm

Leergewicht2.197 kg

Leistungsgewicht3,38 kg/PS

Fahrleistungen0-100 km/h in 3,6 s

Höchstgeschwindigkeit305 km/h

Verzögerung100 km/h bis 0 33,7 m

Verbrauch und CO2 kombiniert12,3 l /100 km; CO2  279 g/km

Preis in Deutschlandab 171.429,00 Euro ohne Steuer

 

ZITATE

Der Urus ist ein Koloss mit mehr Falten und Furchen als alle bisherigen Lamborghini zusammen.

 

Mehr Mystik, mehr offenkundigen Überfluss an Kraft sieht man kaum auf unseren Straßen.

 

Das Überholprestige wurde dem Urus recht deutlich auf den Titan-blauen Laub geschneidert.

 

Die Mittelkonsole gleicht, vor allem im unteren Bereich, dem Kontrollstand eines sehr, sehr schnellen Powerbootes.